Titelbild: Blick auf das zentrale Mittelmeer - fünfte Ausgabe

[Blick auf das zentrale Mittelmeer #5] Was nicht in den Schlagzeilen auftaucht: Die Liste der Schiffsunglücke wird länger während Retter*innen keine Hilfe leisten können

[15. – 28. Oktober 2020] Auf Grundlage öffentlicher Berichte anderer NGOs, internationaler Organisationen und der internationalen Presse geben wir einen Überblick zu Such- und Rettungseinsätzen in den letzten zwei Wochen im zentralen Mittelmeer. Dieser hat nicht den Anspruch auf Vollständigkeit, verschafft aber einen Eindruck über die Entwicklungen in dem Gebiet, in dem wir seit 2016 als Such- und Rettungsorganisation tätig sind.

Ein Schiffswrack nach dem anderen. In diesem Herbst wird die grausame Liste der Toten und Vermissten im Mittelmeer, im Atlantik und im Ärmelkanal – mit dem bestätigten Tod von vier Menschen, darunter zwei Kinder in dieser Woche – von Tag zu Tag länger.

  • Tödliche Woche im zentralen Mittelmeer: bei mindestens 4 Schiffbrüchen zwischen Italien und Leben sind vermutlich bis zu 40 Menschen ums Leben gekommen

Die tragischen Nachrichten über aufeinanderfolgende Schiffsunglücke im zentralen Mittelmeer schaffen es nicht mehr in die Schlagzeilen. Dennoch wurden in den vergangenen zwei Wochen mindestens 36 Menschen nach vier Schiffsunglücken vor Libyen und Italien als vermisst gemeldet, während die verfügbaren Schiffe der Seenotrettungsorganisationen nicht auf See sind und mehrheitlich an ihrem lebensrettenden Einsatz gehindert werden.

  • Am Sonntag, dem 18. Oktober, rettete die italienische Küstenwache sechs Menschen, die bereits etwa zehn Tage ohne Nahrung und Wasser auf See trieben. Nach Aussagen der Überlebenden gegenüber der italienischen Küstenwache starben dabei fünf Menschen. Das Boot hatte die Küste Algeriens zusammen mit zwei anderen Booten verlassen, die in Sardinien anlandeten.
  • Auch die vergangene Woche begann mit der Nachricht von einem Schiffbruch vor der libyschen Küste nahe Sabratha (Montag, 19. Oktober) . Mindestens 15 Personen wurden als vermisst gemeldet, fünf Überlebende wurden von Fischern an Land gebracht.
  • Am Donnerstag, dem 22. Oktober, kenterte ein Boot vor der Küste von Lampedusa, Italien. Fünfzehn Überlebende wurden von Fischern gerettet und an Land gebracht. Fünf Personen gelten noch immer als vermisst.
  • Am Sonntag, dem 25. Oktober ertranken mindestens elf Menschen, nachdem ihr Boot kenterte. Zehn Überlebende wurden von Fischern und der Küstenwache gerettet, wie die Sprecherin der Internationalen Organisation für Migration (IOM), Safa Msehli, berichtete. Innerhalb dieser Woche sind bereits 31 Personen als vermisst oder tot gemeldet worden, darunter mindestens zwei Kinder.
  • Auch im Ärmelkanal ereignete sich gestern, am 27. Oktober, ein weiteres Schiffsunglück. Mindestens vier Menschen kamen ums Leben – darunter zwei Kinder.

In den vergangenen zwei Wochen haben zahlreiche Menschen versucht, das Mittelmeer zu überqueren. Dies zeigt einmal mehr, dass kein Zusammenhang zwischen der Präsenz von zivilen Rettungsschiffen und der Tatsache, dass Menschen die Überfahrt riskieren, besteht. Zwischen dem 12. und 25. Oktober kamen nach Angaben von UNHCR fast 1.000 Menschen über das Mittelmeer nach Italien. Allein am 20. Oktober kamen sieben Boote mit insgesamt 253 Personen an Bord auf Lampedusa an. 116 Personen wurden von der libyschen Küstenwache abgefangen und nach Libyen zurückgebracht, wie die IOM Libyen in der letzten Ausgabe der Maritime Updates berichtete.

