Titelbild Blick auf das zentrale Mittelmeer #7

[Blick auf das zentrale Mittelmeer #7] Vier Schiffsunglücke innerhalb von 72 Stunden – die meisten zivilen Rettungsschiffe weiterhin blockiert

[12. – 25. November 2020] Auf Grundlage öffentlicher Berichte anderer NGOs, internationaler Organisationen und der internationalen Presse geben wir einen Überblick zu Such- und Rettungseinsätzen in den letzten zwei Wochen im zentralen Mittelmeer. Dieser hat nicht den Anspruch auf
Vollständigkeit, verschafft aber einen Eindruck über die Entwicklungen in dem Gebiet, in dem wir seit 2016 als Such- und Rettungsorganisation tätig sind.

Crew der Open Arms trauert um sechs Menschen, die bei dramatischem Einsatz ums Leben kamen; mehr als 250 Menschen innerhalb von 72 Stunden gerettet

Vor genau zwei Wochen, am Mittwoch, dem 11. November 2020, führte die Besatzung der spanischen NGO Proactiva-Open Arms eine Rettung unter extrem schwierigen Bedingungen durch: Mehr als 120 Menschen, darunter auch Kinder, fielen ins Wasser, als der zerbrechliche Rumpf des Schlauchbootes, mit dem sie aus Libyen fliehen wollten, brach. 118 Menschen konnten gerettet und auf der Open Arms in Sicherheit gebracht werden, fünf Leichen wurden geborgen. Der sechs Monate alte Yusuf wurde an Bord wiederbelebt, erlag aber später den Folgen des Schiffsunglücks.

Am selben Tag führte die Besatzung eine weitere Rettung – die dritte des jüngsten Einsatzes der Open Arms – von 64 Menschen durch. Nach zwei medizinischen Evakuierungen gingen die 255 Überlebenden der Open Arms am Sonntag, dem 15. November, vor Trapani, Sizilien, an Bord eines Schiffs der italienischen Küstenwache.

Die Besatzung der „Open Arms“ durchläuft derzeit eine 14-tägige Quarantäne. Das Schiff war nach vielen Wochen das erste zivile Rettungsschiff, das im zentralen Mittelmeer im Einsatz sein konnte. Sieben zivile Rettungsschiffe, die normalerweise in diesem Gebiet operieren (Alan Kurdi, Sea Watch 3, Sea Watch 4, Mare Jonio, Ocean Viking, Louise Michel, Aita Mari), sind aufgrund administrativer Blockaden nicht in der Lage, ihre lebensrettenden Einsätze durchzuführen.

Innerhalb eines Tages ertrinken fast 100 Menschen vor der libyschen Küste

Nur einen Tag nach der schwierigen Rettung durch die Open Arms starben mindestens 74 Menschen von mindestens 120 Bootsinsassen bei einem Schiffbruch vor der libyschen Küste. 47 Überlebende wurden von Fischern und der libyschen Küstenwache an Land gebracht. Es war bereits der zweite tödliche Schiffbruch in dieser Woche. Mindestens 13 Menschen wurden als vermisst gemeldet, nachdem ihr Boot am Montag, dem 10. November, gekentert war. 11 Überlebende wurden von der libyschen Küstenwache an die libysche Küste zurückgebracht. Siehe auch die vorherige Ausgabe von „Blick auf das zentrale Mittelmeer“.

Am 12. November 2020 berichtete Ärzte ohne Grenzen über einen weiteren Schiffbruch, bei dem mindestens 20 Menschen ums Leben kamen. Nur drei Frauen überlebten und sagten über den Vorfall aus. Insgesamt stieg damit die Zahl der Todesopfer im zentralen Mittelmeer innerhalb von 24 Stunden auf fast 100 Menschen an.

Vom 9. bis 15. November ereigneten sich innerhalb von 72 Stunden vier Schiffsunglücke, darunter auch jenes, welches zu der dramatischen Rettung durch Open Arms führte. Angesichts dieser Tragödien hat die Internationale Organisation für Migration (IOM) eine andere Herangehensweise für die Such- und Rettungseinsätze im Mittelmeer gefordert.

Sieben Leichen wurden in der vergangenen Woche an die libysche Küste gespült. Das IOM Missing Migrants Project zur Dokumentation von Toten und Vermissten im zentralen Mittelmeerraum hat in diesem Jahr bereits 720 Todesfälle bestätigt.

Zwischen dem 10. und 16. November wurden außerdem 409 Menschen auf See aufgegriffen und nach Libyen zurückgezwungen. Gleichzeitig meldet die IOM seit Anfang Oktober in einigen Küstenstädten und Gefangenenlagern „zunehmende Gewalt, Missbrauch und exzessive Gewaltanwendung gegen Migranten“. Berichten zufolge wurden zwei Menschen getötet und zwei weitere durch Schüsse verletzt, als sie Anfang letzten Monats in der Nähe von Sabratha gegen ihre Verhaftung protestierten.

31 Menschen nach Schiffbruch vor Lampedusa von italienischen Behörden gerettet

In der Zwischenzeit waren auch Handelsschiffe und die italienischen Behörden an Rettungseinsätzen im Mittelmeer und in der Nähe von Lampedusa beteiligt. Am 12. November rettete die Besatzung des Offshore-Versorgungsschiffes Asso Trenta 76 Menschen in der Nähe des Ölfeldes Bouri, etwa 60 Seemeilen vor der libyschen Küste. Die italienische Guardia di Finanza und die Küstenwache haben Berichten zufolge in den vergangenen zwei Wochen mehrere Einsätze vor Lampedusa durchgeführt. Unter anderem wurden 31 Menschen bei dem Schiffbruch eines Bootes vor Lampedusa gerettet. Kurz davor wurden zwei weitere Boote – mit 186 sowie 12 Menschen an Bord – von der Guardia di Finanza in den Hafen von Lampedusa eskortiert.

Am 13. November wurden 168 Personen von der italienischen Küstenwache vor Lampedusa gerettet.

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Photo credits: Kenny Karpov / SOS MEDITERRANEE