Titelbild Blick auf das zentrale Mittelmeer 14

[Blick auf das zentrale Mittelmeer #14] Zwei dramatische Wochenenden: mehrere Notrufe, Schiffsunglücke, Rettungen und eine alarmierende Zahl von Rückführungen nach Libyen

[17.02.21 – 02.03.21] Auf Grundlage öffentlicher Berichte anderer NGOs, internationaler Organisationen und der internationalen Presse geben wir einen Überblick zu Such- und Rettungseinsätzen in den letzten zwei Wochen im zentralen Mittelmeer. Dieser hat nicht den Anspruch auf Vollständigkeit, verschafft aber einen Eindruck über die Entwicklungen in dem Gebiet, in dem wir seit 2016 als Such- und Rettungsorganisation tätig sind. 

An den vergangenen zwei Wochenenden (19. – 21. Februar und 26. – 28. Februar) haben zahlreiche Menschen versucht, auf seeuntüchtigen Booten aus Libyen zu flüchten. Diese akute Krise wurde von zivilen Aufklärungsflugzeugen, Such- und Rettungsorganisationen sowie internationalen Organisationen in Libyen beobachtet. In diesem Zeitraum wurde eine alarmierend hohe Zahl von Menschen von der libyschen Küstenwache auf See abgefangen und nach Libyen zurückgezwungen.

1. Chronologie des dramatischen Wochenendes vom 19. bis 21. Februar

Die Crews der zivilen Aufklärungsflugzeuge Moonbird von Sea Watch und Colibri 2 von Pilotes Volontaires sichteten an diesem Wochenende mehrere Boote in Seenot und wurden Zeugen, wie die libysche Küstenwache mehrere Boote auf See abfing. Die NGO Alarm Phone twitterte ebenfalls über mehrere Notrufe und Verzögerungen durch staatliche Akteure bei Rettungseinsätzen.

Die Aita Mari der baskischen NGO Salvamento Marítimo Humanitario rettete am 19. Februar in der maltesischen Such- und Rettungszone 102 Menschen aus einem in Seenot geratenen Holzboot. Kurz darauf traf die Organisation auf ein weiteres Holzboot in Not mit etwa 46 Menschen an Bord. Die Rettungscrew versorgte die Menschen an Bord mit Schwimmwesten und Lebensmitteln, da sie nicht mehr Menschen an Bord ihres Schiffes nehmen konnte. Für die Ausschiffung der 102 Geretteten wurde schließlich Augusta, Sizilien, als sicherer Ort zugewiesen. Dort konnten diese am 22. und 23. Februar von Bord gehen.

Medienberichten der italienischen Küstenwache zufolge kenterte in der Nacht vom 19. auf den 20. Februar ein Holzboot vor Lampedusa, während Überlebende auf Schiffe der italienischen Küstenwache und der Guardia di Finanza transferiert wurden. 47 Menschen wurden gerettet, fünf Menschen werden nach einer Suchaktion weiterhin vermisst.

Pilotes Volontaires berichtete über die Rettung eines Bootes in Seenot durch die italienische Küstenwache, welches die Organisation am 21. Februar in der Nähe der italienischen Küste gesichtet hatte. Die Überlebenden wurden in Lampedusa an Land gebracht. Mediterraneo Cronaca berichtete, dass auf vermutlich demselben Boot ein Baby geboren wurde.

Die Zeitung Malta Today berichtete, dass ein Boot mit 55 Menschen an Bord Libyen verließ und am Sonntag, dem 21. Februar, autonom Malta erreichte.

Zwei Handelsschiffe, die auf den Ölplattformen vor Libyen im Einsatz sind, waren an diesem Wochenende an verschiedenen Rettungseinsätzen beteiligt.

Die Vos Triton rettete 77 Menschen und barg eine Leiche. Eine medizinische Evakuierung wurde vor Lampedusa durchgeführt und die verbleibenden Geretteten wurden schließlich in Porto Empedocle, Sizilien, an Land gebracht (La Stampa). Nach der Ausschiffung sammelte ein UNHCR-Team Zeugenaussagen, die bestätigten, dass mindestens 41 Personen von den 120 Personen, die sich vor der Rettung an Bord des Schlauchbootes befanden, ertrunken sind oder vermisst werden.

Die Staatsanwaltschaft Agrigento (Sizilien) leitete eine Untersuchung der Geschehnisse nach der Rettung ein: Das Schiff fuhr erst später nach Norden (Richtung Italien), nachdem es zuvor Berichten zufolge Kurs auf Libyen genommen hatte, das nach internationalem Seerecht kein sicherer Ort für die Ausschiffung von Geretteten ist. Laut La Stampa sowie ersten Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Agrigento gibt es „keine Beweise für einen Aufstand an Bord der Vos Triton“, wie zuvor berichtet wurde, sondern „nur offensichtliche Enttäuschung seitens der Schiffbrüchigen, als sie von ihrer geplanten Rückkehr nach Libyen erfuhren“. Im Anschluss daran drehte das Schiff offenbar ab.

