Pauline war als Hebamme an Bord unseres Rettungsschiffes

[3 FRAGEN AN] Pauline, Hebamme auf der Ocean Viking

„Die Ocean Viking ist ein Ort, an dem die geretteten Frauen einen Platz finden, an dem sie reden können und an dem ihnen zugehört wird.“

Seit Beginn unseres Einsatzes im Februar 2016 haben die Teams auf der Ocean Viking und der Aquarius 5.137 Frauen gerettet. Das sind etwa 15 % der 34.074 Menschen, die sicher an Bord unserer Rettungsschiffe gebracht wurden. Pauline, Hebamme für SOS MEDITERRANEE, war im April 2021 auf der Ocean Viking für die Betreuung der geretteten Frauen und Kinder zuständig. In diesem Interview beschreibt sie sowohl die medizinische Versorgung als auch die psychologische Erstversorgung an Bord. Außerdem spricht sie über die besonderen medizinischen Bedürfnisse der Frauen, die von unserem Team gerettet wurden.

In welchem gesundheitlichen Zustand befanden sich die Frauen, die du im April 2021 an Bord der Ocean Viking getroffen hast?

Die geretteten Frauen haben meist lange Wege durch verschiedene Länder hinter sich. Oft waren sie vielen Arten von Gewalt ausgesetzt: körperliche, sexuelle, psychologische und/oder Zwangsarbeit. Mädchen und Frauen, die ohne Eltern oder männliche Partner reisen, sind besonders gefährdet, Opfer von Menschenhandel und sexueller Ausbeutung zu werden.

Sexuelle Gewalt führt zu unermesslichem Leid, zu einem Gefühl des Würdeverlusts sowie zu unmittelbaren und langfristigen medizinischen und psychologischen Folgen. Frauen können sich mit sexuell übertragbaren Krankheiten infizieren oder ungewollt schwanger werden. Die meisten haben mehrere Monate oder sogar Jahre lang keinen Zugang zu medizinischer Versorgung gehabt. Unbehandelte Infektionen und ungewollte Schwangerschaften können zu medizinischen Komplikationen führen. Sexuelle Gewalt hat auch Auswirkungen auf die psychische Gesundheit. Sie kann Angstzustände, Depressionen, Suchtverhalten und Tendenzen zur sozialen Isolation verursachen, die manchmal zu Selbstmord führen können. Schwangere Frauen sind ebenfalls besonders gefährdet, da sie in der Regel während der Reise keinen Zugang zu Vorsorgemaßnahmen und Kontrolluntersuchungen im Zusammenhang mit ihrer Schwangerschaft haben.
Untersuchung in der Bordklinik

Die meisten der Frauen, die ich im April an Bord der Ocean Viking traf, erzählten mir, dass sie auf ihrer Flucht und in Libyen verschiedene Formen von Gewalt erlebt haben. Bei der Ankunft an Bord waren viele Frauen müde und angespannt. Hinzu kamen Symptome, die direkt mit der Flucht über das Meer zusammenhängen: Seekrankheit, Dehydrierungen und allgemein Schmerzen, die vor allem auf ihre Lage in den überbesetzten Booten zurückzuführen sind. Die meisten von ihnen berichteten, dass sie geschlagen wurden, damit sie die Boote bestiegen. Einige hatten auch Treibstoffverbrennungen. Das Gemisch aus Salzwasser und Treibstoff, das sich auf dem Boden von Schlauchbooten sammelt, ist extrem ätzend für die Haut. Diese Verbrennungen müssen unter Umständen mehrere Tage oder sogar Wochen lang behandelt werden.

Einige Frauen flohen mit ihren kleinen Kindern. Auch sie waren auf dem Weg Gewalt ausgesetzt, die Auswirkungen auf ihre psychische Gesundheit hatten. An Bord konnte ich beobachten, wie sie sich erst nach ein paar Tagen allmählich entspannten und sich unseren Teams und einander gegenüber öffneten.

Was sind die wichtigsten medizinischen und psychologischen Behandlungen, die das medizinische Team anbieten kann?

Nach der Rettung wollen die Frauen und Kinder vor allem eines: sich an einem Ort auszuruhen, an dem sie nicht um ihr Leben fürchten müssen. Wir haben einen Schutzraum für Frauen und Kinder auf dem Achterdeck, wo ihre Privatsphäre gewährleistet ist.

