[3 FRAGEN AN] Anne, Ärztin an Bord der Ocean Viking

Im Juni und Juli 2020 war Anne beim ersten Einsatz der Ocean Viking mit einem voll integrierten, eigenen SOS MEDITERRANEE-Ärzteteam als Ärztin an Bord. Bei diesem Einsatz wurde die psychische Not einer Gruppe von Überlebenden so stark, dass einige von ihnen einen Suizidversuch unternahmen und sich selbst und anderen Schaden zuzufügen drohten. Daraufhin unternahm das Team an Bord den beispiellosen Schritt, den Notstand auf dem Schiff auszurufen.

Welche körperlichen Beschwerden hatten die Geretteten, als ihr sie an Bord aufgenommen habt?

„Einige der geretteten Menschen waren bis zu vier Tage auf See. Sie litten unter Seekrankheit, Dehydrierung, psychischer sowie physischer Belastung und Erschöpfung, starkem Sonnenbrand sowie unter den schweren psychologischen Folgen der Ungewissheit, ob sie in den bis zu vier Tagen und Nächten auf hoher See am Leben bleiben oder sterben würden.

Hinzu kam, dass viele von ihnen in ihren Herkunftsländern, in Libyen und auf ihrem bisherigen Weg, stark gelitten hatten. Gerettete berichteten von Zwangshaft, Entführungen, Schlägen und Folter durch ihre Entführer. Einige von ihnen hatten alte Traumata (Quetschungen nach Schlägen, Verbrennungsnarben, Gelenktraumata aufgrund von erzwungener und lang andauernder Körperhaltung oder Folgen unzureichender Behandlungen von Verletzungen wie gebrochener Beine oder Füße), einige hatten auch körperliche Verletzungen aufgrund der harten Zwangsarbeit, der sie in Libyen ausgesetzt waren. Infolge fehlenden Zugangs zu medizinischer Versorgung oder Medikamenten leiden viele Überlebende an chronischen Krankheiten. Einige hatten auch Beschwerden, die auf die jeweiligen Lebensumstände zurückzuführen sind, wie z.B. Abszesse, die einen chirurgischen Eingriff erforderten, infektiöse Hautkrankheiten und Unterernährung.”

Wie viele der 181 Geretteten zeigten Anzeichen, dass ihnen Gewalt widerfahren ist? Unter welchen psychologischen Bedingungen befanden sie sich nach den acht Tagen, die sie an Bord festsaßen?

„Wir sahen viele Patienten mit alten und neuen Verletzungen sowie schwer einzuordnende Anzeichen nicht sichtbarer Traumata, die auf ihrem bisherigen Weg verursacht wurden. Hierzu zählen zum Beispiel innere körperliche Traumata, die an Bord aufgrund fehlender medizinischer Diagnoseinstrumente (wie Laboruntersuchungen, Röntgenaufnahmen usw.) nicht präzise beurteilt werden konnten, sowie psychologische Traumata (z.B. durch sexuelle Gewalt), die erst nach mehreren Wochen oder Monaten nach der Ausschiffung an Land identifiziert werden können.

An Bord der Ocean Viking litten die Menschen unter psychologischem Stress. Zum einen resultierend aus der Nahtoderfahrung der teilweise Tage dauernden Flucht über das Meer, zum anderen aufgrund des tagelangen Aufenthalts an Bord der Ocean Viking – ohne Informationen, ohne zu wissen, was als nächstes mit ihnen geschehen würde. Einige befürchteten, dass sie gewaltsam nach Libyen zurückgebracht werden würden. Der Stress wurde hauptsächlich durch das Unbekannte verursacht.

Die Tatsache, dass unsere Besatzung keine Informationen erhielt und daher auch keine mit ihnen teilen konnte, erschwerte es, Vertrauen zu den Überlebenden aufzubauen, was zu starker psychischer Belastung führte. Die Ocean Viking soll Menschen für eine kurze Zeit sicher an Bord aufnehmen, bevor sie an einem sicheren Ort von Bord gehen können. Das Deck – auf dem die Überlebenden schlafen – ist nicht besonders komfortabel. Dort gab es nicht viel, mit dem sie sich beschäftigen konnten und für die meisten von ihnen war ein erholsamer Schlaf unmöglich. Dies führte wiederum zu großer Angst, denn die Menschen hatten nichts zu tun, außer an traumatische Erlebnisse in der Vergangenheit zu denken und sich um die Familien zu sorgen.“

Wie bist du / wie sind die Teams mit der Situation während des tagelangen Stand-Offs umgegangen?

Jeder Schritt wurde den Überlebenden an Bord erklärt, doch ihre Angst vor einer gewaltsamen Rückkehr nach Libyen war stärker als unsere Worte. Obwohl wir sieben Anfragen nach einem sicheren Ort stellten, erhielten wir nichts weiter als zwei Ablehnungen und keine Informationen von den zuständigen Seebehörden. Das Einzige, was wir ihnen jeden Tag auf ihre Fragen antworten konnten war, dass wir unser Bestes tun würden, um rasch einen sicheren Hafen zu erhalten, dass wir aber trotz unserer zahlreichen Versuche, noch keine Informationen bekommen hätten, die wir teilen könnten. Dies schürte die Frustration und erzeugte ein Maß an Verzweiflung, welches darin gipfelte, dass einige Menschen erwogen, sich selbst und andere zu verletzen. Ein weiterer Grund für den Stress war die fehlende Möglichkeit, Kontakt zu ihren Familien aufzunehmen, die nicht wussten, ob sie noch leben oder tot sind. Es gab sechs Selbstmordversuche an Bord, mehrere Panikattacken, Menschen sprachen von Erstickungsgefühlen, es gab Anzeichen für Depressionen sowie Berichte, sich von der Dunkelheit überwältigt zu fühlen. Einige Überlebende erzählten uns regelmäßig, dass sie über Bord springen wollen. Das Ärzteteam reagierte mit psychologischer Erster Hilfe (PFA) und medizinischer Unterstützung und Betreuung. Da wir jedoch die äußeren Umstände ihrer Notlage nicht ändern konnten, waren wir in unseren Unterstützungsangeboten eingeschränkt.

Sogar gegen Ende des Ausharrens auf See waren die Menschen erneut gezwungen, mehr als 15 Stunden zu warten, während die Ocean Viking die Anweisung zur Hafeneinfahrt erhalten hatte und das Land schon in Sicht war. Nach der Erklärung des Notstands an Bord am Freitag, den 03. Juli, wurde tags darauf ein italienischer Arzt von den Behörden an Bord geschickt. Wieder einen Tag später führte ein medizinisches Team Covid-19-Tests durch. Dann folgte die Anweisung Kurs auf Sizilien zu nehmen und vor Porto Empedocle zu ankern, wo die Ocean Viking ab Montagmorgen auf weitere Anweisungen wartete. Erst zwischen Montag, dem 6. Juli, und Dienstag, dem 7. Juli, von 23.40 Uhr bis 3.15 Uhr, konnten die Geretteten endlich von Bord gehen. Dieser letzte Tag und die halbe Nacht waren für sie erneut äußerst beunruhigend.“

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Photo credits: Flavio Gasperini / SOS MEDITERRANEE