Schreibtisch der Übersetzerin Sonja - SOS MEDITERRANEE

„Für mich ist es keine Option, die Augen vor diesen Dingen zu verschließen“ – Interview mit Sonja, Übersetzerin

Sonja ist professionelle Übersetzerin und unterstützt SOS MEDITERRANEE seit Februar 2016. Mit ihren hervorragenden Französischkenntnissen und ihrer Wortgewandtheit hat sie uns schon oft den Rücken freigehalten. Nicht nur, indem sie selbst verschiedene Texte von Bord oder Publikationen übersetzt, sondern auch, indem sie die Koordination der gesamten Gruppe freiwilliger Übersetzer:innen übernimmt.

Liebe Sonja, bitte erzähl doch noch kurz von dir und wie du überhaupt zu SOS MEDITERRANEE gekommen bist?

Ich arbeite seit mittlerweile siebzehn Jahren als freiberufliche literarische Übersetzerin und gehöre in Berlin zu einem losen Zusammenschluss von Literaturübersetzer:innen, die aus dem Französischen ins Deutsche und umgekehrt übersetzen. Wir treffen uns einmal im Monat zu einem Stammtisch, um unsere Texte zu diskutieren, uns über berufliche Dinge auszutauschen und so der Isolation des Freiberuflerdaseins etwas Solidarität entgegenzusetzen. Außerdem verfügen wir über eine interne Mailing-Liste.

Über diese Liste kam 2016 die Info, SOS MEDITERRANEE sei auf der Suche nach ehrenamtlichen Übersetzer:innen. Schnell haben sich aus unserem Kreis zwei Gruppen zusammengefunden, eine für jede Sprachrichtung (Französisch / Deutsch und Deutsch / Französisch).

Als dann die ersten Übersetzungsanfragen von SOS MEDITERRANEE kamen, war schnell klar, dass es jemanden braucht, der oder die die Arbeit koordiniert, Anfragen entgegennimmt und verteilt und die Übersetzungen lektoriert. Dafür habe ich mich dann gemeldet.

Mittlerweile ist unser Pool an Übersetzer:innen stark gewachsen, es sind viele neue Leute dazugestoßen. Nicht alle sind professionelle Übersetzer:innen. In unserem Mailverteiler habe ich derzeit achtzehn Adressen (wobei nicht alle zu jedem Zeitpunkt gleich aktiv sind). Dadurch können wir Übersetzungen immer recht schnell anfertigen.

Ich hatte schon vorher begonnen, für die Seenotrettung im Mittelmeer zu spenden, und fand dann durch SOS MEDITERRANEE einen Weg, auch ganz konkrete Unterstützungsarbeit zu leisten. Ich finde es gut, dass ich mich praktisch engagieren kann, statt einfach nur Geld zu geben (obwohl ich das auch hin und wieder tue). Im Vergleich zu anderen Seenotrettungsorganisationen der europäischen Zivilgesellschaft gefällt mir an SOS MEDITERRANEE, dass es sich um eine länder- und somit auch sprachübergreifende NGO handelt.

Gibt es einen Text oder eine Situation, die dir besonders in Erinnerung geblieben ist?

Angefangen haben wir 2016 mit den Bordjournalen, den sogenannten »Logbüchern«. Auf der Aquarius mitreisende Journalist:innen aus Frankreich haben Texte verfasst, die wir dann ins Deutsche übersetzt haben. Dadurch war man irgendwie sehr nah dran an den Rettungseinsätzen, obwohl man zu Hause vorm Computer saß.

Dann kamen bald die »Testimonies« dazu, die Augenzeugenberichte der Geretteten (anfangs trugen diese Texte den Titel »Mit eigenen Worten«). Als ich zum ersten Mal einen Text über die Lager in Libyen gelesen habe, ist mir das sehr nah gegangen. Damals war noch gar nicht wirklich in den Medien darüber berichtet worden.

Ich erinnere mich zum Bespiel an die Geschichte von Albert (das ist nicht sein echter Name) vom Januar 2019, der von dem krassen Rassismus, dem schwarze Menschen in Libyen ausgesetzt sind, von Folter, Erpressung und Vergewaltigungen erzählte. Außerdem ist mir der Bericht von der Geburt eines Babys an Bord der Aquarius noch sehr gut im Gedächtnis. Das war 2018, das Kind bekam den Namen »Miracle«. Es war schön, auch mal etwas Hoffnungsvolles zu übersetzen, nicht immer nur Berichte von Gewalt und Tod.

Gerade die Texte der Geretteten, aber auch die Berichte von Rettungsteammitgliedern, sind manchmal nur schwer auszuhalten? Wie gehst du damit um?

Beim Übersetzen taucht man zwangsläufig in die Lebenswelt eines anderen Menschen ein. Wenn ich ein Buch übersetze, muss ich zum Beispiel die Gefühle und Gedanken der Romanfigur nachempfinden, um sie auf Deutsch wiedergeben zu können. Das ist bei den Berichten der Geretteten und der Mitglieder des Rettungsteams nicht anders. Natürlich lässt mich das nicht kalt.

Wenn ich Texte übersetze, die von schlimmer Gewalt erzählen, nehme ich mir besonders viel Zeit. Ich konzentriere mich dann ganz auf die Arbeit, mehr noch als sonst. Und danach mache ich nicht sofort mit was anderem weiter, sondern versuche erst einmal, mir eine kleine Auszeit zu nehmen.

Aber für mich ist es keine Option, die Augen vor diesen Dingen zu verschließen. Sie passieren, jetzt gerade in diesem Moment, und es ist wichtig, dass die Öffentlichkeit davon erfährt. Denn nur wenn die Leute in Europa wissen, was auf dem Mittelmeer los ist, lässt sich vielleicht politischer Druck erzeugen, damit die Europäische Union ihrer Pflicht zur Wahrung der Menschenrechte nachkommt – allen voran das Recht auf körperliche Unversehrtheit.

Was wünscht du dir von Europa?

Ich wünsche mir von der europäischen Politik, dass der Schutz der universellen Menschenrechte nicht nur ein Lippenbekenntnis ist. Dass konkrete Schritte unternommen werden, um Menschen auf der Flucht zu schützen. Dass man die vielen Toten nicht einfach hinnimmt.

Ich finde es eine Schande, dass Menschen bei dem Versuch, nach Europa zu gelangen, im Mittelmeer ertrinken, obwohl das vermeidbar wäre. Und von der europäischen Bevölkerung, vor allem vom wohlhabenden Teil, wünsche ich mir eine Einsicht darin, dass unser Reichtum zu einem großen Teil auf der Ausbeutung anderer Länder beruht. Dass jeder Mensch gleich viel wert ist. Und dass alle das Recht auf ein gutes Leben haben. Kurz gesagt: Ich wünsche mir mehr internationale Solidarität.

Danke für deine Zeit, Sonja! Und an dieser Stelle auch nochmal „Danke“ an alle ehrenamtlichen Übersetzer:innen, die uns so oft – auch ad-hoc – bei unserer Arbeit unterstützen.

Photo credits: privat / das Bild zeigt den Schreibtisch von Sonja in ihrem Arbeitszimmer in Gatineau (Kanada). Sie lebt und arbeitet in Berlin und Kanada.