Gedenken an den achten Jahrestag des Schiffsunglücks vor Lampedusa – Lisa, Seenotretterin: „Wie viele Worte müssen noch geschrieben werden?“

[INHALTSWARNUNG] Dieser Text beschreibt ein Schiffsunglück mit Toten.

In der Nacht zum 3. Oktober 2013 ertranken vor der italienischen Insel Lampedusa mindestens 366 Menschen, die an Bord eines überfüllten Holzbootes aus Libyen geflohen waren.

Daraufhin initiierte die italienische Regierung die Such- und Rettungsmission Mare Nostrum. Die ersten Schiffe von Marine und Küstenwache liefen kurz Zeit später aus, um im zentralen Mittelmeer Menschenleben zu retten. Die Operation wurde unter voller Beachtung der Pflicht durchgeführt, „jeder Person, die auf See in Lebensgefahr angetroffen wird, Hilfe zu leisten“ (Art. 98 UN-Seerechtsübereinkommen (SRÜ)). Mehr als 150.000 Menschen konnten in den nachfolgenden Monaten gerettet werden.

Aufgrund mangelnder Unterstützung durch die Europäische Union sah sich Italien am 31. Oktober 2014 gezwungen, die Operation einzustellen. Mare Nostrum wurde durch die europäische Grenzschutzoperation Triton ersetzt. Der Schwerpunkt verlagerte sich auf die Kontrolle der europäischen Außengrenzen und lag nicht mehr bei der Rettung von Menschenleben .

Es wurden weniger Rettungsschiffe eingesetzt und das Such- und Rettungsgebiet drastisch verkleinert. Viele Menschen versuchten aber weiterhin, aus Libyen zu fliehen. Die Folge: Tausende Männer, Frauen und Kinder ertranken.

Portrait der Seenotretterin Lisa

 

Lisa, Sizilianerin und Mitglied der Seenotrettungscrew an Bord unseres Rettungsschiffes, der Ocean Viking, fragt sich:

“Wie viele Worte müssen noch geschrieben werden, bevor wieder eine europäische Such- und Rettungsoperation eingeführt wird?”

 
 

„Mein Name ist Lisa, ich bin 28 Jahre alt, komme aus Sizilien und bin Seenotretterin.

Mein Heimatland ist von einem wunderschönen, glitzernden Meer umgeben. Für die einen bedeutet das Meer Freiheit und Freude, für die anderen gleicht es einer finsteren Nacht, auf die nie wieder ein Tag folgen wird.

Zu lange habe ich Geschichten von im Meer versinkenden Booten voller Menschen gehört. Diese Geschichten fühlten sich so weit weg von meiner Realität an – selbst, wenn sie sich nur wenige Kilometer von meinem Zuhause entfernt, ereigneten.

Als ich die Folgen eines Schiffsunglücks, das bis zu 130 Menschenleben forderte, mit eigenen Augen sah, wurden sie plötzlich real. Der Anblick all dieser in den Wellen treibenden Leichen, die von abgenutzten Schläuchen über Wasser gehalten wurden, hat meinen Blick auf das Meer für immer verändert. Diesen Anblick werde ich nie vergessen. Genauso wenig wie das Gefühl der Hilflosigkeit und das Wissen, dass immer noch Menschen auf dem Meer sterben; dass sich die Situation im zentralen Mittelmeer seit dem tragischen Schiffsunglück vor Lampedusa vor acht Jahren, bei dem fast 400 Menschen ihr Leben auf See verloren, verschlimmert hat.

Wie viele Worte müssen noch gesagt werden? Wie viel werden wir noch darüber schreiben müssen, dass in Libyen festgehaltene Kinder, Frauen und Männer immer wieder misshandelt werden, körperlicher und sexualisierter Gewalt ausgesetzt sind und willkürlich gefangen gehalten werden? Wie viele Berichte werden noch veröffentlicht werden müssen? Über Menschen, die im zentralen Mittelmeer sterben, während sie versuchen, vor einem Ausmaß an Leid und Grausamkeit zu fliehen, das wir uns als Europäer*innen nicht einmal vorstellen können?

Im Angesicht unzähliger Entbehrungen haben Menschen den Mut gefunden, zu hoffen und zu fliehen – nur um dann für immer zu verschwinden. Ihr Mut verpflichtet uns, zu handeln und laut von den europäischen Staaten zu fordern, dass sie wieder eine europäische Such- und Rettungsmission im zentralen Mittelmeer ins Leben rufen.“

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Fotonachweis: Titelbild – Julia Schaefermeyer / SOS MEDITERRANEE, Portrait: Flavio Gasperini / SOS MEDITERRANEE