Die Frauen der Aquarius

Immer wieder sind unter den professionellen Seenotretter*innen der Aquarius Frauen mit besonders faszinierenden Profilen und Geschichten. Wenn sie neben ihren vielen Aufgaben auf dem Schiff die Zeit finden, erzählen sie ein bisschen über sich.

Mary, die Seenotretterin, die Hebamme werden möchte

Die 21-jährige kommt ursprünglich aus Essex im Osten Englands. Mit 16 ist sie zum Studium in den Süden von Wales gezogen, bevor sie eine Ausbildung zur Rettungsbootlotsin machte. In diesem Zusammenhang ging sie als Freiwillige zur Organisation Sea Watch auf der giechischen Insel Lesbos. Aus Interesse an Fotojournalismus wollte sie die Zeit auch nutzen, die Flüchtlingskrise in Griechenland bildlich zu dokumentieren. Schockiert von der dortigen Situation ließ sie ihren Fotoapparat an Land und wurde Lotsin eines Rettungsschiffes vor Lesbos, bevor sie bei SOS MEDITERRANEE anheuerte. Mary erinnert sich besonders lebhaft an eine 18 Jahre alte Somalierin, die schwanger war, als sie gerettet wurde. Sie war derart entkräftet und abgemagert, dass sie nach Malta evakuiert werden musste, um zu entbinden. Seit dem Beginn der Rettungseinsätze von SOS MEDITERRANEE gab es zwei Notevakuierungen von schwangeren Frauen. „Die Frau war genauso alt wie ich. Aber unsere Leben waren komplett unterschiedlich, ja entgegengesetzt verlaufen. Ich war es, die ihr half, nicht die, der geholfen wurde. Ich habe versucht mich in sie hineinzuversetzen. Wenn ich in derselben Situation gewesen wäre, was hätte ich gemacht? Was wäre meine Entscheidung gewesen? Hätte ich überhaupt überlebt? Wir dürfen nie vergessen, dass sie die Stärkeren sind, denn sie haben es bis hierher geschafft. Viele überleben bereits die Reise durch die Wüste nicht. Ich habe irgendwann angefangen, mir all diese Fragen zu stellen. Ich hoffe, dass uns das nie passieren wird“. Mary wurde von dieser Erfahrung nachhaltig geprägt und hofft, bald eine Ausbildung zur Hebamme machen zu können.

Madeleine, die erste weibliche Einsatzkoordinatorin von SOS MEDITERRANEE

2016 war sie Kapitänin der Dignity I, einem Rettungsschiff von Ärzte ohne Grenzen im zentralen Mittelmeer. Davor war sie für 15 Jahre auf verschiedenen Schiffen auf allen Weltmeeren unterwegs – davon auf dreien als Kapitänin. Nachdem sie mit Schiffen von Greenpeace zur See gefahren ist, war sie Logistikerin auf einem Schiff von Ärzte ohne Grenzen vor Jemen, dann bei einer Expedition zur Erkundung von Unterseevulkanen bei Fidji, sowie erste und zweite Offizierin an Bord der Astrolabe auf Fahrten zur französischen Antarktisstation Dumont d’Urville. Die Familiengeschichte von Madeleine passt gut zu ihrem humanitären Engagement: „Ich fahre jetzt schon seit 30 Jahren zur See. Ich war 22 als ich das erste Mal auf dem Meer war. Ich hatte beschlossen, Journalistin zu werden und bin dann eine Woche lange segeln gefahren. Ich habe mich komplett im Einklang mit meiner Umgebung gefühlt. […] Ich komme aus einer kosmopolitischen Familie. Mein Vater ist Ägypter und meine Mutter Schottin. Mein Vater ist Anfang der 60er nach Großbritannien ausgewandert. Er hatte damals das Glück, einen Flug nehmen zu können und dann Asyl zu beantragen. Er war Arzt, gut ausgebildet, und hatte es so einfach im Exil. Aber er hat nie die britische Staatsbürgerschaft bekommen. Ich verstehe also sehr gut dieses Gefühl, zu keinem Land, zu keinem Staat zu gehören, das jene verspüren, die von niemandem anerkannt werden. Mein Vater hatte Glück. Der Rest meiner Familie ist in den letzten Jahren auch aus Ägypten ausgewandert, weil sie Kopten sind, eine verfolgte christliche Minderheit, und weil die Lebensbedingungen in den letzten Jahren sehr schwierig geworden sind“.

Christina, von der Dokumentarfilmerin zur Seenotretterin

Schon fünfmal war Christina auf der Aquarius dabei und zählt damit zu den Veteran*innen der Rettungscrew. Auch sie kennt das Thema Flucht bereits aus ihrer Familiengeschichte: Ihre Großeltern sind aus Osteuropa nach Deutschland ausgewandert; ihr Vater wird in einem Flüchtlingslager geboren. Nach dem Mauerfall beschließt sie selbst nach einigen schwierigen Jahren auszuwandern und geht nach Italien. Auch in ihrer Arbeit als Dokumentarfilmerin beschäftigt sie sich mit Migration. 2016 lernte sie auf Lampedusa ein paar Leute von SOS MEDITERRANEE kennen und biete ihre Hilfe an. Das Zusammenleben an Bord hat sie geprägt: „Es ist […] eine Gemeinschaft entstanden, eine Familie von Menschen, die dieselbe humanitäre Aufgabe gewählt haben: Menschenleben zu retten. Ich fühle mich besonders verbunden den KollegInnen des SAR-Teams, die ihre Lebenszeit und ihre Lebensenergie investieren, an Bord der Aquarius gehen und dort eine physisch und psychisch anstrengende Arbeit leisten.“