Titelbild Blick auf das zentrale Mittelmeer 24

[Blick auf das zentrale Mittelmeer #24] Menschen in Seenot, Schiffbrüche, Rettungen und Zwangsrückführungen

[14.07.21-27.07.21] Auf Grundlage öffentlicher Berichte anderer NGOs, internationaler Organisationen und der internationalen Presse geben wir einen Überblick zu Such- und Rettungseinsätzen in den letzten zwei Wochen im zentralen Mittelmeer. Dieser hat nicht den Anspruch auf Vollständigkeit, verschafft aber einen Eindruck über die Entwicklungen in dem Gebiet, in dem wir seit 2016 als Such- und Rettungsorganisation tätig sind.

203 Menschen in Seenot durch Crew eines zivilen Rettungsschiffes stabilisiert und anschließend von der italienischen Küstenwache gerettet, 3 zivile Rettungsschiffe auf See

Zwischen dem 22. und 24. Juli trug das Segelschiff Astral der NGO Open Arms zur Rettung von 203 Menschen bei. Am 24. Juli ortete die Astral 17 Menschen, die sich auf einem Glasfaserboot in Not befanden, und versorgte sie mit Rettungswesten. Vier Stunden später wurden die Menschen an ein Schiff der italienischen Küstenwache übergeben. In drei vorherigen Einsätzen zwischen dem 22. und 23. Juli kam die Crew der Astral 148 Menschen in Seenot zur Hilfe. Alle Menschen wurden anschließend von der italienischen Küstenwache in Sicherheit gebracht.

Zwei weitere zivile Rettungsschiffe konnten in den vergangenen Tagen das zentrale Mittelmeer erreichen. Die Sea-Watch 3 der gleichnamigen NGO begann am 26. Juli mit Patrouillenfahrten in internationalen Gewässern vor der libyschen Küste. Die Ocean Viking, gechartert von SOS MEDITERRANEE, stach am 24. Juli von Sizilien aus in See.

Die Crew an Bord suchte zwischen Sonntagabend und Montagmorgen zwölf Stunden lang nach einem Boot, das von der zivilen Hotline Alarm Phone in der maltesischen Such- und Rettungszone (SRR) als in Seenot geraten gemeldet worden war – ohne Informationsaustausch und ohne Koordination seitens der zuständigen Seebehörden. Medienberichten zufolge wurden die 46 Menschen schließlich von den maltesischen Streitkräften (AFM) gerettet. Unter den Geretteten befindet sich ein Baby.

Über das Wochenende sollen mehr als dreißig Boote in auf der italienischen Insel Lampedusa angekommen sein. Nach Angaben von ADN Kronos kamen zwischen dem 22. und 24. Juli über 1.400 Menschen auf Lampedusa an.

Mindestens 94 Menschen in den vergangenen zwei Wochen im Mittelmeer gestorben oder vermisst

In diesem Sommer steigt die Zahl der Todesopfer im zentralen Mittelmeer stark an.

  • Am 26. Juli sollen mindestens 57 Menschen bei einem Schiffsunglück vor der libyschen Küstenstadt al-Chums ums Leben gekommen sein. Dies geht aus Aussagen von Überlebenden hervor, die von Mitarbeiter*innen der Internationalen Organisation für Migration (IOM) in Libyen gesammelt wurden. Unter den Todesopfern waren mindestens 20 Frauen und zwei Kinder.
  • Am 21. Juli wurden mindestens 37 Menschen auf See als vermisst gemeldet. Nach Angaben des tunesischen Roten Halbmonds starben mindestens 17 Menschen vor Tunesien. Sie waren zwei Tage zuvor mit einem Boot von der libyschen Küstenstadt Zuwara in See gestochen. Medienberichten zufolge wurden sie von den Abgasen des brennenden Motors des Bootes vergiftet.  La Stampa berichtete, dass von den 300 Überlebenden, die auf dem Meer vor der tunesischen Stadt Zarzis aufgegriffen wurden, 166 von der tunesischen Küstenwache nach Tunesien gebracht wurden, während die libysche Küstenwache die anderen nach Libyen zurückbrachte.
  • Am gleichen Tag sind nach Angaben der IOM mindestens 20 Menschen, die von Libyen aufgebrochen waren, ertrunken. 230 weitere wurden gewaltsam nach Libyen zurückgebracht.

Obwohl Libyen gemäß Seerecht kein sicherer Ort für die Ausschiffung Geretteter ist, wurden zwischen dem 20. und 24. Juli 1.900 Menschen nach Libyen zurückgezwungen.

