Beitrag von Kapitän und Gründer Klaus Vogel: „Wir können und müssen die Menschen retten, die im Mittelmeer in Seenot sind.“

Kapitän Klaus Vogel hat zusammen mit einer Gruppe Mitstreiter*innen im Mai 2015 in Berlin die europäische Seenotrettungsorganisation SOS MEDITERRANEE gegründet. Nachdem er die  Organisation mit Vereinen in Deutschland, Frankreich und Italien aufgebaut und die erste Mission der Aquarius geleitet hat, fährt er inzwischen wieder als Handelsschiffskapitän zur See. Er ist Ehrenvorsitzender von SOS MEDITERRANEE Deutschland.

Die Lage der Menschen, die im Mittelmeer auf der Flucht vor Armut, Hunger und Gewalt in Seenot sind, wird immer verzweifelter. Mehrere zivile Rettungsschiffe, die vor kurzem vor der Küste von Libyen noch Hunderte von Menschen retten konnten, sind in Italien und Malta blockiert. Unser großes Rettungsschiff Aquarius, das wir seit mehr als zwei Jahren in Partnerschaft mit Ärzte ohne Grenzen betreiben und mit dem wir bereits fast 30.000 Menschen retten und in Sicherheit bringen konnten, liegt untätig in Marseille. Der Hafenaufenthalt in Italien und Malta wird uns nun sogar zum Auftanken und zum Besatzungswechsel verweigert. Momentan müssen wir die Einsatzbedingungen klären, bevor die Aquarius wieder in die SAR-Zone aufbrechen kann.

Vor fast vier Jahren, im November 2014, war die Lage ähnlich. Die italienische Regierung hatte die Seenotrettungsoperation „ Mare Nostrum “ abgebrochen. Zuvor hatten die Schiffe der italienischen Küstenwache und Marine in einem Jahr mehr als 140.000 Menschen gerettet. Nun waren keine Schiffe mehr vor Ort. Auch damals gab es schon den Vorwurf, die italienischen Rettungsschiffe
würden als „Pull-Faktor“ dienen und die Flucht über das Mittelmeer erleichtern. Aber auch ohne Rettungsschiffe kamen weiter viele Flüchtlingsboote. Nun musste die italienische Küstenwache in
jedem einzelnen Seenotfall mit ihren kleinen 22-Meter-Booten von Lampedusa auslaufen. Mindestens acht Stunden dauerte die Fahrt von Lampedusa ins Einsatzgebiet vor Libyen. Viele Boote wurden nie gefunden, es gab dramatische Schiffsuntergänge und viele Tote. Erst der Einsatz einer wachsenden Zahl von zivilen Rettungsschiffen änderte die Lage. Viele Menschen konnten gerettet werden und die Zahl der Toten sank.

Inzwischen wurde von der italienischen Küstenwache mit Unterstützung der EU eine so genannte „Libysche Küstenwache“ aufgebaut. Wäre Libyen ein sicheres Land, wäre das ein guter, akzeptabler Schritt. Es wäre richtig, die Menschen von der gefährlichen Überfahrt auf ungesicherten Booten abzuhalten. Aber Libyen ist die Hölle für die Flüchtenden. Viele sagen uns,
sie möchten lieber sterben als nach Libyen zurückkehren. Die libysche Küstenwache bringt die Flüchtenden in große Gefangenenlager zurück, in denen die Bedingungen unzumutbar, katastrophal und unmenschlich sind.

Solange Migrant*innen und Flüchtende in Libyen verfolgt, erpresst, versklavt, vergewaltigt und gefoltert werden, werden sie weiter versuchen, von dort zu fliehen. Gemeinsam mit der UN und den afrikanischen Regierungen muss die EU alles dafür tun, die Lage in Libyen zu stabilisieren und zu sichern. Indem EU-Regierungen jetzt aber die libysche Regierung dabei unterstützen, die
Flüchtenden abzufangen und nach Libyen zurückzubringen, brechen sie die UN Menschenrechts-Charta von 1948, die Genfer Flüchtlingskonvention von 1951 und die Europäische Menschenrechtskonvention von 1953. Auf See müssen alle Küstenstaaten dafür Sorge tragen, dass Menschen in Seenot gerettet und in sichere Häfen gebracht werden. Die EU muss endlich
eine Flotte ausrüsten, um die Flüchtenden auf See zu retten. Libyen ist kein sicherer Hafen. Das ​Festhalten der zivilen Rettungsschiffe in Italien und auf Malta ist gesetzeswidrig und muss sofort beendet werden. Italien und Malta müssen ihre Häfen öffnen und das Einlaufen der Rettungsschiffe und das Anlanden der Flüchtenden erlauben.

Mit unserem Rettungsschiff Aquarius können wir die Lage der Flüchtenden in Libyen und der Migranten in Europa nicht verbessern. Dies ist die Aufgabe einer klugen und verantwortungsvollen Politik. Aber wir können und müssen die Menschen retten, die im Mittelmeer in Seenot sind. Und wir können einen Beitrag dazu leisten, dass die Menschenrechte an den Grenzen von Europa nicht vergessen und missachtet werden. Das wichtigste aller Menschenrechte ist das Recht auf Leben. Es sollte niemals in Frage stehen. Kein Rettungsschiff darf bei seiner Arbeit behindert werden.
Jedes Menschenleben zählt.