Bühnen beim Adventsbenefizz 2018 in Leipzig

„Ich habe mich gefragt, was ich machen kann“ – Interview mit Eva, Jazzmusikerin

Eva unterstützt unsere Arbeit auf eine ganz besondere Weise: Seit Dezember 2016 organisiert sie mit anderen Künstler*innen und dem fizz kollektiv Leipzig gleich zwei Mal im Jahr legendäre Benefizzkonzertabende – bunt, wild und immer mit der richtigen Message: für Solidarität, Weltoffenheit und Toleranz. Die dabei gesammelten Spenden gehen hälftig an SOS MEDITERRANEE und eine weitere Organisation.

Liebe Eva, danke für deine Zeit! Erzähl doch mal kurz von dir und dann wollen wir natürlich wissen, wie du eigentlich auf SOS MEDITERRANEE aufmerksam geworden bist?

Sehr gern! Ich bin Eva Klesse, Musikerin, (Jazz)-Schlagzeugerin, Komponistin, Bandleaderin, und seit knapp drei Jahren nun auch Professorin für Jazz-Schlagzeug an der Hochschule für Musik, Theater und Medien, Hannover. Ich lebe in Leipzig, aber normalerweise eigentlich immer überall, erst seit Corona bin ich mal für längere Zeit an einem Ort.

Aufmerksam geworden bin ich auf SOS MEDITERRANEE über einen Studienfreund meiner Eltern, der die Organisation von Anfang an unterstützt hat – Heiko Kauffmann (Mitgründer und langjähriger Sprecher von Pro Asyl).

Wie wurde die Idee der Benefizzkonzerte „geboren“?

Rund um 2015 fühlte ich mich – wie ja wahrscheinlich viele von uns – hilflos und gleichzeitig berührt angesichts der großen Not vieler Menschen aus Krisengebieten, die auf der Flucht waren und habe mich gefragt: was kann ich persönlich tun – als Einzelperson und als Musikerin mit wenig Zeit und wenig Geld?

Aus Berlin hatte ich gehört, dass es dort ein Benefizkonzert von Kolleg*innen gab, wo Spenden gesammelt wurden und ein Zeichen gesetzt werden sollte aus der Szene heraus. Und dann dachte ich: super, das müssen wir doch hier in Leipzig auch machen!

Beim ersten Konzert habe ich noch vieles allein gemacht. Ich habe Bands und einen Raum und Instrumente und alles Mögliche organisiert. Das war wirklich ein Sprung ins kalte Wasser und ich wusste auch gar nicht, ob überhaupt jemand kommen würde.

Und dann war es gleich beim ersten Benefizzjazz im Dezember 2016 richtig cool, ein wahnsinnig toller Abend, knallvoller Club. Es war eine sehr besondere Stimmung im Raum, wahnsinnig viele Leute und normalerweise ist es dann auch immer laut, aber an dem Abend: Stille. Das war total beeindruckend.

Glücklicherweise habe ich an dem Abend und über den Abend hinaus Leute getroffen, die Lust hatten, mitzumachen. Jetzt sind wir ein Team. Es sind mal mehr, mal weniger, aber zurzeit sind wir so eine Art Kernteam von 3 Leuten – wir hoffen, dass auch nochmal mehr Menschen dazu kommen. Seitdem machen wir das zweimal im Jahr, seit Corona in anderen Formaten.

Und hättest du 2016 schon gedacht, dass sich daraus eine ganze Reihe entwickeln würde?

Nein, das hätte ich 2016 wirklich nicht gedacht. Aber die Themen gehen ja auch nicht aus. Und es war dann so schön, dass wir dachten und ich dachte, das müssen wir irgendwie weitermachen.

Es war überhaupt nicht als Reihe angedacht, sondern damals eher so eine Hauruckaktion. Es ist natürlich auch die Frage, ob wir das so jetzt bis in alle Ewigkeit machen und stemmen können (neben unseren normalen, sowieso schon mehreren Berufen und anderen Ehrenämtern usw.). Es ist schon immer der reine Wahnsinn.

Aber im Moment machen wir das, weil es Spaß macht und es geht weiter. Vielleicht übernehmen in der Zukunft auch mal andere das Ruder und führen die ganze Aktion dann weiter, das wäre toll!

Impression Konzert Adventsbenefizz 2018

Hat sich seit dem ersten Advenzz-Benefizz im Dezember 2016 etwas geändert?

Es ist eine Art Spagat, den wir da probieren. Es soll ja auch wirklich immer ein Konzert sein, eine Plattform für die Musiker*innen und da gibt es natürlich auch manchmal lustige, manchmal tanzbare Mucke und es ist nicht immer nur nachdenklich. Aber wir haben fast immer auch einen Film von Euch, SOS MEDITERRANEE, abgespielt. Und das ist immer ein superkrasser Moment. Danach weiß keine/r mehr, was er/sie sagen soll. Und für die Band, die danach spielt, ist das immer etwas schwierig.