Kinder malen an Bord der Ocean Viking

Wir haben auch die Möglichkeit, in einer auf dem Achterdeck installierten Klinik medizinische Erstversorgung zu leisten. Dieses medizinische Modul ist vergleichbar mit einem Mini-Krankenhaus. Dort empfangen wir schwangere Frauen zur Beratung, für Kontrolluntersuchungen sowie um eventuelle Krankheiten zu erkennen und Komplikationen zu vermeiden. Wir verfügen über alle notwendigen Geräte, um eine Geburt begleiten und die Erstversorgung eines Neugeborenen leisten zu können. Wir sind auch in der Lage, den Gesundheitszustand von Patient*innen zu stabilisieren, die eine besondere Betreuung an Land benötigen. Je nach Dringlichkeit der Situation können wir sie den Gesundheitsbehörden bei der Ausschiffung melden oder eine medizinische Evakuierung bei den Seebehörden anfordern.

Wie bei jedem Einsatz auf See haben wir im vergangenen April auch die weiblichen Überlebenden (und die Männer) über die Unterstützung aufgeklärt, die den Überlebenden sexueller Gewalt angeboten werden kann. Wir können die Frauen medizinisch versorgen und ihnen, wenn der Übergriff innerhalb von fünf Tagen vor ihrer Ankunft auf unserem Schiff stattfand, Notfallverhütungsmittel zur Verhinderung ungewollter Schwangerschaften zur Verfügung stellen. Wir bieten auch Behandlungen zur Vorbeugung von sexuell übertragbaren Infektionen (HIV, Hepatitis B und andere Geschlechtskrankheiten) an.

Und schließlich ist die Ocean Viking ein Ort, an dem Frauen einen Platz finden, an dem sie reden können und an dem ihnen zugehört wird. Für uns ist die Wahrung der Vertraulichkeit eines solchen Austauschs von entscheidender Bedeutung, auch wenn der Platz an Bord des Schiffes begrenzt ist.

Durchführung eines Ultraschalls

Was hat dich bei deinem ersten Einsatz am meisten geprägt?

Über die medizinische Versorgung hinaus wollen wir ein offenes Ohr und einen sicheren Raum bieten, in dem nicht geurteilt wird und in dem jede und jeder das ablegen kann, was sie oder er zurücklassen möchte.

Ich hatte mitunter das Gefühl, dass das Deck der Ocean Viking ein Speicher für Emotionen und Erinnerungen war, die manchmal fast unaussprechlich waren. Einige Frauen haben mir zum Beispiel einen Teil ihrer Geschichte anvertraut, über den sie noch nie gesprochen hatten. Ich denke, es ist wichtig, dass sie sich frei fühlten, das mitzuteilen, was sie ihren Familien oder Angehörigen oft nicht sagen können. Vielleicht ermöglichte es ihnen, das Schiff ein wenig leichter zu verlassen, um ihre Reise fortzusetzen.

Bevor ich an Bord ging, hatte ich ein Bild im Kopf. Die Idee, dass ich auf kleinem Raum, ein wenig außerhalb der Zeit, Ausschnitte aus dem Leben, Gefühle, Geschichten, Blicke, Gesten, Lächeln… teilen würde.

Neben diesen schrecklichen Geschichten und trotz der Schwierigkeiten und Ereignisse, die sie erlebt haben, haben diese Frauen Hoffnung. Der Mut und die Kraft, die dadurch zustande kommen, ergreifen mich. Für einige besteht die Hoffnung darin, eines Tages in einem friedlichen Land zu leben. Für andere besteht sie darin, zu studieren oder ihren Kindern eine Chance zu geben, dem Kreislauf der Gewalt, in dem sie aufgewachsen sind, zu entkommen.

Zu sehen, wie sich diese Frauen und Kinder im Laufe der Tage an Bord öffnen, wie sie lächeln und sich austauschen, ist eine sehr eindrucksvolle Erinnerung für mich.

gerettetes Kind auf dem Arm eines Teammitglieds an Bord der Ocean Viking

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Zum Zeitpunkt des Interviews, bereitet sich die Crew auf einen neuen Einsatz im zentralen Mittelmeer vor. Es wird der erste gemeinsame Einsatz mit der Internationalen Föderation der Rotkreuz- und Rothalbmondgesellschaften (IFRC) als neuer medizinischer Partner sein.
Die IFRC wird die Geretteten an Bord nach der Rettung unterstützen, z. B. bei der medizinischen Versorgung und psychologischen Betreuung, sowie durch Schutz und Grundversorgung der Überlebenden.

Fotos: alle Bilder – Flavio Gasperini / SOS MEDITERRANEE, außer: malende Kinder – Julia Schaefermeyer / SOS MEDITERRANEE