„Danke, dass ihr an unserer Seite seid!“ – Nick, Such – und Rettungseinsatzleiter für SOS MEDITERRANEE

Liebe Alle,

Da wir uns noch nicht kennen, möchte ich mich kurz vorstellen. Mein Name ist Nick, ich bin einer von drei Einsatzleiter*innen (Search and Rescue Coordinator – SARCo), die für das Such- und Rettungsteam und die Einsätze mit der Ocean Viking verantwortlich sind.

Im Jahr 2018 hatte ich den traurigen Posten des letzten SARCos auf der Aquarius und das unter schwierigen Umständen. Doch Zeit zu trauern, blieb wenig; empfanden wir doch alle die dringende Notwendigkeit, schnell mit einem neuen Schiff in den Einsatz zurückkehren zu können. Es folgten Monate intensiver Suche, Besuche und Treffen, bis wir schließlich die Ocean Viking fanden, versteckt in einem norwegischen Fjord, wo sie still auf uns wartete. Die damals monumentale Aufgabe, das Schiff für unsere speziellen Einsätze vorzubereiten, begann. Der Nervenkitzel, das Schiff nach Monaten intensiver Teamarbeit auf dem Weg von Polen nach Marseille auf See zu bringen, ist unbeschreiblich. Zu spüren, wie sich das Schiff unter meinen Füßen bewegte, nachdem wir monatelang an Land feststeckten, war eine Freude für sich. Gleichzeitig war es eine Herausforderung, unsere Positionen an Bord zu finden und unsere neuen Abläufe zu durchdenken.

Im August hatte ich dann das herausfordernde Privileg und die Ehre, mit einem Team, bestehend aus ehemaligen Rettungsteammitgliedern der Aquarius und einigen neuen, frischen Gesichtern, beim ersten Einsatz im libyschen Such- und Rettungsgebiet als SARCo an Bord zu sein.

Von Marseille aus segelten wir nach Süden, vorbei an Korsika, Sardinien und dann in die Straße von Sizilien nördlich von Tunesien. Während dieser zweieinhalb Tage sind die Funk- und anderen Kommunikationsgeräte nie still. Es gibt Funkübertragungen, Navigationswarnungen und nicht selten Such- und Rettungsmeldungen (SAR), die von den Behörden und den Schiffen in der Nähe schnell bearbeitet werden. Wir kommen dann in die Gewässer südlich von Malta und Lampedusa. Es gibt nur sehr wenige andere Schiffe in der Nähe, der Funk ist still und Warnungen bleiben aus. Das libysche Such- und Rettungsgebiet (SRR) ist ein riesiges schwarzes Loch. Es ist ruhig. Bei der Ankunft in dieser Region werden die Personen, die auf der Brücke Ausschau nach Booten in Seenot halten, verdoppelt; die wachsende Bereitschaft ist spürbar. Im Zeitalter der Digitalisierung und Automatisierung wird es in diesem Gebiet etwas urtümlich. Das GPS läuft aufgrund von Störungen nicht mehr, das AIS (Automated Identification System) – der Transponder des Schiffes – funktioniert in der Regel nicht, der Anti-Kollisionsradar ist außer Betrieb. Elektronisch gesehen, sind wir blind. Wir handeln ganz nach „alter Schule“. Dann ist das Auge König, welches mit Hilfe eines leistungsstarken Fernglases den Horizont absucht. Die Navigation wird ermüdend manuell: wir zeichnen auf Papierkarten, verfolgen Ziele manuell auf dem Radar und achten ständig auf das kleinste Geräusch im Funk, welches signalisieren könnte, dass etwas Schlimmes passiert ist.