Mindestens 506 Menschen haben dieses Jahr bisher ihr Leben im zentralen Mittelmeer verloren. In einer Pressemitteilung vom 23. Oktober äußerte die IOM die Befürchtung, dass ”aufgrund unzureichender Such- und Rettungskapazitäten und Monitoring-Bemühungen die Zahl der Todesopfer viel höher liegt und dass weiterhin ‚unsichtbare Schiffbrüche‘ geschehen, ohne dass die internationale Gemeinschaft etwas davon erfährt.”

Des Weiteren unterstreicht die IOM die sich zunehmend verschlechternde Lage auch für libysche Staatsangehörige in Libyen: «Mehr als 430 Libyer haben in diesem Jahr die Überfahrt nach Italien riskiert, verglichen mit etwa 240 im gleichen Zeitraum des Vorjahres.»

  • Update zu den zivilen Rettungsschiffen: dem siebten Schiff droht die Festsetzung; das Aufklärungsflugzeug Moonbird darf wieder fliegen

Die Crew des von Banksy finanzierten Rettungsschiffs Louise Michel gab am 22. Oktober bekannt, dass das Boot auf Grund einer Festsetzung durch die Behörden nicht auslaufen kann. Es ist das siebte Schiff ziviler Seenotrettungsorganisationen, das seit dem 5. Mai an der Rettung von Menschenleben im zentralen Mittelmeer gehindert oder blockiert wird (siehe „Blick auf das zentrale Mittelmeer“).

Nachdem das Aufklärungsflugzeug Moonbird der Organisation Sea Watch fast zwei Monate lang am Boden bleiben musste, darf es nun wieder fliegen. Am 23. Oktober gaben Sea Watch und sein medizinischer Partner Ärzte ohne Grenzen bekannt, dass sie gegen die Festsetzung der Sea Watch 4 Widerspruch beim Verwaltungsgericht in Palermo einlegen wollen.

    • In Libyen:

Vergangenen Freitag haben Berichten zufolge die verfeindeten Lager im Libyenkonflikt ein dauerhaftes und landesweites Waffenstillstandsabkommen in Genf unterzeichnet. Um das Leiden der libyschen Bevölkerung zu lindern, forderte Stephanie Williams, die amtierende Sonderbeauftragte des UNO-Generalsekretärs für Libyen, die beteiligten Parteien auf, den Verpflichtungen des Abkommens schnellstmöglich nachzukommen. Der hochrangige libysche Kommandeur der Küstenwache, bekannt unter dem Namen Bija, wurde Mitte Oktober von der international anerkannten libyschen Regierung wegen angeblichen Menschenhandels verhaftet. Ein im Juni 2017 veröffentlichter UN-Sicherheitsbericht beschreibt Bija als Vermittler von Menschenhandel und als Teil eines kriminellen Netzwerks, das im libyschen Zawiyah operiert.

ANSA berichtet, dass nach Angaben des UNHCR und der IOM fast 3.200 Menschen in elf libyschen Haftanstalten festgehalten werden. Diese Haftanstalten werden von der dem libyschen Innenministerium unterstellten Abteilung zur Bekämpfung illegaler Migration (DCIM) verwaltet.

  • Die humanitäre Krise im Atlantik: eine der tödlichsten und zunehmend genutzten Fluchtroute

Auch auf dem gefährlichen Seeweg zwischen Westafrika und den Kanarischen Inseln kam es in den vergangenen zwei Wochen zu tragischen Schiffsunglücken und zum Tod vieler Menschen. Am Freitag, dem 23. Oktober, kam eine bisher unbekannte Anzahl Geflüchteter aus dem Senegal nach einer Motorexplosion bei einem Schiffbruch vor der senegalesischen Stadt Mbour ums Leben. Überlebenden zufolge waren bis zu 200 Menschen an Bord des Schiffes. 51 Menschen wurden von der senegalesischen Armee gerettet, andere von Fischern.

In der Woche zwischen dem 14. und 21. Oktober haben mehr als 2.600 Menschen die Kanarischen Inseln via Boot erreicht, so viele wie im gesamten Jahr 2019. Die Migrationsroute über den Atlantik gilt als eine der tödlichsten weltweit. Gut die Hälfte aller Geflüchteten stirbt auf der Überfahrt zu den Kanarischen Inseln, so die IOM (siehe RFI-Artikel).