[3 FRAGEN AN] Marc, Rettungsteammitglied von SOS MEDITERRANEE

Marc arbeitete als professioneller Taucher bevor er sich im Jahr 2017 SOS MEDITERRANEE anschloss. Seither war er bei acht Rettungsmissionen an Bord der Aquarius und der Ocean Viking dabei. Nach seinen ersten Einsätzen auf See hat Marc zusammen mit drei weiteren Seenotrettern und dem Operations Manager eine theoretische und praktische Schulung für Seenotrettung entwickelt. Ziel dieser Schulung ist es, die Professionalität des SOS MEDITERRANEE Teams aufrechtzuerhalten und weiter zu entwickeln.

Wie kann man sich auf eine Notfallrettung vorbereiten?

Man kann nie vollständig darauf vorbereitet sein, Menschen in Seenot zu retten. Jede Situation ist anders. Der Bootstyp und -zustand, die Anzahl der Personen, ihr gesundheitlicher und mentaler Zustand, die Wetterbedingungen… Viele Faktoren müssen berücksichtigt werden. Ich fühle mich nie genügend vorbereitet. Wenn ich zudem denken würde, dass ich bereits weiss, was zu tun ist, würde ich unseren Einsatz als etwas Normales darstellen. Dass unsere Arbeit und unsere Einsätze eigentlich gar nicht existieren sollten, muss allen weiteren Überlegungen vorangestellt sein.

Trotzdem haben wir im Verlauf der letzten vier Jahre während unserer Einsätze im zentralen Mittelmeer natürlich viel Erfahrung und Know-how gesammelt. Basierend auf diesem Wissen haben wir Schulungen entwickelt, um unserem Such- und Rettungsteams praktische Tools zu vermitteln, sie zu befähigen, schnell zu denken und – je nach Kontext – die bestmöglichen Entscheidungen zu treffen.

Es gibt immer Dinge, die während eines Rettungseinsatzes schief gehen können. Sobald wir uns einem Boot in Seenot nähern, kann die Situation außer Kontrolle geraten. Die Personen an Bord können in Panik geraten und somit beispielsweise ihr bereits zerbrechliches Boot weiter destabilisieren. Wenn wir eine Rettung durchführen, müssen wir uns im Klaren darüber sein, was wir tatsächlich beeinflussen können. Ein Rettungseinsatz kann trotz der Befolgung aller Abläufe, die genau das verhindern sollen, kritisch werden. Wenn wir uns in einer solchen Situation jedoch auf die Maßnahmen verlassen, die sich als wirkungsvoll erwiesen haben, können wir unsere Kapazitäten, Leben zu retten, erhöhen.

Wie bildet SOS MEDITERRANEE Seenotretter*innen aus?

Zunächst gibt es viel zu lesen. Wir haben ein Handbuch verfasst: Offshore Mass Rescue Guidelines (auf Deutsch: Richtlinien für Massenrettungen auf See). Jede*r Seenotretter*in von SOS MEDITERRANEE muss es gelesen haben, bevor er oder sie an Bord kommen kann.

Mehrere Seenotretter*innen haben daran mitgearbeitet und Erfahrungen miteingebracht, damit das Handbuch möglichst komplett ist. Das Wort «Richtlinien» ist uns dabei sehr wichtig. Da jeder Rettungseinsatz anders ist, können wir diese nicht mit sehr strikten Regeln oder Abläufen angehen.
Unser Ziel ist es, eine bestimmte Art der Reflektion zu vermitteln. Wir wollen, dass jedes Teammitglied bestens vorbereitet und flexibel ist, um schnell reagieren und sich an jede Situation anpassen zu können.

Das Handbuch ist außerdem nicht nur für die neuen Retter*innen. Es muss ebenfalls immer wieder aufs Neue von erfahrenen Kolleg*innen gelesen werden, bevor diese wieder an Bord gehen. Wir haben auch eine Kurzversion mit den zentralen Elementen angefertigt – im Taschenformat und wasserresistent, so dass es jede*r Retter*in während der Einsätze bei sich tragen kann.

Das Handbuch ist jedoch nur ein erstes Hilfsmittel, welches es uns erlaubt Grundlagen zu vermitteln. Vor jedem neuen Einsatz und während wir uns in die Such- und Rettungszone begeben, finden mehrere theoretische und praktische Trainingseinheiten auf der Ocean Viking und mit unseren RHIBs statt. Dabei können Erklärungen aus dem Handbuch praktisch umgesetzt werden. Dabei hat das Team die Möglichkeit, Rettungen zu simulieren, die nötigen Handzeichen zu üben, die Handhabung sowie Pflege des Materials und der Ausrüstung zu erlernen und eine Vorstellung der eigenen Person während eines Einsatzes zu erhalten.

Diese gemeinsamen Trainingseinheiten helfen zudem, einen Teamgeist aufzubauen – ein wichtiger Bestandteil für das Gelingen unserer Mission Einsätze. Sobald wir Einsatz sind, müssen wir uns gegenseitig vertrauen und einander augenblicklich verstehen.

Hat SOS MEDITERRANEE vor, die Schulungen mit anderen Seeleuten zu teilen?

Ja, auf jeden Fall. Das Handbuchsoll möglichst vielen Personen von Nutzen sein. Wir arbeiten tatsächlich daran, es bald zu veröffentlichen.
Wir ergänzen es regelmäßig. Der Kontext auf See verändert sich oft und schnell. So haben sich zum Beispiel die Boote, aus denen wir Menschen aus Seenot retten, verändert. Wir müssen bestmöglich darüber informiert bleiben, welche Art von Booten verwendet werden und welche Sprachen die Personen, die über das Mittelmeer flüchten, sprechen. Letzteres ist wichtig, um möglichst gut mit den Überlebenden an Bord interagieren zu können. Bei einem Einsatz zählen nicht nur Ausrüstung und Rettungstechniken, sondern auch der Kontakt zu den Menschen in Not.

Für jede Art von Boot haben wir eine andere Herangehensweise. Die Größe, das Material, die Anzahl der Personen an Bord sowie der Zustand des Bootes haben Einfluss auf unsere Vorgehensweise. Wir wissen zum Beispiel, dass Schlauchboote ein großes Risiko aufweisen, Luft zu verlieren oder in der Mitte durchzubrechen. Holzboote hingegen haben ein größeres Risiko zu kentern. Basierend auf diesen Eigenschaften haben wir verschiedene Vorgehensweisen entwickelt, um uns den Booten zu nähern und die Menschen an Bord zu evakuieren. Auch Wetterbedingungen können unsere Entscheidungen stark beeinflussen.

Die Entwicklung unserer Schulungen beruht auf unseren eigenen Fehlern und Erfolgen. Das kann für viele Seeleute hilfreich sein, unabhängig davon ob es sich um professionelle Retter*innen handelt oder nicht. Zum Beispiel haben wir unser Know-how mit der italienischen NGO Mediterranea und ihrem Schiff Mare Jonio geteilt und ich bin überzeugt, dass unsere Erfahrungen für viele Schiffsbesatzungen und Organisationen nützlich sein können. Die Crew des Schiffes Maersk Etienne (Handelsschiff, dass Wochen auf einen sicheren Hafen wartete, um 27 geretteten Personen auszuschiffen) hat sich bestimmt nie vorgestellt, Menschen von einem kurz vor dem Untergang befindlichem zerbrechlichen Holzbootretten zu müssen. Wir schon. Ich glaube, es ist wichtig unsere Erfahrungen teilen zu können, damit mehr Leben gerettet werden können.

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Photo credits: Hannah Wallace Bowman / MSF