Titelbild Blick auf das zentrale Mittelmeer 28

[Blick auf das zentrale Mittelmeer #28] Nach wiederholten Berichten von Rettungen, Zwangsrückführungen und Ankünften, erneute Forderungen nach europäischen Maßnahmen

[15.09. – 28.09.] Auf Grundlage öffentlicher Berichte anderer NGOs, internationaler Organisationen und der internationalen Presse geben wir einen Überblick zu Such- und Rettungseinsätzen in den letzten zwei Wochen im zentralen Mittelmeer. Dieser hat nicht den Anspruch auf Vollständigkeit, verschafft aber einen Eindruck über die Entwicklungen in dem Gebiet, in dem wir seit 2016 als Such- und Rettungsorganisation tätig sind.

Mehrere Boote von NGO-Schiffen unterstützt und gerettet

Zwischen dem 18. und dem 20. September hat die Ocean Viking, die von SOS MEDITERRANEE in Zusammenarbeit mit der Internationalen Föderation der Rotkreuz- und Rothalbmondgesellschaften (IFRC) betrieben wird, 129 Menschen im zentralen Mittelmeer gerettet. Unter anderem rettete die Crew, am 18. September in der libyschen Such- und Rettungsregion (SRR) 25 bzw. 33 in Not geratene Menschen. Die beiden Einsätze wurden von den NGO-Flugzeugen Seabird und Colibri 2 unterstützt. Die Flugzeuge werden von den Organisationen, Sea-Watch und Pilotes Volontaires betrieben. Am selben Tag wurde die Ocean Viking Zeuge von zwei Zwangsrückführungen durch die libysche Küstenwache.

Am 19. September unterstützte das Segelboot Nadir der Organisation ResQShip 58 Menschen in Seenot, die dann von der Crew der Ocean Viking gerettet wurden. Beim letzten der vier aufeinanderfolgenden Rettungseinsätze wurden am 20. September 13 Menschen, die auf einem Holzboot in der maltesischen Such- und Rettungsregion trieben, sicher an Bord er Ocean Viking gebracht.

Nach zwei medizinischen Evakuierungen von insgesamt sechs Menschen und sechs Anfragen zur Zuweisung eines sicheren Ortes, wiesen die italienischen Seebehörden der Ocean Viking am 23. September schließlich Augusta, Sizilien, als Hafen zur Ausschiffung zu. Am 24. September entdeckte die Crew der Ocean Viking auf dem Weg nach Augusta in der italienischen Such- und Rettungsregion ein treibendes Boot in Seenot. Das Team beurteilte und stabilisierte die Situation, bevor die italienische Küstenwache die Rettung abschloss. Am 25. September gingen die 122 an Bord verbliebenen Überlebenden in Augusta von der Ocean Viking an Land. Die Crew befindet sich nun in einer von den italienischen Gesundheitsbehörden angeordneten 10-tägigen Quarantäne.

Am 20. September rettete die Geo Barents zunächst sechs und später am Tag 54 Menschen in der libyschen Such- und Rettungsregion. Am 28. September wiesen die italienischen Behörden Augusta als sicheren Ort für die 60 Geretteten zu. Ärzte ohne Grenzen berichtete, bereits sieben Anfragen zur Zuweisung eines sicheren Ortes an die zuständigen Seefahrtsbehörden gestellt zu haben.

Am 17. September wurde das Schiff Sea-Watch 4 der Organisation Sea-Watch freigelassen. Zuvor wurde es fünf Monate lang in Trapani (Sizilien) festgehalten. Das Schiff verließ Italien am 22. September für einen Werftaufenthalt in Richtung Burriana.

Mehrheit der nach Libyen zurückgezwungenen Menschen vermisst

Nach Angaben der Internationalen Organisation für Migration (IOM) wurden zwischen dem 12. und 18. September 819 Menschen auf See abgefangen. Weitere 865 Menschen wurden zwischen dem 19. und 25. September abgefangen. Die Frauen, Kinder und Männer, die von der libyschen Küstenwache auf See abgefangen wurden, werden gewaltsam und illegal nach Libyen zurückgebracht, das kein sicherer Ort ist.

Die IOM zeigte sich besorgt über „das Verschwinden von Tausenden von Migrant*innen auf dem Weg nach Europa, die abgefangen und nach Libyen zurückgeschickt wurden, und befürchtet, dass viele von ihnen in die Hände von kriminellen Gruppen und Menschenhändlern gelangt sein könnten, während andere für ihre Freilassung erpresst wurden“. Laut Safa Msehli, Sprecherin der IOM, „wurden von den mehr als 24.000 Menschen, die in diesem Jahr aufgegriffen wurden, etwa 6.000 willkürlich inhaftiert. Die meisten werden vermisst.“

Mehrere Ankünfte in der Nähe von Lampedusa und vor der ionischen Küste Kalabriens

Am 15. September beschloss Innenministerin Luciana Lamorgese den Beginn einer Impfkampagne für alle via Boot an der italienischen Küste ankommenden Menschen. In den vergangenen zwei Wochen sind Berichten zufolge mehrere Boote in Lampedusa angekommen: mehrheitlich wurden die Menschen an Bord wenige Meilen vor Lampedusa von der italienischen Küstenwache gerettet.

Am 27. September erreichte ein 15 Meter langes Fischerboot mit 686 Menschen an Bord selbstständig den Handelshafen von Lampedusa. Vier weitere kleinere Boote trafen im Laufe der Nacht ein. Am 25. September wurden zwei Boote, die vor der ionischen Küste Kalabriens in Seenot geraten waren, von der italienischen Küstenwache gerettet. Die geretteten Menschen gingen in Sizilien von Bord.

Mittelmeeranrainerstaaten fordern EU auf berechenbaren und obligatorischen Umverteilungsmechanismus einzuführen

Am 25. September forderten die Innenminister*innen Zyperns, Griechenlands, Italiens, Maltas und Spaniens (MED5) auf dem zweiten Ministertreffen in Málaga die Europäische Union auf: „(…) dafür zu sorgen, dass die gemeinsame Migrationspolitik auf einer fairen Verteilung der Verantwortlichkeiten zwischen den Mitgliedstaaten beruht“. In einer gemeinsamen Erklärung führten die MED5 aus, dass „dies durch die Einrichtung eines vorhersehbaren und obligatorischen Umverteilungsmechanismus für Staaten, die aufgrund ihrer geografischen Lage mit Ankünften (…) konfrontiert sind, erreicht werden soll“.

Wenige Tage zuvor, am 20. September, traf sich die italienische Innenministerin Luciana Lamorgese mit dem Vizepräsidenten der Europäischen Kommission, Margaritis Schinas, in Rom. Sie erklärte, dass „Italien in den kommenden Monaten von den Mitgliedstaaten ein konkretes Zeichen der Solidarität hinsichtlich der Umverteilung von Migranten erwartet“.

Handelsschiff erhält Anerkennung für Rettung von Menschen auf See

Am 16. September erhielt die Besatzung der Maersk Etienne von der Internationalen Seeschifffahrtsorganisation (IMO) eine besondere Anerkennung für ihren Rettungseinsatz im vergangenen Jahr. Am 5. August 2020 rettete die Besatzung der Maersk Etienne auf Ersuchen der maltesischen Behörden 27 Menschen in Seenot. Nach der Rettung mussten sie und die Besatzung 38 Tage auf See ausharren. Die Überlebenden wurden schließlich am 11. September 2020 auf das Mediterranea-Schiff Mare Jonio transferiert und anschließend sicher in Italien an Land gebracht.

***
Fotonachweis: Laurence Bondard / SOS MEDITERRANEE