105 Geflüchtete dürfen nach drei Tagen Warten auf dem Mittelmeer in Italien an Land

Die Aquarius, das von SOS MEDITERRANEE gecharterte und zusammen mit Ärzte ohne Grenzen (MSF) betriebene Rettungsschiff, ist heute Morgen in Catania (Sizilien) angekommen. An Bord befanden sich 105 Menschen, die am Sonntag von einer spanischen NGO aus Seenot gerettet wurden. Nach zwei langen Tagen bürokratischer Blockade hatte die Aquarius von den zuständigen Behörden die Genehmigung erhalten, die Menschen aufzunehmen, und später einen sicheren Hafen anzufahren.

 

Bürokratische Pattsituation

Am vergangenen Sonntag wurden 105 Menschen von der unter britischer Flagge fahrenden Astral gerettet, einem Rettungsschiff der spanischen NGO ProActiva OpenArms. Weil die Geretteten nicht dauerhaft auf der nur 30 Meter langen Astral bleiben konnten, mussten sie auf ein geeigneteres Schiff gebracht werden.

Am Montagmorgen sendete daher die britische Seenotrettungsleitstelle (UKMRCC) die Koordinaten für einen Treffpunkt mit der Astral an die Aquarius, um die 105 Menschen aufzunehmen. Die Aquarius bot ihre Unterstützung an, benötigte jedoch die schriftliche Genehmigung von einer der zuständigen Behörden, bevor der Transfer der 105 Geretteten beginnen konnte.

Die folgenden diplomatischen Verhandlungen zwischen den italienischen und britischen Behörden zogen sich über Stunden, während sich die hygienischen und gesundheitlichen Bedingungen der 105 Schiffbrüchigen an Bord der Astral kontinuierlich verschlechterten.

Erst einen ganzen Tag später löste die italienische Seenotrettungsleitstelle in Rom (MRCC) endlich die Situation und erlaubte der Aquarius die 105 Personen am Montagabend an Bord zu nehmen. Dort wurden sie dann vom Rettungsteam von SOS MEDITERRANEE sowie von Ärzte ohne Grenzen in Empfang genommen und entsprechend versorgt.

Am Dienstagmorgen informierte die Aquarius die italienische Seeschifffahrtsbehörde, dass sie aufgrund der verschlechternden Wetterbedingungen das Rettungsgebiet vor der libyschen Küste verlassen wolle. Sie beantragte wie üblich einen sogenannten sicheren Hafen („Port of Safety“) genannt zu bekommen, um die 105 Schiffbrüchigen an Land bringen zu können. Dieser wurde am späten Dienstagnachmittag schließlich zugewiesen.

Heute Morgen hat die Aquarius den Hafen von Catania (Sizilien) erreicht, wo die Geretteten an Land gegangen sind.

 

Libysche Küstenwache fängt Flüchtende auf hoher See ab

Unter den 105 Menschen an Bord der Aquarius waren insgesamt 34 Minderjährige, darunter sechs Kinder unter 13 Jahren. Die meisten von ihnen geben an, wegen der Sicherheitslage in Libyen geflohen zu sein.

Erst am vergangenen Sonntag wurde die Aquarius Zeuge davon, wie die libysche Küstenwache ein Schlauchboot in internationalen Gewässern (24 Seemeilen vor der libyschen Küste) östlich von Tripolis abfing. Crewmitglieder von SOS MEDITERRANEE konnten durch Ferngläser beobachten, dass während des Manövers mehrere Personen ins Wasser sprangen. Die Aquarius bot der libyschen Küstenwache mehrmals die Hilfe bei der Evakuierung des Schlauchboots an. Die libysche Küstenwache wies die Aquarius jedoch stattdessen an, sich von dem Einsatzort zu entfernen.

„Die derzeitige Unklarheit bei der Koordinierung der Rettungen auf See ist das Ergebnis einer europäischen Politik, die durch die im Februar 2017 vom Europäischen Rat unterzeichnete Erklärung von Malta bestätigt wurde. Die Konsequenz wird uns direkt vor Augen geführt: Weniger Menschen kommen in Italien an, aber mehr Flüchtende ertrinken. Es gibt weniger Rettungen durch humanitäre Schiffe, während das Mittelmeer aufgrund der unklaren Übertragung von Verantwortung an die libyschen Behörden gleichzeitig immer unsicherer wird “ sagte Frédéric Penard, Director of Operations von SOS MEDITERRANEE.

„Angesichts der beschämenden und inakzeptablen Behandlung dieser 105 Menschen fordert SOS MEDITERRANEE die europäischen Entscheidungsträger*innen dazu auf, dringend ihren Kurs zu überdenken. Der Schutz von Menschenleben auf See muss oberste Priorität haben, damit die Grundprinzipien der Europäischen Union – Solidarität und Menschlichkeit – bewahrt werden“ fügte Penard hinzu.

 

Mit der Bitte um Veröffentlichung.

Pressekontakt: Jana Ciernioch, SOS MEDITERRANEE Deutschland e.V., j.ciernioch@sosmediterranee.org