Blick auf das zentrale Mittelmeer

[Blick auf das zentrale Mittelmeer #25] Hunderte Menschen von zivilen Seenotrettungsorganisationen gerettet, während erzwungene Rückführungen nach Libyen andauern

[28.07. – 17.08. 2021] Auf Grundlage öffentlicher Berichte anderer NGOs, internationaler Organisationen und der internationalen Presse geben wir einen Überblick zu Such- und Rettungseinsätzen in den letzten drei Wochen im zentralen Mittelmeer. Dieser hat nicht den Anspruch auf Vollständigkeit, verschafft aber einen Eindruck über die Entwicklungen in dem Gebiet, in dem wir seit 2016 als Such- und Rettungsorganisation tätig sind.

488 aus Seenot gerettete Menschen an Bord zweier NGO-Schiffe

Das Such- und Rettungsschiff Geo Barents der Organisation Ärzte ohne Grenzen hat derzeit 322 Menschen an Bord. Sie wurden seit dem 5. August im zentralen Mittelmeer aus fünf Booten in Seenot gerettet. Der jüngste Überlebende an Bord ist erst zwei Wochen alt. Bei den Booten handelte es sich vermehrt um Holzboote. Darunter befand sich auch ein großes Boot mit zwei Decks und 189 Menschen an Bord.

Weitere 166 aus Seenot gerettete Menschen, darunter ein neun Monate altes Baby, befinden sich an Bord des Rettungsschiffes ResQ People. Das ehemalige Rettungsschiff Alan Kurdi wird jetzt unter dem neuen Namen ResQ People von der italienischen NGO ResQ – People Saving Lives betrieben. Die Menschen wurden in vier Einsätzen zwischen dem 13. und 15. August gerettet. Der ResQ People wurde inzwischen Augusta, Sizilien, als sicherer Ort zugewiesen.

In den vergangenen drei Wochen retten zivile Seenotrettungsorganisationen hunderte von Menschen und stabilisieren unzählige Boote

Die Ocean Viking rettete zwischen dem 31. Juli und dem 1. August 555 Menschen aus sechs Booten in Seenot im zentralen Mittelmeer. Unter den Geretteten befanden sich 119 Minderjährige, vier schwangere Frauen und ein drei Monate altes Baby. Bei der Rettung von Menschen aus einem großen Holzboot arbeiteten SOS MEDITERRANEE, Sea-Watch und ResQShip zusammen. Nachts und während das überbesetzte Boot bereits voll Wasser lief, konnten schließlich 253 Menschen sicher an Bord der Ocean Viking gebracht. Weitere 141 Menschen wurden auf die Sea-Watch 3 evakuiert.

Zwischen dem 30. Juli und dem 2. August rettete die Crew der Sea-Watch 3 in vier verschiedenen Einsätzen insgesamt 264 Menschen. Außerdem unterstützte die Crew etwa 90 weitere Menschen, die schließlich von der italienischen Küstenwache gerettet wurden.

Am 4. August forderte das Büro der italienischen Innenministerin Luciana Lamorgese in einem Telefongespräch mit der EU-Innenkommissarin Ylva Johansson „die sofortige, wenn auch nur vorübergehende Aktivierung eines Mechanismus, der die [EU-]Mitgliedstaaten einbezieht, um ein sicheres und mit den Anti-COVID-19-Maßnahmen kompatibles Anlegen von NGO-Schiffen zu ermöglichen, die europäische Flaggen tragen“, berichtet Associated Press. Der Presseagentur zufolge „warb die italienische Ministerin in ihrem Appell an Johansson dafür, dass die Verhandlungen über einen neuen Einwanderungs- und Asylpakt eine „obligatorische Umverteilung der auf See geretteten Migranten“ vorsehen sollten.“

Zeitgleich warteten über 800 auf See gerettete Menschen an Bord der Sea-Watch 3 und der Ocean Viking auf die Zuweisung eines sicheren Ortes.
Am 6. August wurde der Sea-Watch 3 Trapani, Sizilien, als sicherer Ort für 257 an Bord verbliebenen Überlebende zugewiesen. Zuvor mussten zwei Menschen aus medizinischen Gründen evakuiert werden. Die Ausschiffung der Geretteten endete am 8. August.

Die Ocean Viking musste noch einen weiteren Tag und damit insgesamt sechs Tage warten, bevor Pozzallo (Sizilien) als sicherer Ort zugewiesen wurde. Sechs Personen – vier Patient*innen und ihre Angehörigen – mussten in der Zwischenzeit medizinisch notevakuiert werden. Bis alle 549 Geretteten von Bord gehen konnten, dauerte es vier Tage. Das Team an Bord der Ocean Viking befindet sich nun in einer von den italienischen Gesundheitsbehörden angeordneten zehntägigen Quarantäne.

Nach Angaben der Times of Malta wurden am 2. August Hunderte von Menschen in Seenot gemeldet. Die Crew des Segelschiffs Nadir der Nichtregierungsorganisation (NGO) ResQShip stabilisierte mehrere Booten. Zwei Menschen in kritischem Zustand erhielten an Bord des Segelschiffs lebensrettende medizinische Behandlung. Ein Mann musste von einem Sanitäter wiederbelebt werden, bevor er nach Malta evakuiert werden konnte. Die meisten Boote, denen die Crew der Nadir half, wurden Berichten zufolge von den italienischen, maltesischen und tunesischen Küstenwachen gerettet, Stunden nachdem NGOs auf ihre Notlage aufmerksam gemacht und Mayday-Signale in ihrem Namen gesendet hatten. Ein Boot wird noch vermisst.

Mehr als 2.650 Menschen von libyscher Küstenwache in maltesischer und libyscher Such- und Rettungszonen aufgegriffen

Nach Angaben der Internationalen Organisation für Migration (IOM) wurden zwischen dem 1. und 7. August 864 und zwischen dem 8. und 14. August weitere 1.788 Menschen auf See abgefangen. Frauen, Kinder und Männer, die von der libyschen Küstenwache auf See aufgegriffen werden, werden gewaltsam nach Libyen zurückgezwungen. Diese Rückführungen sind illegal, weil Libyen kein sicherer Ort für auf See gerettete Menschen Libyen ist.

Am 12. August berichtete die NGO ResQ-People Saving People, dass ihre Crew Zeuge einer Zwangsrückführung durch die libysche Küstenwache in der maltesischen Such- und Rettungszone geworden sei. Am nächsten Tag meldete das Team des Flugzeugs Colibri2 von Pilotes Volontaires, dass es drei Schlauchboote gesichtet habe, die von der libyschen Küstenwache abgefangen wurden.

Seit Anfang des Jahres über 1000 Menschen im zentralen Mittelmeer ums Leben gekommen

Seit Januar sind nach Angaben des IOM-Projekts Missing Migrants mindestens 1.009 Menschen im zentralen Mittelmeer ums Leben gekommen. Dies sind 85 % aller im Mittelmeer gemeldeten Todesfälle.

Nach Angaben der IOM wurden am 7. August acht Leichen an der libyschen Küste geborgen.

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Fotonachweis: Flavio Gasperini / SOS MEDITERRANEE