Morgane, Kommuniktaionsbeauftragte auf dem Rettungsschiff Ocean Viking

[3 FRAGEN AN] Morgane, Kommunikationsbeauftragte an Bord der Ocean Viking

„Es ist wichtig, von diesem Leid zu berichten, denn wir sind allein, ohne Zeugen, irgendwo auf dem Mittelmeer“. Als Brücke zwischen Land und Meer ist die/der Communication Officer an Bord der Ocean Viking ein wesentlicher Bestandteil unseres Einsatzes. Er/Sie informiert nicht nur unsere Mitarbeiter*innen an Land und die Öffentlichkeit über alle Details der Rettungseinsätze, sie begleitet auch die Journalist*innen, Fotograf*innen und Filmemacher*innen an Bord. Außerdem dokumentiert sie die Aussagen der Geflüchteten, die über ihre Situation sprechen möchten. Morgane war kürzlich bei einem Einsatz der Ocean Viking an Bord. Im Folgenden beantwortet sie drei Fragen zu dieser manchmal sehr belastenden Erfahrung. Sie hat während ihrer Zeit an Bord ein Schiffsunglück und zwei Rettungseinsätze miterlebt.

1. Wie hast Du deinen ersten Einsatz an Bord erlebt?

Mir wurde da erst so richtig bewusst, dass es in den internationalen Gewässern vor Libyen überhaupt keine Koordination der Seenotrettung gibt. Diese Situation gefährdet Menschenleben im zentralen Mittelmeer. Darüber kann ich nicht schweigen. Es war tiefste Nacht und wir suchten nach einem Boot mit 130 Menschen, das im Sturm in Seenot geraten war. Keine offizielle Rettungsstelle antwortete uns, wir wussten nur, dass ein paar Stunden zuvor ein Mayday eingegangen war… Wir fühlten uns völlig allein und verlassen von der Welt.

Deshalb ist es so wichtig, dass wir der ganzen Welt zeigen, was auf dem Mittelmeer passiert, mit Fotos und Videos, aber auch mit Worten. Dass wir von der Verzweiflung der Menschen, die in Seenot geraten, erzählen. Natürlich sind unsere Gefühle nebensächlich, wenn man weiß, dass zur selben Zeit Menschen in einem seeuntüchtigen Schlauchboot allein auf dem Meer treiben.

Yaya auf der Ocean VikingAber momentan trage ich noch viel Wut in mir, es wird dauern, bis auch die schöneren Erinnerungen Platz finden.

Ich erinnere mich zum Beispiel an den kleinen Yaya. Er schrie wie am Spieß, als wir ihn von seiner Mutter trennten, um ihn an Bord der Ocean Viking zu heben. Er hatte schreckliche Angst. Keine zehn Minuten später flitzte er über das Deck und rief fröhlich irgendwas durch die Gegend.

Er sprang mir in die Arme. Das hat mich berührt und auch diese Resilienz beeindruckt mich ungemein. Denn er und seine Mutter haben auf ihrer Reise traumatische Erfahrungen gemacht, auch auf dem Meer.

Inwiefern ist die Anwesenheit von Fotograf*innen/Filmemacher*innen und unabhängigen Journalist*innen an Bord wichtig für die Arbeit von SOS Méditerranée?

Die Journalist*innen, die seit 2016 jedes Mal, wenn das Schiff ausläuft, mit an Bord sind, ermöglichen eine unabhängige Berichterstattung über die Tragödie. Sie bekommen alle Gesprächen mit und hören die Funksprüche auf der Brücke. Die Reporter*innen fahren auch in den Rettungsschnellbooten mit, sie sind also beim Erstkontakt mit den Geflüchteten dabei. Das garantiert Transparenz.

Kameras und Fotoapparate ziehen die Menschen an, die ihre Geschichte erzählen wollen: Immer wieder kommen Gerettete zu den Journalist*innen und sagen: „Ich will reden, ich will, dass die Welt erfährt, was hier passiert.“ Es ist ein Ventil und scheint einigen wichtig für die Verarbeitung des Erlebten zu sein. Doch viele andere, die allermeisten sogar, schweigen, denn das Trauma ist zu groß. Diese Menschen haben nicht die Kraft zu reden.

