Titelbidl Blick auf das zentrale Mittelmeer

[Blick auf das zentrale Mittelmeer #26] Zahlreiche Boote in Seenot, mehrere geborgene Leichen und ein sprunghafter Anstieg der Zwangsrückführungen nach Libyen

[18.08. – 31.08. 2021] Auf Grundlage öffentlicher Berichte anderer NGOs, internationaler Organisationen und der internationalen Presse geben wir einen Überblick zu Such- und Rettungseinsätzen in den letzten drei Wochen im zentralen Mittelmeer. Dieser hat nicht den Anspruch auf Vollständigkeit, verschafft aber einen Eindruck über die Entwicklungen in dem Gebiet, in dem wir seit 2016 als Such- und Rettungsorganisation tätig sind.

Zahlreiche Menschen von NGO-Schiffen gerettet, Sea-Eye 4 freigelassen

Am 18. August wurde die Sea-Eye 4 von den italienischen Seefahrtsbehörden nach zehn Wochen administrativer Festsetzung freigelassen. Dies, nachdem die von den Behörden geforderten technischen Anpassungen vorgenommen worden waren. Am 27. August brach das Schiff von Palermo in Richtung zentrales Mittelmeer auf.

Am 21. August verließ die Sea-Watch 3 nach einer obligatorischen Quarantäne und negativen PCR-Tests der Crew Trapani, um einen Hafen in Burriana, Spanien, anzulaufen.

Am 23. August verließ das Segelschiff Astral der NGO Open Arms den Hafen von Badalona, Spanien, in Richtung zentrales Mittelmeer. Am 28. August half die Crew in sechs Einsätzen insgesamt 121 Menschen. Alle wurden anschließend von der italienischen Küstenwache gerettet. Zwischen dem 22. und 24. August half das Segelschiff Nadir der NGO Resqship mehreren Booten in Seenot und rettete 17 Menschen aus einem weiteren Holzboot, das zu sinken drohte. Die italienische Küstenwache rettete, bzw. übernahm alle Überlebenden. Am 24. August konnte das Such- und Rettungsschiff Geo Barents von Ärzte ohne Grenzen (MSF) 322 Menschen, die zwischen dem 5. und 17. August gerettet worden waren, in Augusta, Sizilien, an Land bringen.

>h3>Meldungen von Zwangsrückführungen und Schiffbrüchen auf See

In den vergangenen zwei Wochen kam es im zentralen Mittelmeer erneut zu tragischen Ereignissen. Mehrere Schiffsunglücke wurden dokumentiert, während sich möglicherweise weitere „unsichtbare Schiffsunglücke“ (invisible shipwrecks) ereigneten. Leichen wurden an Land gespült oder aus dem Meer geborgen. Unterdessen steigt die Zahl der erzwungenen Rückführungen weiter sprunghaft an.

Am 22. August wurden mindestens 16 Frauen, Kinder und Männer nach einem Schiffsunglück vor der libyschen Küste als vermisst gemeldet, wie das IOM-Projekt Missing Migrants berichtet. Am selben Tag wurden nach Angaben des UNHCR 279 Menschen nach Tripolis zurückgebracht.

Am 24. August entdeckte die Crew des Sea-Watch-Flugzeugs Moonbird mehrere leere Boote und beobachtete Rückführungen durch die libysche Küstenwache. Am 26. August wurden nach Angaben der NGO Alarm Phone acht Leichen in der Nähe von Sabratha angeschwemmt.

Am 27. August entdeckte die Crew des Sea-Watch-Flugzeugs Seabird ein gekentertes Holzboot in internationalen Gewässern. Elf Personen kletterten Berichten zufolge zurück auf das gekenterte Boot, während sich fünf Personen im Wasser befanden. Die Crew beobachtete, wie das italienische Offshore-Versorgungsschiff Asso Venticinque zu Hilfe kam, bevor es die Überlebenden an ein libysches Patrouillenschiff übergab. Dies führt in der Regel zu einer völkerrechtswidrigen Zwangsrückführung nach Libyen. Die Crew entdeckte mindestens einen leblosen Körper; die Zahl der Menschen, die ihr Leben verloren, blieb unklar.

Am 28. August wurden 130 Menschen von zwei Booten, die auf See gekentert waren, nach Tripolis zurückgezwungen. Vier Personen wurden nach Angaben des UNHCR als vermisst gemeldet.

Nach Angaben der IOM wurden im Jahr 2021 mindestens 23.550 Menschen nach Libyen zurückgezwungen. Während sich etwa 6.000 Menschen in offiziellen Haftzentren befinden, werden viele vermisst. „Wir befürchten, dass viele erpresst werden und in die Hände von Menschenhändlern geraten“, sagte Safa Msehli, Sprecherin der IOM.

Maltesische Streitkräfte und italienische Küstenwache retteten Menschen aus mehreren Booten in Seenot

Am 19. August retteten die maltesischen Streitkräfte sieben Menschen, darunter auch Kinder, aus einem treibenden Boot. Am 28. August retteten Schiffe der italienischen Küstenwache vor Lampedusa 539 Menschen aus einem stark überfüllten Holzboot. Ein Arzt von Ärzte ohne Grenzen berichtete in der Presse, dass mindestens 20 der Überlebenden Narben von Folter aufwiesen, die sie in Libyen erlitten hatten. „Die Spuren von Schlägen, Verbrennungen, Narben und Folter, die sie aufweisen, sind ungerechtfertigt und inakzeptabel“, fügte Flavio Di Giacomo, Sprecher der IOM, hinzu. Laut Presseberichten hat die italienische Staatsanwaltschaft eine Untersuchung eingeleitet, um zu untersuchen, was mit diesen aus Libyen geflohenen Menschen geschehen ist.

Zahl der Todesfälle im zentralen Mittelmeer viermal höher als im Vorjahreszeitraum

Ein vierteljährlicher regionaler Bericht, der vom IOM-Projekt Missing Migrants veröffentlicht wurde, zeigt, dass die Zahl der gemeldeten Todesfälle auf der zentralen Mittelmeerroute im zweiten Quartal 2021 im Vergleich zum gleichen Zeitraum im Jahr 2020 fast um das Vierfache gestiegen ist. Dieser Anstieg bestätigt erneut, dass das zentrale Mittelmeer die tödlichste Migrationsroute der Welt ist. Der Bericht hält fest, dass neben den dokumentierten Todesfällen auch die Meldungen über mögliche „unsichtbare Schiffbrüche“ zunehmen. Dies zeigt, dass die Daten wahrscheinlich weitgehend unvollständig sind.

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Fotonachweis: Fabian Mondl / SOS MEDITERRANEE