Rettungseinsatz Mittelmeer März 2021

[Augenblick] „Ohne unser Eingreifen wäre die Frau vielleicht gestorben“

„Dieses Bild, mag verglichen mit anderen, wenig Informationen erhalten. Es bedeutet mir trotzdem sehr viel. Im Moment der Aufnahme befand ich mich auf einem der schnellen Rettungsboote (RHIB)und war der stattfindenden Rettung ganz nah. Es war ein komplizierter Einsatz. Wir mussten eine Frau evakuieren, die nach mehr als elf Stunden auf See vor unseren Augen das Bewusstsein verlor. Wir nahmen sie an Bord unseres Rettungsboots.

Bei dieser Frau handelt es sich um die Frau, die mittig im Bild zu sehen ist. Meine Aufgabe ist es, Fotos zu machen. Aber es gehört mehr dazu. Man muss auch abschätzen können, in welchen Momenten man die Kamera weglegen sollte, um dem Rettungsteam zu helfen. Die Evakuierung war ein sehr aufgeladener Moment. Die Augen der Frau waren nach oben gerollt, als wir sie an Bord unseres Rettungsbootes brachten. Sie war nicht ansprechbar. Ich breitete die weiche Trage auf dem Boden unseres Bootes aus. Zusammen mit Viviana, legte ich sie sanft hin. Dass sie atmete, bemerkte ich sofort. Ich nahm ihren Puls und fühlte, mit meinen Fingerspitzen an ihrer Halsschlagader, dass sie noch einen Herzschlag hatte.

Bis wir die Bordleiter der Ocean Viking erreicht und die Frau sicher an Bord des Schiffes hieven konnten, brachten wir sie in die stabile Seitenlage. Mittlerweile geht es ihr wieder gut. Dieses Bild bei der Bearbeitung meiner Fotos zu finden, bewegte mich. Es scheint, als ob diese eine Welle auf die Frau zukam, sie erfassen und verschlucken wollte. Ohne unser Eingreifen wäre die Frau vielleicht gestorben. Das Mittelmeer ist bereits ein Friedhof.“

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Bild und Text: Anthony Jean
Anthony Jean hat unsere Einsätze vom 10. März bis zum 8. April begleitet und als Fotograf dokumentiert.