Am 23. Juli twitterte die NGO Sea-Watch, sie habe beobachtet, wie das Handelsschiff Vos Aphrodite etwa 200 Menschen im zentralen Mittelmeer gerettet und auf ein Schiff der libyschen Küstenwache gebracht habe. Die Überlebenden wurden rechtswidrig nach Libyen zurückgezwungen.

Am 15. Juli billigte das italienische Unterhaus (die Abgeordnetenkammer) unter anderem die erneute Finanzierung eines Ausbildungsprogramms für die libysche Küstenwache. Zeitgleich veröffentlichte Amnesty International einen neuen Report zur Situation von Migrant*innen und Geflüchteten in Libyen. Darin wird der erschütternde Kreislauf der Gewalt beschrieben, dem Männer, Frauen und Kinder ausgesetzt sind, die von der EU-unterstützten libyschen Küstenwache auf See aufgegriffen werden. Unter dem Titel „No one will look for you: Forcibly returned from sea to abusive detention in Libya“ schildert der Bericht das Schicksal von 49 Menschen. Diese wurden zuvor auf See abgefangen und in Haftzentren in Libyen festgehalten.

Am selben Tag veröffentlichten die Afrikanische Union, die Europäische Union (EU) und die Task Force der Vereinten Nationen für Libyen eine gemeinsame Erklärung, in der sie ihre große Besorgnis über die jüngsten Entwicklungen in Bezug auf die Situation von Migrant*innen und Geflüchteten in Libyen zum Ausdruck brachten. Sie beschrieben darin die „starke Überbelegung, das Fehlen angemessener Einrichtungen und grundlegender Dienstleistungen, den eingeschränkten humanitären Zugang und Menschenrechtsverletzungen“, die zu inakzeptablen Bedingungen für die inhaftierten Männer, Frauen und Kinder führen.

Zwischen Januar und Juli 2021 hat die von der EU unterstützte libysche Küstenwache nach Angaben der Internationalen Organisation für Migration über 18.280 Menschen auf See aufgegriffen. Das sind mehr als im gesamten Jahr 2020. Allein in den vergangenen zwei Wochen wurden 2.256 Menschen auf See aufgegriffen und nach Libyen zurückgezwungen.

Zivile Seenotrettungsorganisationen tun weiterhin alles, um die von den europäischen Mitgliedstaaten im zentralen Mittelmeer hinterlassene tödliche Lücke zu schließen

Am 26. Juli wurde das Rettungsschiff von Ärzte ohne Grenzen (MSF), die Geo Barents, nach 24 Tagen Festsetzung wieder freigegeben. Einige Tage zuvor hatte die Organisation die italienischen Behörden aufgefordert, das Schiff freizugeben, nachdem sie „allen Aufforderungen der italienischen Schifffahrtsbehörde nachgekommen“ war.

Die Organisation Sea-Eye wird ihr ehemaliges Schiff, die Alan Kurdi, an die italienische NGO ResQ verkaufen. Das Schiff wird unter dem neuen Namen ResQ People zur Rettung von Menschen aus Seenot eingesetzt. Die finale Übergabe erfolgt, sobald das Schiff wieder freigegeben wird. Die administrative Festsetzung wurde vom sardischen TAR (Regionales Verwaltungsgericht) vorübergehend ausgesetzt, damit die Alan Kurdi die Werft in Burriana, Spanien, erreichen kann.

Die Internationale Föderation der Rotkreuz- und Rothalbmond-Gesellschaften (IFRC) wird sich ab August 2021 an unseren Such- und Rettungseinsätzen beteiligen. Am 19. Juli gab die IFRC bekannt, dass die Organisation einen Nothilfeaufruf gestartet hat, um Menschen in Not im zentralen Mittelmeer an Bord der Ocean Viking lebensrettende Hilfe zu leisten.

Die IFRC wird den Menschen, die sicher an Bord der Ocean Viking gebracht wurden, nach der Rettung unterstützen. Dazu gehören erste Hilfe, medizinische Versorgung, psychologische Betreuung sowie die Bereitstellung von Essen, trockener Kleidung, Decken, Toilettenartikeln und Informationen.

„Mitten in der COVID-19-Pandemie und der Klimakrise (…) ist es inakzeptabel, dass immer noch Menschen auf dem Meer sterben, direkt vor der Haustür Europas: Das ist ein klares Versagen der internationalen Gemeinschaft“, sagte IFRC-Präsident Francesco Rocca. Diese neue Partnerschaft ist ein Meilenstein für unsere Organisation. Das Engagement der IFRC, an Bord der Ocean Viking Menschen in Seenot zu helfen, unterstreicht die absolute Notwendigkeit, Leben im zentralen Mittelmeer zu retten.

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Fotonachweis: Flavio Gasperini / SOS MEDITERRANEE