„Ich denke jeden Tag an die Festsetzung der Ocean Viking“ – Leo, Rettungsteammitglied, im Interview zur aktuellen Situation

Leo ist Teil des Such- und Rettungsteams von SOS MEDITERRANEE. Im Interview beschreibt er, wie er die Festsetzung der Ocean Viking und die derzeitige Situation im zentralen Mittelmeer erlebt. Außerdem spricht er darüber, was die Zivilgesellschaft tun muss, um der Verhinderung von Seenotrettung entgegenzuwirken.

Bitte stelle dich kurz vor. Was machst du, wenn du nicht gerade Seenotrettung betreibst? Und was ist deine Aufgabe an Bord?

Ich bin seit einigen Jahren in verschiedenen Jobs auf See tätig, als Kapitän kleinerer Schiffe und als Teil der Besatzung auf größeren Schiffen. Auf der Ocean Viking habe ich in unterschiedlichen Funktionen an Bord gearbeitet. Am häufigsten als Lotse für Rettungsboote.

Die Ocean Viking wird leider schon eine ganze Weile festgehalten. Wie ist das für dich, wie empfindest du die Festsetzung?

Ich denke jeden Tag an die Festsetzung der Ocean Viking und ihre Folgen für diejenigen, die versuchen, das Mittelmeer zu überqueren. Es ist extrem schwierig – vor allem, wenn man die Situation aus erster Hand erlebt hat – zu wissen, dass wir über die Ausrüstung, die Teams und die Fähigkeiten verfügen, um Hilfe zu leisten, aber daran gehindert werden, dies zu tun. Menschen sterben, obwohl es vermeidbar wäre.

Es ist von größter Wichtigkeit, dass sowohl die zivilen als auch die Handelsschiffe nicht in ihrer Verpflichtung zur Rettung von Menschen in Seenot behindert werden; die gegenwärtige Missachtung dieser Pflicht schafft einen gefährlichen Präzedenzfall.

Was hast du aus deiner Zeit an Bord gelernt? (Worüber reden die Menschen im Allgemeinen zu wenig?)

Meine Zeit an Bord hat mir gezeigt, in welchem Maße die EU und die Mitgliedsstaaten bereit sind, das Leben von Nicht-Europäern gering zu schätzen. Wie weit diese bereit sind zu gehen, um die Rettung von Menschen in Not zu verhindern, ist schockierend.

Und ich sehe, dass sich die Menschen in Großbritannien – wo ich herkomme – dessen nicht sehr bewusst sind. Das sind Themen, die uns direkt betreffen und die wir beeinflussen können. Deshalb würde ich mir zu Hause unbedingt mehr öffentliches Bewusstsein für die Situation wünschen.

Was wünscht du dir für die nächsten Monate und für deine Arbeit bei der Seenotrettung im Allgemeinen?

In nächster Zeit wünsche ich mir die Freilassung der zahlreichen zivilen Rettungsschiffe, die derzeit festgesetzt sind, um sicherzustellen, dass so bald wie möglich eine angemessene Präsenz an Such- und Rettungsschiffen im zentralen Mittelmeer besteht.

In einem allgemeineren Sinne bin ich jedoch nicht der Meinung, dass es die zivilen Organisationen sein sollten, die die einzige koordinierte Hilfe für die Notleidenden im zentralen Mittelmeerraum leisten. Die Arbeit, die ich derzeit für SOS MEDITERRANEE leiste, sollte es eigentlich gar nicht geben.

Wir tun es nur, weil sich die nationalen Stellen und die Europäische Union aus der Verantwortung stehlen. Ohne eine umfassende staatlich gelenkte Seenotrettung, wie wir sie in den Tagen von Mare Nostrum erlebt haben, wird der vermeidbare Verlust von Menschenleben weitergehen.

Wie können die Partner*innen in dem breiten zivilgesellschaftlichen Netzwerk des United4Rescue-Bündnisses dich jetzt unterstützen?

Sie können das Bewusstsein für das Thema schärfen und den jeweiligen Regierungen auf vielfältige Weise deutlich machen, dass ihre Bürger*innen es nicht akzeptieren, dass sie bei der Verhinderung von Rettungseinsätzen auf See wegschauen.

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Das Interview ist Teil einer Serie für United4Rescue.
Photo credits: Faraz Ghani / AL JAZEERA