Kompetenzorientiertes Training für die Rettungsarbeit von SOS MEDITERRANEE

Rettung bedeutet Menschen aus einem Gefahrenbereich an einen Ort der Sicherheit zu bringen, aber Teil davon ist auch die Risiken zu verringern“ – Max, Search & Rescue Koordinator

Seit drei Jahren ist SOS MEDITERRANEE in der Massenrettung von Menschen in Not im zentralen Mittelmeer aktiv. Im Laufe dieser Jahre hat SOS MEDITERRANEE seine Verfahren für die Durchführung von Rettungseinsätzen auf See professionalisiert und standardisiert. Das Wissen und die Erfahrung aus Rettungseinsätzen im zentralen Mittelmeerraum haben SOS MEDITERRANEE dazu veranlasst, ein fachbezogenes, kompetenzbasiertes Such- und Rettungstraining (SAR) für die Mitglieder seines Such- und Rettungsteams durchzuführen.

Das Training fand in Marseille statt; 15 Mitglieder des Such- und Rettungsteams, sowie Mitarbeitern von Ärzte ohne Grenzen, nahmen teil.

Der Anfang des Denkprozesses, der zu dieser Schulung führte, war die Notwendigkeit eines anderen Modells für Rettungseinsätze, da die Risiken, die bei Rettungen im Mittelmeer auftreten, in anderen Kontexten so nicht existieren„, sagt Max, Koordinator des Such- und Rettungsteams von SOS MEDITERRANEE. Die Hauptrisiken, die beispielsweise bei einer Massenrettung entstehen können, sind das Ertrinken und Erdrücken (wenn ein Boot auseinanderbricht, verringert sich der Raum für Menschen im Inneren, was dazu führen kann, dass Menschen im Boot ertrinken, ersticken oder erdrückt werden). Max erklärt, dass Massenkontrolle der Schlüssel dazu ist, Paniksituationen zu reduzieren, damit die Lage insgesamt zu stabilisieren und das Erdrücken, Ersticken oder Ertrinken im jeweiligen Boot zu verhindern.

Bei einer Massenrettung handelt es sich um eine groß angelegte Rettung, bei der gleichzeitig viele Menschen gefährdet sind. Deshalb ist ein besonderer Ansatz erforderlich, bei dem Standardverfahren die Retter in die Lage versetzen,bestmöglich mit einer Vielzahl von Risiken umzugehen. Das Hauptaugenmerk bei diesem Training lag daher darauf, den Teams zu ermöglichen, einer Massenrettungssituation strukturiert und mit einem Konzept im Hinterkopf zu begegnen. Denn, wie Max erklärt, „Ich hatte dieses Privileg nicht, als ich damit angefangen habe … Die Übermittlung der Informationen ist wichtig, um vor allem den Menschen […] die Möglichkeit zu geben, den Punkt der Professionalität zu erreichen, an dem wir jetzt sind„.

Die Schulung bestand aus einem ersten Training der Such- und Rettungstrainer durch einen externen, britischen Experten des Such- und Rettungsdiensts, Howard Raam, zur Festlegung von Standards für technische Fertigkeiten und Verfahren, zum Lehren von Theorie und Praxis sowie das Training einer wiederholbaren und standartisierten Methodik. Soft-Skills-Konzepte wie neue Führungsstile und die Bedeutung klarer Missions- und Nachbesprechungen wurden ebenfalls eingeführt.

Howard Raam beobachtet die Situation schon lange. Er betont, dass die Zahlen der Ertrinkenden sehr hoch sind, und dementsprechend die Expertise erst bei den Rettungskräften vor Ort liegt. „Jedes Leben ist ein Leben und jeder Mensch verdient die Chance, gerettet zu werden“, sagt Howard. „Wie die Menschen in diese Situation gekommen sind, was ihr Hintergrund ist, was ihre Beweggründe sind, ihre ethnische Zugehörigkeit, all das ist eigentlich weitgehend irrelevant, und es ist wichtig, dass die Menschen einen Schritt nach vorne machen und versuchen, das zu tun, was sie können.“ – Howard sagt: „In dieser Schulung konzentrieren wir uns auf die Dinge, die wir wirklich beeinflussen können, indem wir den Rettungskräften eine klare Struktur geben, um zu verstehen, was passiert ist, warum es passiert ist und wie wir uns verbessern können. Es ist wichtig, die Retter zu schützen und fortzubilden, damit sie weiterhin Menschen in Seenot retten können“, fügt Howard hinzu.

Der zweite Teil der Schulung basierte auf einem kompetenzbasierten Trainingshandbuch, das von einigen der erfahrensten Retter von SOS MEDITERRANEE zusammengetragen wurde. Dieses Handbuch enthält eine Dokumentation der technischen Expertise von SOS MEDITERRANEE in Bezug auf Massenrettungen auf See und Such- und Rettungsaktivitäten im Allgemeinen. Im Anschluss an den theoretischen Teil des Workshops fanden Übungen mit Rettungsbooten auf See statt, bei denen die Retter in einem standardisierten Prozess ihr Fahr- sowie Manövriertechniken, Führungsqualitäten und damit ihre eigene Sicherheit verbesserten.

Alles zu strukturieren und aufzuzeigen, wie mit einer Massenrettung umgegangen werden soll, ist nicht nur für uns, sondern auch für die Neuankömmlinge und für andere Organisationen wichtig. Daher muss alles auf eine bestimmte Art und Weise dokumentiert werden, damit es anderen Menschen beigebracht werden kann“, sagt Charlie – SAR-Mitglied von SOS MEDITERRANEE. Ein anderes SAR-Mitglied, Viviana, fügt hinzu: „Das Training war auch eine Möglichkeit, das Erlebte auf See aufzufrischen und das Team durch einen Teambildungsprozess zusammenzuhalten.“

Die SOS MEDITERRANEE-Teams suchen derzeit nach einem Schiff, das die Durchführung von Massenrettungen ermöglicht. Um weiterhin zu retten, zu beschützen und zu bezeugen, unter den bestmöglichen Bedingungen, trotz einer möglicherweise ungünstigen Situation auf See. „Sobald wir können, gehen wir wieder da raus! Wir müssen da sein, denn die Menschen ertrinken immer noch“, sagt Charlie. „Das Ziel unserer Arbeit ist es, auf See zurückzukehren und weiterhin Menschen zu retten“, ergänzt Viviana abschließend.