Drei Fragen an Viviana – Rettungsteammitglied von SOS MEDITERRANEE

Viviana ist eine der Seenotretterinnen von SOS Méditerranée. Im Rettungsteam nimmt sie eine besondere Stellung ein. An Bord der Aquarius dürfen nur Frauen das „Shelter“ betreten, einen Raum, der weiblichen Geflüchteten vorbehalten ist. An diesem Zufluchtsort hörte Viviana die Geschichten und leisen Lieder der Frauen, sah sie lachen und weinen. In Marseille, wo Viviana gerade ein Training absolviert, während sie auf die Ankunft eines neuen Schiffes wartet, erzählt sie von diesen ganz besonderen Momenten.

1. Wie ist die Situation für Frauen auf der Flucht über das Mittelmeer?

„Von allen Menschen, die wir aus Seenot im Mittelmeer retten, gehören Frauen zu einer Gruppe mit besonderen Schutzbedürfnissen, da sie mitunter spezifischen Gefahren ausgesetzt sind.

Auf den Schlauchbooten sitzen die Frauen und Kinder in der Mitte, auf Holzbooten sind sie manchmal auch im Laderaum untergebracht . Dadurch ist ihre Verletzungsgefahr besonders hoch, zum einem wegen der Nägel, die aus dem Boden ragen, zum anderen wegen des Gemischs aus Treibstoff und Meerwasser, das zu Verätzungen führt. Wenn sie die giftigen Ausdünstungen einatmen und dadurch bewusstlos werden, laufen sie außerdem Gefahr zu ertrinken [1].

Viele der Frauen sind schwanger, und ein großer Teil weiß es nicht einmal. Übrigens sind viele der Frauen, auch die ganz jungen, allein unterwegs. Vor allem die 14- bis 17-jährigen Mädchen aus Eritrea, die vor der Diktatur und der Gewalt in ihrem Land geflohen sind, sind häufig allein auf sich gestellt. Viele der alleinstehenden Frauen mit kleinen Kindern, manchmal auch mit Neugeborenen, sind vergewaltigt worden. Manche sind selbst fast noch Kinder.

Ich erinnere mich an ein ganz junges Mädchen aus Nigeria. Sie war sehr intelligent. Sie kam auf mich zu, um von sich zu erzählen. Sie berichtete, wie oft sie versucht habe, aus Libyen zu fliehen. Sie sei als Hausangestellte an eine libysche Familie verkauft worden und habe natürlich keinen Lohn erhalten. Sie sagte: „Every night big, big problem.“ Damit meinte sie, dass der Hausherr sie Abend für Abend vergewaltigte. Schließlich gelang ihr die Flucht, doch sie landete wieder in einem Internierungslager.

In diesen Internierungslagern werden viele junge Mädchen von den Aufsehern vergewaltigt. Manche verkaufen sie auch an andere Männer weiter, die sie ebenso missbrauchen. Ich habe solche Geschichten oft gehört.

Die Frauen und jungen Mädchen werden auch Opfer körperlicher Misshandlungen. Ich sah große Brandwunden auf ihrer Haut, die ihnen mit einem glühenden Ast zugefügt worden waren. Große, tiefe Wunden auf dem Rücken, den Oberschenkeln, am ganzen Körper. In solchen Fällen müssen sie medizinisch behandelt werden. Diese Wunden sind unglaublich schmerzhaft.

Ein weiteres Problem der libyschen Internierungslager ist, dass es dort keine akzeptablen sanitären Einrichtungen gibt. Das hat zahlreiche gesundheitliche Probleme zur Folge, insbesondere was die Intimhygiene betrifft. Stellen Sie sich einmal vor, wenn die Frauen in einem solchen Gefängnis entbinden, ohne ärztlichen Beistand, ohne sich richtig waschen zu können, ohne sauberes Wasser zum Trinken, ohne Essen. Viele Frauen leiden unter Krätze, aber nicht nur sie, auch viele Männer, und vor allem Säuglinge.“

2. Was hat SOS Méditerranée zum Schutz der geflüchteten Frauen unternommen?

„Zunächst einmal müssen sie vor dem Ertrinken gerettet werden. Nach den Bewusstlosen, Kranken und Schwerverletzten holen die Seenotretter*innen als Erstes die Frauen und kleinen Kinder auf die Rettungsboote und bringen sie an Bord des Schiffes. Sobald sie auf der Aquarius sind, kümmern wir uns um ihre nötigsten Bedürfnisse: die medizinische Erstversorgung, Essen, Trinken. Dann werden die Frauen und Kinder in das Shelter, in den für sie bestimmten Schutzraum, gebracht.

Als zivile Seenotrettungsorganisation besteht unsere wichtigste Aufgabe natürlich darin, die Frauen nach der Rettung so bald wie möglich an einen sicheren Ort zu bringen, so wie es das Gesetz vorschreibt.