In der ersten Nacht im Rettungsgebiet erhielten wir von einer anderen NGO die Nachricht, dass sich südöstlich unserer Position ein Boot in Not befinden könnte. Wir informierten die Seebehörden über unsere Absichten und begannen mit der Suche. Einige antworten, andere nicht. (Wir informieren die Behörden über Satellitentelefon, Funk und E-Mail über jede erhaltene Information und jede getroffene Maßnahme. Immer. Um den Lauf der Erzählung nicht zu unterbrechen, werde ich nicht jedes Mal wiederholen, dass wir die Behörden darüber informierten, wenn wir eine Suche beginnen, die Rettungsboote zu Wasser lassen etc. – aber wir tun es) Wir suchten die ganze Nacht und ließen irgendwann unsere Rettungsboote zu Wasser, um einem Licht, welches uns auffiel, nachzugehen. Wir fanden Nichts. Am nächsten Morgen, nach einer langen Nacht, sahen wir ein sich näherndes Flugzeug auf dem Radar. Ein Teammitglied, welches weiter Ausschau nach dem Boot in Seenot hielt, bestätigte, dass es sich um ein EU-Militärflugzeug handelt. Wir verfolgten es weiter auf dem Radar und stellten fest, dass es in etwa 20 Seemeilen Entfernung von uns begonnen hatte, über einem bestimmten Punkt zu kreisen. Bei Kontakt mit ihnen bestätigten sie, dass sie ein Schlauchboot mit etwa neunzig Personen an Bord gesichtet haben. Dies wird auch unser letzter mündlicher Austausch sein, bei dem wir Informationen über gefährdete Personen erhielten. Wir änderten den Kurs und erhöhten die Geschwindigkeit.

Die nächsten Tage ging es Schlag auf Schlag. Die Ocean Viking legte Hunderte und Aberhunderte von Meilen zurück, um nacheinander Boote in Seenot zu suchen und die Menschen an Bord zu retten. Drei der insgesamt vier Boote wurden von EU-Seepatrouillenflugzeugen gesichtet; nur ein einziges dieser Flugzeuge hat uns kontaktiert.

Vier Rettungen in vier Tagen. Das erste Boot, aus dem wir Menschen in Not gerettet haben, war Berichten zufolge selbst vier Tage lang auf See. Es fuhr ab, als wir noch in Marseille waren. Es war niemand da, um die Menschen an Bord zu retten. Sie konnten nirgendwo hin. Das zweite Boot war drei Tage auf See und die anderen beiden legten von derselben Stelle westlich von Tripolis ab und waren fünfzehn Stunden auf dem Meer. Die letzte Rettung erfolgte keine Sekunde zu spät. Schwimmwesten waren gerade ausgegeben worden, als das Schlauchboot auseinanderbrach. Etwa 10 bis 15 Menschen fielen ins Wasser. Alle wurden sicher geborgen, aber wären unsere Teams nicht da gewesen und hätten so schnell reagiert, hätte es sicher Tote gegeben. Nicht alle hatten so viel Glück. Am fünften Tag hörten wir Funkgespräche in einer Mischung aus Arabisch, Italienisch und Englisch. Fischer haben ein kleines Schlauchboot gefunden, das weit westlich von unserer Position trieb. 15 Menschen hatten versucht mit diesem Boot von Libyen aus Europa zu erreichen. Sie verbrachten elf Tage auf See, nur eine Person überlebte, gerettet von den Maltesern.

Wie viele andere Menschen verschwinden spurlos? Wie viele Familien sind im Unklaren und wissen nicht, was mit ihren Lieben geschehen ist? Uns allen, die wir auf der Ocean Viking arbeiten, ist klar, dass unser Einsatz genauso wichtig, vielleicht sogar noch wichtiger ist, als bei unserem Start im Jahr 2016.

Natürlich bleiben unsere Teams hoch motiviert und sind das ganze Jahr über einsatzbereit. In einem feindseligen Umfeld bleiben wir entschieden menschlich. Wir geben denjenigen, die aus Libyen fliehen, eine Stimme und weisen durch sie auf die Gefahren von Entscheidungen hin, die hier in Europa getroffen werden.

Aber die vor uns liegenden Herausforderungen sind immens. Wir setzen uns konstant dafür ein, den humanitären Raum, in dem wir tätig sind, zu erhalten, die Sicherheit unserer Teams zu gewährleisten und über die finanziellen Mittel zu verfügen, die für eine Fortsetzung unseres Einsatzes erforderlich sind. Jeder Tag auf See mit der Ocean Viking kostet 14.000 Euro. Ich möchte Ihnen im Voraus, im Namen aller meiner Teammitglieder und in meinem eigenen Namen, dafür danken, dass Sie uns weiterhin unterstützen, solange es notwendig ist! Die Menschen auf See brauchen uns und wir brauchen euch.

Danke, dass ihr an unserer Seite seid,

Nick Romaniuk
Such- und Rettungseinsatzleiter

Photo credits. David Orme / SOS MEDITERRANEE