Aber ich glaube, es ist gut, es den Leuten und sich selbst auch immer mal wieder ins Gedächtnis zu rufen, dass die Situation im Mittelmeer so ist, wie sie ist. Manchmal ist das schwierig mit der euphorischen Stimmung zu vereinen, die eben an so einem Abend herrscht. Das Schlimmere wäre aber aus meiner Sicht, es komplett zu verdrängen und sich gar nicht mehr damit auseinander zu setzen.

Was sich noch verändert hat: seit Beginn geht die Hälfte der gesammelten Spenden an Euch. Das ist nie viel Kohle. Es geht glaube ich mehr darum, die Idee nochmal weiterzutragen und darauf aufmerksam zu machen. Das Geld ist wirklich symbolisch.

Die anderen Organisationen, die wir unterstützen, haben sich aber verändert. Am Anfang waren das der Flüchtlingsrat Leipzig, dann das Medinetz, die Sachspendenzentrale… und dieses Mal haben wir uns dazu entschieden, den Nothilfefond der Orchesterstiftung für freischaffende Musiker*innen zu unterstützen. Wir fanden das ganz cool, immer eine Organisation zu unterstützen, die quasi weltweit arbeitet und dann eine Organisation, die in Leipzig vor Ort aktiv ist. Am Anfang war der Fokus ausschließlich auf die Geflüchtetenthematik ausgerichtet und jetzt hat sich das – auch durch die Pandemie – thematisch erweitert.

Das vergangene Jahr war für (freischaffende) Künstler*innen besonders hart. Nichtsdestotrotz habt ihr einen fulminanten Advenzz-Kalender auf die Beine gestellt, bei dem jeden Tag ein musikalischer Beitrag Leipziger Künstler*innen online veröffentlicht wurde. Wie war die Stimmung? Was hat dir, was hat euch Mut gemacht?

Ich würde sagen, der Kalender war eine Win-Win-Win-Situation für alle Beteiligten 😊! Er hat, glaube ich, ein paar von meinen Musikerkolleg*innen Freude bereitet und sie kurzzeitig aus dem Corona-Blues befreit, indem es überhaupt mal wieder ein Ziel gab, auf welches hingearbeitet werden konnte. Es gab auch endlich mal wieder so eine Art Gemeinschaftsgefühl der Leipziger Szene.

Normalerweise trifft man sich ständig bei Konzerten, Jazztagen, Festivals und das fällt natürlich gerade alles weg. Alle sitzen allein zu Hause, arbeitslos und keine Kohle. Durch den Kalender gab es dann nochmal das Gefühl: wir machen hier was gemeinsam. Etwas mit anderen zusammen zu machen, ist ja ein menschliches Grundbedürfnis, glaube ich.

Ehrlich gesagt waren wir auch total überwältigt, was es für eine Breite an Beiträgen gab: es waren total lustige Sachen dabei und ernste, einige spontan, Handykamera an und los geht’s, aber manche haben auch die Chance genutzt und richtig was produziert. Das war super.

Ich glaube, dass es auch den Leuten, die es angeschaut haben, den „Lockdown-Advent“ versüßt hat. Darüber, dass wir dann noch ein bisschen mehr Spenden sammeln konnten als normalerweise, haben wir uns sehr gefreut. Das war cool!

Ansonsten ist die Stimmung unter uns Musiker*innen im Moment natürlich oft eher deprimiert. Weil es im Moment einfach sehr perspektivlos erscheint, auch schon so lange geht und man das Gefühl hat, dass das, was wir tun, nicht so eine wahnsinnige Relevanz für viele Entscheidungsträger*innen hat. Das ist natürlich neben der finanziellen Situation schwierig und traurig.

Was wünscht du dir für die Situation auf dem Mittelmeer, für die zivile Seenotrettung und von der Politik oder Zivilgesellschaft?

Eigentlich würde ich mir wünschen, dass es solche Organisationen wie Euch nicht mehr brauchen würde. Wahrscheinlich seid ihr der gleichen Meinung, dass es gut wäre, wenn es Euch nicht geben müsste. Es wäre natürlich wünschenswert, dass das eine politische Entscheidung wäre, dass es ganz klar ist, dass die Seenotrettung von Europa und Deutschland aus finanziert und organisiert wird.

Man kann natürlich noch größer wünschen… Dass Fluchtursachen verschwinden und Menschen sich gar nicht erst auf den Weg machen müssen und sich in so eine gefährliche Situation begeben müssen. Das würde ich mir wünschen.

Und, vielleicht mein größter Wunsch (das ist natürlich ein totaler Rundumschlag – das bezieht sich auf Seenotrettung und Pandemie und Musiker*innen-Dasein): eine gerechtere Verteilung von allen Dingen. So dass Menschen nicht von A nach B flüchten müssen und dass Musiker*innen während einer Pandemie nicht in eine existentiell bedrohliche Situation geraten.
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Das Interview wurde aufgezeichnet.
Fotonachweis: Jörg Singer