Im Hafen von Marseille trainieren Teams für die Rückkehr ins Einsatzgebiet

Die europäische Solidarität darf auch in der Corona-Krise nicht an der Küste Halt machen

SOS MEDITERRANEE will die lebensrettenden Einsätze mit ihrem Schiff Ocean Viking so schnell wie möglich wieder aufnehmen

Seit Beginn des weltweiten Ausbruchs der Infektionskrankheit COVID-19 beobachten wir mit großer Sorge, wie die Seenotrettung im zentralen Mittelmeer zunehmend erschwert wird. Mit Verweis auf die COVID-19-Pandemie haben mehrere EU-Staaten ihre Häfen für schutzsuchende Menschen geschlossen. Auch die im letzten Herbst beschlossene Malta-Vereinbarung zur Aufnahme und Verteilung aus Seenot geretteter Menschen wurde aufgrund der aktuellen Ausnahmesituation ausgesetzt. Zivile Rettungsschiffe sind kaum noch vor Ort. Auch die Ocean Viking, das Rettungsschiff von SOS MEDITERRANEE und Ärzte ohne Grenzen, liegt vorübergehend im Hafen von Marseille vor Anker. Für die Menschen, die vor den katastrophalen Zuständen in Libyen über das Mittelmeer fliehen, wird so das Risiko noch größer, bei der lebensgefährlichen Flucht zu ertrinken oder von der libyschen Küstenwache zurück nach Libyen in den Kreislauf aus Gewalt und Ausbeutung gezwungen zu werden.

In den vergangenen zehn Tagen sind im zentralen Mittelmeer mehr als 1.000 Menschen an Bord von nicht seetüchtigen Booten aus Libyen geflohen. Hunderte wurden abgefangen und gewaltsam nach Libyen zurückgebracht, mindestens fünf Menschen sind gestorben und sieben werden vermisst. Die international anerkannte libysche Einheitsregierung mit Sitz in Tripolis erklärte inzwischen ihre eigenen Häfen aufgrund des anhaltenden Beschusses für unsicher. Tagelang zeigte sich trotz eindeutiger rechtlicher Verpflichtung kein europäischer Staat bereit, die Menschen in Seenot zu retten. Am Ende hat das zivile Rettungsschiff Aita Mari das Schlimmste verhindern können, zuvor hatte die Alan Kurdi Menschen gerettet, insgesamt konnten die zivilen Akteure fast 200 Menschen in Seenot zu Hilfe kommen. An Bord ihrer Schiffe harren nach wie vor Überlebende unter äußerst schwierigen psychischen und sanitären Bedingungen aus und warten darauf, an einem sicheren Ort an Land gehen zu können.

„Während wir zivilen Retter*innen im Mittelmeer seit Jahren mit Mühe und Not die Lücke füllen, die die europäischen Staaten hinterlassen haben, kann Europa an seinen Außengrenzen nicht einfach geltendes Recht, namentlich die Pflicht zur Seenotrettung, aussetzen“, sagt der Geschäftsführer von SOS MEDITERRANEE Deutschland, David Starke. „Wir sind uns bewusst, vor welchen Herausforderungen zurzeit vor allem Italien und Malta stehen. Doch darf der Schutz der öffentlichen Gesundheit an Land nicht auf Kosten von lebensrettenden Maßnahmen auf See gehen. Die humanitäre Katastrophe im Mittelmeer hört ja nicht auf, weil es die Corona-Krise gibt. Im Gegenteil, die Corona-Krise zeigt noch deutlicher als zuvor, dass Europa solidarisch und koordiniert handeln muss – auch auf dem Mittelmeer. Die mediterranen Küstenstaaten dürfen hier nicht allein gelassen werden. Wir brauchen umgehend angemessene Regelungen, die sowohl die öffentliche Gesundheit als auch eine rasche Anlandung von geretteten Menschen an einen sicheren Ort gewährleisten.“

Gleichzeitig spitzt sich auch in Libyen die Lage weiter zu. Neben dem eskalierenden Bürgerkrieg und den unmenschlichen Lebensbedingungen in den Lagern stellt auch der Ausbruch von COVID-19 eine weitere Bedrohung für die Sicherheit der Zivilbevölkerung, von Migrant*innen und Flüchtenden im andauernden Konflikt dar. Vielen bleibt keine andere Wahl als die riskante Flucht über das Mittelmeer.

Vor diesem Hintergrund befindet sich SOS MEDITERRANEE in einem schweren Dilemma: In Libyen fliehen Menschen weiterhin vor Folter und Menschenhandel und sie laufen weiterhin Gefahr, im zentralen Mittelmeer zu ertrinken. Gleichzeitig ist das Risiko enorm hoch, die geretteten Menschen nicht an einen sicheren Ort bringen und auch die Sicherheit unserer Besatzung und Überlebenden an Bord nicht gewährleisten zu können. Deshalb hat SOS MEDITERRANEE sich dazu entschieden, den Rettungseinsatz vorübergehend auszusetzen, bis die Umstände die sichere Durchführung unserer Arbeit wieder zulassen. Unser langjähriger medizinischer Partner Ärzte ohne Grenzen verfolgt hierbei einen anderen Ansatz, was wir respektieren. Wir bedauern allerdings sehr, dass Ärzte ohne Grenzen uns in der letzten Woche mitgeteilt hat, sich aufgrund dieser unterschiedlichen Einschätzung der gegenwärtigen Situation bis Ende Juli aus unserer Partnerschaft zurückzuziehen. „Seit 2016 haben wir an Bord der Aquarius und dann der Ocean Viking sehr erfolgreich zusammengearbeitet. Gemeinsam sind wir 30.701 Menschen zu Hilfe gekommen, haben sie vor dem Ertrinken gerettet, sie medizinisch und humanitär professionell versorgt und in Sicherheit gebracht. Wir haben von ihnen über ihre Schicksale erfahren und durften ihr Vertrauen genießen. Eine derart intensive, lange und erfolgreiche Partnerschaft ist in der noch jungen Geschichte der zivilen Seenotrettung im zentralen Mittelmeer etwas Besonderes“, sagt David Starke.

Für SOS MEDITERRANEE geht die Seenotrettung ungeachtet dieser Veränderung weiter, sobald die Ausschiffung von Geretteten an sichere Häfen wieder möglich ist. “Die Ocean Viking ist einsatzbereit. Wir treiben nun mit den europäischen Staaten auf allen Ebenen einen dringenden Dialog voran, um alle möglichen, rechtmäßigen und innovativen Szenarien zu unterstützen, damit wir so schnell wie möglich wieder rausfahren können. Es ist unsere Pflicht als Bürger, Europäer und Seeleute, den verzweifelten Frauen, Kindern und Männern, die aus Libyen über das Mittelmeer fliehen, zu helfen. Sie haben sonst kaum Überlebenschancen”, erklärt David Starke.

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Photo credits: Anthony Jean / SOS MEDITERRANEE