„Allein die Vorstellung ist undenkbar, dass Kinder alleine in der Dunkelheit unterwegs sein könnten, auf einem Boot, das kaum mehr treiben kann.“

3 Fragen an Viviana, Mitglied des Such- und Rettungsteams auf der Aquarius

„Als ich ihn sah, dachte ich ‚er könnte mein Sohn sein‘.“

Seit Beginn ihrer Such- und Rettungseinsätze im zentralen Mittelmeer vor 2 ½ Jahren hat die Aquarius fast 30.000 Menschen gerettet; davon waren 1/ 4 minderjährig – viele von ihnen kamen ohne Eltern oder Vormund an Bord. Viviana, Mitglied des Such- und Rettungsteams, ist professionelle Rettungsschwimmerin und zugleich auch Mutter. Sie hat eine 10-jährige Tochter und einen 12-jährigen Sohn. Nachfolgend erzählt sie, wie es ihr bei den Begegnungen mit den geretteten Minderjährigen an Bord der Aquarius ergeht und wie sie versucht, ihre eigenen Kinder an diese sensible Thematik heranzuführen.

Was fühlst Du, wenn Du Minderjährige rettest?

„Ich fühle, wie jede Mutter fühlen würde. Ich denke, dass sie mein Sohn, meine Tochter sein könnten. Es macht mich verrückt. Für eine europäische Mutter ist allein die Vorstellung undenkbar, dass ihre Kinder alleine in der Dunkelheit unterwegs sein könnten, auf einem Boot, das kaum mehr treiben kann.

Minderjährige sind sehr verletzlich. Ich habe viele Teenager aus verschiedenen Ländern gesehen, die allein auf ihrer Reise waren mit vielen Männern. Wir wissen auch, dass ein großer Teil dieser Kinder Opfer von Gewalt, einschließlich sexueller Gewalt werden, das ist weit mehr als schwer erträglich, es ist absolut inakzeptabel.

Zwischen 17-Jährigen und 10-Jährigen gibt es einen offensichtlichen Unterschied. Letztere sind immer noch Kinder, nicht nur unbegleitete Minderjährige. Wenn ich ihre Augen sehe, ihr Lächeln, dann macht mich das manchmal ein bisschen schwach. Ich sage mir: ‚Wir sind hier, sie sind sicher, sie sind bei uns‘, aber dann denke ich: ‚Warum sind sie hier? Sie sollten zu Hause bei ihren Eltern sein, mit Spielzeug spielen und eine schöne Kindheit haben. Sie sollten nicht hier sein.‘ Ich hoffe sehr, dass sie, wenn sie von Bord gehen, den Schutz erhalten, den sie verdienen.“

Wie sprichst Du über Deine Arbeit und diese Kinder und Jugendlichen mit Deinen eigenen Kindern?

„Sie wissen, dass viele Minderjährige an Bord dieses Schiff kommen, und sie danken mir für das, was ich tue. Meine Tochter fragte mich sogar: ‚Mama, kann ich mitkommen und Dir mit den Kindern helfen?‘. Ich spreche wirklich offen mit ihnen. Natürlich ist es nicht einfach, über Dinge wie sexuelle Gewalt zu sprechen, aber sie wissen, dass diese Minderjährigen alleine reisen. Sie wissen, in welchem Zustand sie ankommen, dass sie nichts haben. Sie wissen, wie die Reise ist, sie wissen alles darüber. In gewisser Weise haben sie Glück, eine Mutter zu haben, die ihnen mit dieser Arbeit die Augen öffnen und den Blickwinkel erweitern kann.

Die Kinder, die wir an Bord antreffen, haben mit dieser Reise bereits die dramatischste Erfahrung ihres Lebens gemacht. Unsere Kinder in Europa haben so etwas noch nie erlebt, das macht natürlich einen Unterschied. Unsere Kinder haben alles. Oft haben sie sogar Dinge, die sie gar nicht wirklich brauchen.

Gibt es Begegnungen mit den Minderjährigen, die Dich ganz besonders berührt haben?

Ich erinnere mich an einen Jungen, der unbegleitet aus Ägypten kam, er war noch keine 12 Jahre alt, wie mein Sohn. Er kam zu mir und umarmte mich oder lächelte. Wir konnten nicht viel kommunizieren, weil er Arabisch sprach und ich nicht. Als ich ihn sah, dachte ich ‚er könnte mein Sohn sein‘.

Einmal war ich am sogenannten Boat-Landing [der Stelle auf der Aquarius, an der die Geretteten an Bord kommen und von den Teams in Empfang genommen werden] und sie übergaben mir den Körper einer Frau. Sie war so schön, aber schon tot. Wir hatten auch ihr Neugeborenes an Bord, den 6 Monate alten Richard. Ich passte auf ihn auf, bis wir an einem sicheren Ort in Italien ankamen. Erfahrungen wie diese kann man nicht wieder vergessen. Es ist wie eine Verletzung, eine Narbe, die du hast. Bisher habe ich positiv reagiert.

Ihnen muss geholfen werden, nicht mir, also muss ich stark für sie sein. Ich weiß nicht, ob sich das in Zukunft ändern wird und ob diese Geschichten auf mich zurückkommen werden. Ich hoffe nicht. Ich hoffe, dass all diese Geschichten mich stärker machen. Ich hoffe, dass ich all diese Geschichten, all diese Narben, nutzen kann, um etwas Positives an meine Kinder weiterzugeben und ihnen zu helfen, bessere Menschen zu werden.

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Interview: Marine
Übersetzung aus dem Englischen: Barbara Sowa
Photo credits: Guglielmo Mangapiane / SOS MEDITERRANEE