Die vom Handelsschiff Asso 30 Geretteten konnten in Porto Empedocle, Sizilien, an Land gehen. Insgesamt rettete die Crew des Schiffes 232 Menschen. Außerdem wurde eine Leiche geborgen.

157 Menschen wurden von der tunesischen Küstenwache aus zwei Booten gerettet. Zwei Leichen wurden geborgen.

Auf den Inseln Lampedusa, Pantelleria und Sardinien trafen autonom mehrere Boote ein, die von Algerien, Libyen oder Tunesien abgelegt hatten (siehe die Artikel von Mediterraneo Cronaca online).

Die europäische Agentur für Grenz- und Küstenschutz Frontex gab an, dass ihre Flugzeuge am Wochenende neun Boote in Seenot im zentralen Mittelmeer gesichtet hätten. In Tweets teilte die Agentur mit, sie habe alle nationalen Rettungszentren in der Region “alarmiert und auf dem Laufenden gehalten“. Eines der Boote wurde Berichten zufolge von der Besatzung eines Fischerbootes gerettet. Darüber, wo die Menschen an Land gingen, nachdem Frontex die Behörden alarmiert hatte, machte die Agentur keine Angaben in ihren Tweets.

Nach Angaben der IOM Libyen wurden im Zeitraum zwischen dem 16. und 22. Februar 2021 1.315 Menschen gewaltsam nach Libyen zurückgebracht und mindestens sechs Leichen geborgen. Mindestens sechs Tote und fünf Vermisste wurden im Rahmen dieser Rückführungen gemeldet, wobei eine höhere Zahl von Toten und Vermissten befürchtet wird.

Die NGO Pilotes Volontaires beobachtete am 21. Februar aus der Luft eine kritische Abfangaktion durch die libysche Küstenwache, bei der mindestens 20 Menschen im Wasser waren. Die Organisation veröffentlichte ein Video dieses Vorfalls.

2. Chronologie des ebenfalls dramatischen Wochenendes vom 26. bis 28. Februar

Am Freitag, den 19. Februar, verließ die Sea Watch 3 den Hafen von Burriana, Spanien, mit Kurs auf das zentrale Mittelmeer, sieben Monate nachdem sie von den italienischen Behörden festgehalten wurde.

Zwischen dem 26. und 28. Februar rettete die Crew der Sea-Watch 3 363 Menschen von fünf Booten in Seenot. Außerdem stabilisierte die Besatzung ein weiteres in Seenot geratenes Boot, bis die italienische Küstenwache schließlich die Rettung abschloss. Die etwa 90 Überlebenden wurden nach Lampedusa gebracht. Auf der Insel wurden an diesem Wochenende weitere Ankünfte gemeldet.

Der Sea-Watch 3 wurde von den italienischen Behörden Augusta, Sizilien, als sicherer Ort zugewiesen, an dem die 363 Geretteten an Land gehen können.

Vor Libyen kommt es weiterhin immer wieder zu tödlichen Schiffsunglücken. Nach Angaben der IOM Libyen starben am selben Wochenende mindestens 15 Menschen bei einem Schiffsunglück vor Libyen, wie 95 nach Libyen zurückgezwungene Personen berichteten. Laut Alarm Phone meldeten sich die Insassen dieses Bootes wenige Meilen vor der libyschen Küste mit der Bitte um Unterstützung. Das Eingreifen der libyschen Küstenwache fand verzögert statt.

Zwischen dem 23. Februar und dem 1. März wurden 443 Menschen abgefangen und gewaltsam nach Libyen zurückgeführt. Damit stieg die Zahl der in diesem Jahr nach Libyen zurückgezwungenen Menschen auf 4.029 – ein Drittel der Gesamtzahl im Jahr 2020.

Am 2. März berichtete UNHCR über eine weitere Rückführung von 100 Menschen nach Libyen ; zwei Tage, nachdem sie die libysche Küste verlassen hatten.

Verwaltungsgericht Palermo hebt Festsetzung der Sea-Watch 4 auf

Am 2. März gab Sea-Watch bekannt, dass das Verwaltungsgericht in Palermo die Festsetzung der Sea-Watch 4 bis zur Entscheidung des Europäischen Gerichtshofs in dieser Angelegenheit vorläufig ausgesetzt hat. Nach sieben Monaten Blockade wird sich das Schiff darauf vorbereiten, so bald wie möglich wieder in See zu stechen.

Die Ocean Viking ist am 1. März zu einem Hafenaufenthalt in Marseille, Frankreich, eingetroffen. Zuvor stand unsere Crew an Bord zwei Wochen lang unter Quarantäne. Dies hatte die italienische Gesundheitsbehörde nach der letzten Ausschiffung von Geretteten in Augusta, Sizilien, gefordert. Wir planen nach einigen Wartungsarbeiten und Nachschublieferungen mit der Ocean Viking so bald wie möglich wieder in das Einsatzgebiet zurückzukehren.

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Fotonachweis: Hippolyte / SOS MEDITERRANEE