Wenn sie auf dem Schiff und zur Ruhe gekommen sind, haben manche Frauen das Bedürfnis zu reden. Aber sie reden nur mit jemandem, zu dem sie volles Vertrauen haben. Nach allem, was sie durchlebt haben, ist es für sie sehr schwierig, einem Mann zu vertrauen und sich ihm zu öffnen. Sie brauchen eine Frau als Zuhörerin. Es fällt den Frauen wirklich nicht leicht, über diese Dinge zu sprechen! Sie sind traumatisiert.

Das Shelter ist ein großer Raum im Bauch der Aquarius und der Ort auf dem Schiff, der den Geflüchteten am stärksten ein Gefühl der Geborgenheit gibt. Zugang haben nur Frauen und Kinder unter 12 Jahren. Im „Shelter“ befinden sie sich in einem geschlossenen, warmen Raum und haben endlich einen Ort gefunden, wo sie sich nach Monaten, manchmal auch Jahren der Unsicherheit wirklich sicher und geschützt fühlen können.

Nachdem sie angekommen sind, schlafen die Frauen meist viel. Sie sind erschöpft von der nächtlichen Überfahrt – manche trieben sogar tagelang steuerlos auf dem Meer – und von den Erlebnissen in Libyen. Im Internierungslager hatten sie nur wenig zu essen und sind daher geschwächt. Wir geben ihnen Decken. Manche Frauen schlafen so lange, dass die Seenotretter*innen mit ihren Kindern spielen, damit die Mütter sich ausruhen können.

Im Shelter herrscht eine gelassene, entspannte Atmosphäre. Das hat etwas Magisches … Die Frauen kennen sich nicht, aber sie helfen sich gegenseitig, sogar mit den Neugeborenen, sie sind wie eine große Familie.

Manchmal stimmen die Frauen im Shelter zusammen ein Lied an. Durch ihre hellen Stimmen entsteht eine magische Verbindung zwischen ihnen. Ich habe keine Ahnung, wie es ihnen gelingt, gemeinsam dasselbe Lied zu singen. Es ist kaum zu glauben, sie kommen aus verschiedenen Ländern, sie sprechen nicht dieselbe Sprache, aber ihre Lieder klingen so sanft und melodisch!

Im vergangenen Frühjahr gab es einen Rettungseinsatz mit ungefähr 400 Personen auf einem Holzboot. Ich war für das Rettungsboots „Easy 3“ [2] und die Kommunikation mit den Menschen an Bord verantwortlich. In einem bestimmten Moment holten wir zehn Frauen, Eritreerinnen, in unser Boot. Dann mussten wir warten, bis die beiden anderen Beiboote andere Geflüchteten auf die Aquarius gebracht hatten. Da wandte sich eine der Frauen im Namen aller an mich, weil sie die Einzige war, die Englisch sprach. Sie sagte: „Wir alle möchten uns bei dir bedanken! Du bist unsere Schwester! Danke!“ Dann begannen die Frauen zu singen. Das war einfach unglaublich, mitten auf dem Meer, gerade hatten sie noch dem Tod ins Auge gesehen, und das Erste, was sie taten, war singen! Das war ihre Art, ihren Dank auszudrücken. Der Gesang der Eritreerinnen hatte etwas sehr Zartes und Besänftigendes. Das war großartig und verstörend zugleich.“

3. Jetzt, wo SOS MEDITERRANEE ein neues Rettungsschiff sucht, welchen Kriterien würdest du den Vorrang geben, um den Bedürfnissen von Frauen möglichst gerecht zu werden?

„Es ist sehr wichtig, an Bord einen Ort zu haben, wo man eine Krankenstation einrichten kann. Die Leute kommen verletzt oder krank an, und Frauen haben besondere Bedürfnisse, manche sind schwanger oder möchten einen Schwangerschaftstest machen. Andere haben Verbrennungen, weil sie mit dem Gemisch aus Treibstoff und Salzwasser in Berührung gekommen sind und Verätzungen der Haut davongetragen haben.

Das Shelter auf der Aquarius war ein ganz wesentlicher Ort. Das neue Schiff sollte ebenfalls über einen gesonderten, abgeschlossenen Bereich für Frauen und Kinder verfügen. Selbstverständlich würden wir lieber alle an einem solchen Ort unterbringen, wo sie vor der Kälte und dem Wind geschützt sind. Aber oftmals gibt es nicht genügend Platz, und deshalb müssen die Männer an Deck bleiben, wo sie nur von Planen geschützt sind.
Außerdem träume ich von einem Ort nur für die Kinder, eine Art Kindergarten, wo sie spielen könnten. Für die Kinder ist Spielen eine Möglichkeit, zur Normalität zurückzukehren.“

[1] Nach Aussagen, die an Bord der Aquarius gesammelt wurden, werden die Frauen von den Männern an Bord so weit weg vom Wasser wie möglich platziert, um sie vor dem Ertrinken zu schützen.
[2] Easy One, Two und Three sind die Namen der drei Rettungsboote.

***
Photo Credits: Anthony Jean /SOS MEDITERRANEE
Übersetzung aus dem Französischen von Frauke Rother und Sonja Finck