Die Journalist*innen an Bord helfen dabei, die Geschichten der Geflüchteten in die Öffentlichkeit zu tragen, durch eine unabhängige Berichterstattung.

Die Fotograf*innen und Filmemacher*innen, die SOS MEDITERRANEE unterstützen, spielen ebenfalls eine wichtige Rolle. Ein Foto zeigt oft Dinge, die schwer in Worte zu fassen sind. Wenn man zum Beispiel sagte: „Die Boote sind überbesetzt“, hat nicht jeder und jede gleich vor Augen, wie eng zusammengepfercht die Menschen in den Booten sitzen. Aber ein Foto, das viel zu viele zusammengedrängte Menschen in einem seeuntüchtigen Schlauchboot zeigt, ein Foto, das das Leid auf den Gesichtern, die Not zeigt, verdeutlicht, wie gefährlich die Überfahrt ist, welche Risiken diese Menschen auf sich nehmen.

Die Fotos von den Menschen, die wir retten, und die Bilder vom Leben an Bord geben dem Drama ein Gesicht, sie transportieren Gefühle. Es ist uns wichtig, die Diversität der Menschen zu zeigen. Es sind Kleinkinder, Teenager, Frauen und Männer dabei. Ein Lächeln oder ein Blick kann sehr viel darüber aussagen, wie sich diese Menschen, die durch die Hölle gegangen sind, fühlen – auch wenn die Bilder natürlich immer nur einen kurzen Moment einfangen. Es ist wichtig, den Schmerz zu zeigen, denn außer uns gibt es kaum Zeug*innen im Mittelmeer.

Wie dokumentierst Du die Geschichten der Geretteten?

Wenn die Menschen erst einmal an Bord in Sicherheit sind, sich ein wenig ausgeruht und etwas gegessen haben, vor allem aber, wenn sie Vertrauen gefasst haben, gilt es auf den richtigen Augenblick zu warten, um auf sie zuzugehen und zu fragen, wer sie sind. Manchmal benötigen die Menschen Tage, um über ihre Erlebnisse sprechen zu können.

Viele Gerettete lerne ich ein bisschen besser kennen, während wir an Bord auf die Zuweisung eines sicheren Ortes durch die Behörden warten – das kann mehrere Tage dauern. Auf diese Weise kam ich mit vielen Menschen ins Gespräch.

Kartenspiel auf der Ocean Viking

So erzählte mir ein junger Mann, der mit anderen Jugendlichen Karten spielte, von sich und seiner Reise. Zu diesem Zeitpunkt befanden sich viele unbegleitete Minderjährige an Bord, aber der, der mit mir sprach, sah etwas älter aus. Er sagte, bei ihm zu Hause seien die Regeln des Spiels ein wenig anders. Ich fragte: „Wo bist du denn zu Hause?“ Er kam aus Burkina Faso, wie mehrere andere Jugendliche der Gruppe. Er meinte, er habe schon lange keine Karten mehr gespielt. Dann begann er, von sich zu erzählen. Nachdem ich gefragt hatte, ob ich mir Notizen machen dürfte, setzten wir uns ein Stück weiter weg.

Die Menschen in Europa wissen viel zu wenig über die Lebensgeschichten der Menschen, die gezwungen sind, ihr Land zu verlassen. Sie reduzieren sie auf den Begriff „Migrant*innen“. Es wird viel an ihrer Stelle geredet, es wird viel über sie geredet, aber sie bekommen nur selten die Gelegenheit, von sich selbst zu erzählen.

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Das Interview wurde aus dem Französischen übersetzt, von Sonja Fink lektoriert und von SOS MEDITERRANEE Deutschland etwas gekürzt.
Fotonachweis: Titelbild – Emmanuelle Chaze, Yaya – Flavio Gasperini / SOS MEDITERRANEE, Kartenspiel – Morgane Lescot / SOS MEDITERRANEE