Rettung eines Babies im Mittelmeer - Fotoreihe - Retterin übernimmt Kind

[3 FRAGEN AN] Flavio, Fotograf für SOS MEDITERRANEE

„Ich möchte Menschen mit meinen Fotos ehrlich gesagt wütend machen. Wenn man sich nicht über die Situation im zentralen Mittelmeer aufregt, dann stimmt etwas nicht. Es ist wichtig, dass uns ein System wütend macht, das dem Leben aller Menschen nicht den gleichen Wert beimisst.“

Flavio kam das erste Mal im Juni 2020 als Fotograf an Bord der Ocean Viking.

Seitdem hat er unter anderem die Folgen des Schiffsunglücks im April 2021 festgehalten und dokumentierte insgesamt zwölf Rettungseinsätze im Sommer 2021. Dabei konnten 1.127 Menschen gerettet werden.

Seine Fotos und Videos bezeugen die dramatische Situation im zentralen Mittelmeer und zeigen unsere lebensrettende Arbeit.

Du hast als Fotograf schon in vielen verschiedenen Umgebungen und zu unterschiedlichen Themen gearbeitet. Was ist die größte Herausforderung an der Arbeit im zentralen Mittelmeer?

„Ich habe schon in Zusammenhängen gearbeitet, in denen ich Fotos und Videos aus einem RHIB (Schlauchboot mit festem Rumpf) gemacht habe; vor allem im maritimen Naturschutz und bei Einsätzen gegen illegale Fischerei mit der Organisation Sea Shepherd. Das wichtigste dabei ist Anpassungsfähigkeit.

Das gilt auch für Such- und Rettungseinsätze. Wenn man sich anpassen kann, kann man überall gute Fotos und Videos machen. Bei meiner Arbeit bin ich mit vielen unterschiedlichen und unvorhersehbaren Szenarien konfrontiert worden. Im zentralen Mittelmeer müssen wir jeden Tag mit dieser Unsicherheit umgehen. Jede Rettung ist anders. Um die Situation bestmöglich zu erfassen, muss man die Lage einschätzen und bereit sein, sich auf sie einzustellen.

Sind die Überlebenden erst einmal an Bord, hängen die Herausforderungen von der Art der Fotos ab, die benötigt werden. Porträts sind auf einem Schiff nicht schwieriger zu machen als an anderen Orten. Für andere Arten von Fotos und Videos folge ich dem Rhythmus des Schiffes und des Einsatzes.

Alles hängt von den Situationen ab, die sich bieten. Es geht also darum, zu dokumentieren, was die Menschen tun und wie sie interagieren – seien es Menschen beim Spiel, in Momenten der Ruhe, vergnügte Kinder oder andere Situationen an Bord.“

Welche Wirkung deiner Bilder wünscht du dir? Welche Botschaft oder welches Gefühl würdest du gerne vermitteln?

„Ich glaube nicht, dass ein einzelnes Foto oder sogar Fotos im Allgemeinen die Welt verändern können. Jedoch glaube ich, dass mehrere Faktoren zusammenkommen, um die Art und Weise zu ändern, wie ein einzelner Mensch über eine ungerechte Situation denkt. In diesem Sinne kann ein Foto ein Funke sein, der einen Prozess in Gang setzt. Wenn jemand bereits dabei ist, sich über etwas Unrechtes bewusst zu werden, und ein Foto sieht, das ihn anspricht oder berührt, kann das den Ausschlag geben und das Verständnis dieser Person verändern.

Wenn es um Gefühle geht, möchte ich ehrlich gesagt Wut auf die aktuelle Situation im zentralen Mittelmeerraum machen. Ich denke, wenn man sich nicht über ein Umfeld wie das, in dem wir tätig sind, aufregt, stimmt etwas nicht. Ich glaube, es ist wichtig, dass wir uns über ein System aufregen, das dem Leben aller Menschen nicht den gleichen Wert beimisst.“

Welches Foto von deinem letzten Einsatz ist dir besonders in Erinnerung geblieben?

„Es ist kein einzelnes Foto, sondern eine Reihe von Fotos eines winzigen Babies. Es wurde einem unserer Retter auf dem RHIB aus einem in Seenot geratenen Boot gereicht.

Die Tatsache, dass jemand sein drei Monate altes Baby mit auf ein seenuntüchtiges Boot nimmt, um zu versuchen, das Meer zu überqueren, spricht für sich selbst. Die Art und Weise, wie das Baby den Rettern übergeben wird, ist etwas, das man in einem „normalen“ Umfeld nie sehen würde – niemand möchte sein Baby Fremden übergeben. Niemand möchte, dass sein Baby auf diese Weise weitergereicht wird. Aber in diesem Fall ist der Gedanke hinter dieser Geste deutlich zu erkennen“: „Nimm das Baby, bevor es zu spät ist“.