Titelbild Blick auf das zentrale Mittelmeer 18

[Blick auf das zentrale Mittelmeer #18] Über 150 Tote bei zwei Schiffsunglücken befürchtet, während Zwangsrückführungen nach Libyen andauern

[14. – 28.04] Auf Grundlage öffentlicher Berichte anderer NGOs, internationaler Organisationen und der internationalen Presse geben wir einen Überblick zu Such- und Rettungseinsätzen in den letzten zwei Wochen im zentralen Mittelmeer. Dieser hat nicht den Anspruch auf Vollständigkeit, verschafft aber einen Eindruck über die Entwicklungen in dem Gebiet, in dem wir seit 2016 als Such- und Rettungsorganisation tätig sind. 

Menschen sterben weiterhin im Mittelmeer – Unmöglich, die Toten zu zählen

Trotz der instabilen Wetterverhältnisse, die plötzliche Änderungen des Seegangs mit sich bringen, haben Menschen weiterhin die gefährliche Flucht über das zentrale Mittelmeer gewagt.

Zwischen Donnerstag, 15. April, und Freitag, 16. April, sind mindestens 40 Menschen bei einem Schiffsunglück vor Tunesien ertrunken, wie die tunesische Küstenwache bestätigte. Das Boot hatte von der tunesischen Stadt Sfax aus abgelegt und versucht, die italienische Küste zu erreichen.

Laut des italienischen Nachrichtenportals Mediterranea Cronaca erreichte ein weiteres Boot mit 17 Insassen, welches am selben Tag von Sfax aus gestartet war, Lampedusa. Am 20. April wurden etwa 45 Menschen vor Lampedusa von der Guardia di Finanza gerettet.

Am 21. April fing die libysche Küstenwache ein überbesetztes Schlauchboot ab und zwang die 103 Insassen zurück in das Bürgerkriegsland. An Bord des Schlauchbootes wurden die Leichen einer Frau und eines Kindes gefunden.

Einen Tag später, am 22. April, wurden das Team der Ocean Viking und die Besatzung eines Handelsschiffes Zeugen eines Schiffsunglücks, das bis zu 130 Menschenleben in der libyschen Such- und Rettungszone forderte. Gemeinsam mit den drei Handelsschiffen M/V ALK, M/V MY ROSE hatte unsere Crew stundenlang nach diesem Seenotfall gesucht. Zwei MAYDAY-Rufe waren am Mittwochabend von einem nicht identifizierten Flugzeug an alle Einsatzkräfte in dem Gebiet gesendet worden. Laut Angaben der europäischen Grenz- und Küstenwache soll es sich dabei um ein Frontex-Flugzeug gehandelt haben. Am Donnerstag konnte in dem Gebiet nur noch das halb gesunkene Wrack des Schlauchbootes inmitten der Leichen einiger der etwa 130 Menschen vorgefunden werden, die sich auf dem Boot befunden hatten. Lest hier die vollständige Zusammenfassung der Ereignisse.

Als Reaktion auf das Schiffsunglück vom 22. April haben acht zivile Seenotrettungsorganisationen in Italien öffentlich um ein Treffen mit dem italienischen Ministerpräsidenten Mario Draghi gebeten. Sie wollen Alternativen zur derzeitigen Politik der „Nichtkoordinierung“ der Seenotrettung im zentralen Mittelmeer diskutieren.

Nach Angaben der Internationalen Organisation für Migration wurden am 22. April zwei Leichen in Libyen an Land gespült. Es ist nicht bekannt, wo diese beiden Menschen ihr Leben verloren haben.

Fast 30 Menschen erreichten Berichten zufolge auf zwei Booten Lampedusa, die in der Nacht von Sonntag auf Montag von Tunesien aus ablegten.

Am 27. April rettete das Team an Bord der Ocean Viking 236 Männer, Frauen und Kinder aus zwei seeuntüchtigen Schlauchbooten. Zuvor hatte das Alarmphone die Notrufe weitergeleitet.

Einen Tag später, am 28. April, war das schon Team bereit, mit der Rettung von circa. 80 Menschen in Not auf einem Schlauchboot zu beginnen, als die libysche Küstenwache vor Ort eintraf und das Boot abfing. Als die Ocean Viking angewiesen wurde, den Kurs zu ändern und das Gebiet zu verlassen, steuerte sie auf ein zweites Boot in Not zu, das ebenfalls vom LCG-Patrouillenschiff Fezzan abgefangen wurde.

IOM Libyen bestätigte, dass insgesamt 108 Menschen unter Zwang nach Libyen zurückgebracht wurden. Laut IOM-Sprecherin Safa Msehli wurden alle, auch die Frauen und Kinder, in Internierungslager gebracht.

Mittelmeerüberquerungen aus der Türkei: Mehr als 200 Menschen von italienischen Behörden gerettet

Eine weitere Tragödie konnte vermieden werden: 119 Menschen versuchten, Italien auf einem Fischerboot zu erreichen, konnten aber mit Hilfe von drei Patrouillenbooten und einem Flugzeug der italienischen Küstenwache sowie einem Handelsschiff gerettet werden. Nachdem der Motor blockierte und das Boot bei sehr rauer See mit bis zu 40 Knoten Wind zu kentern drohte, wurde dieses mehr als 24 Stunden lang eskortiert und schließlich von der Küstenwache in der Region Kalabrien an Land gebracht. Die Überlebenden sind Berichten zufolge von der Türkei aus aufgebrochen. (Avvenire)

Zwei Segelboote mit insgesamt mehr als 100 Menschen an Bord wurden nahe der süditalienischen Regionen Salento und Apulien von italienischen Behörden gerettet, berichtet Rai News. Beide Boote hatten von der türkischen Küste abgelegt; eines von ihnen war sechs Tage lang auf See gewesen.

Sea- Watch 4 und Sea-Eye 4 bereiten Einsätze vor, während die Open Arms in Sizilien festgesetzt wurde

Die Sea-Watch 4 der deutschen NGO Sea-Watch ist auf dem Weg in die libysche Such- und Rettungszone. Sie war am vergangenen Freitag von Burriana, Spanien, abgefahren. Die Sea-Watch 4 war im vergangenen Sommer nach ihrem ersten Einsatz im zentralen Mittelmeer, bei dem das Team an Bord mehr als 350 Menschen aus Seenot rettete, festgesetzt worden. Die Festsetzung wurde durch eine einstweilige Verfügung eines sizilianischen Verwaltungsgerichts aufgehoben.

Ein neues ziviles Rettungsschiff, die Sea-Eye 4, die die deutsche NGO Sea-Eye in Zusammenarbeit mit dem zivilgesellschaftlichen Bündnis United4Rescue erworben hat, hat den Hafen von Rostock verlassen und ist derzeit auf dem Weg nach Burriana, Spanien, wo es auf seinen ersten Einsatz auf See vorbereitet wird.

Die Open Arms der spanischen NGO Proactiva-Open Arms wurde nach einer 17-stündigen Hafenstaatkontrolle im Hafen von Pozzallo, Sizilien, am 17. April festgesetzt.

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[1] Italian Maritime Rescue Coordination Centre
Foto: Flavio Gasperini / SOS MEDITERRANEE