Blogbuch #83

„Ich kann nicht kotzen, kann nicht weinen, das Erlebte steckt irgendwo in mir fest.“

Kritische Rettung

Ich kann mich nicht mehr an die Gesichter erinnern, außer an eines oder zwei, die ich etwas länger im Blick behalten habe, in der Hoffnung sie zu erreichen, bevor sie untergehen.“

Edouard ist seit 2016 Seenotretter auf der Aquarius. Der Wahlbretone hat die Sozialarbeit an den Nagel gehängt, um Fischer zu werden und viel Zeit auf dem Meer zu verbringen. Sonst eher offen und kommunikativ, hatte er, bevor er diese Zeilen verfasste, noch nie über den hier beschriebenen Rettungseinsatz gesprochen, den bisher traumatischsten für das Team von SOS MEDITERRANEE. Weil er glaubte, die richtigen Worte nicht finden zu können. Doch jetzt hat er sich doch dazu durchgerungen …

„Man sieht irre Sachen und redet nicht darüber.

Man verstummt.

Wenn man zum ersten Mal mit einer solchen Situation konfrontiert ist, ist man so durcheinander, dass alles von allein rauskommt, man erzählt, um sich die Last von der Seele zu reden, und damit die anderen wissen, was man durchlebt hat.

Die Leute reagieren, viele positiv, andere werfen uns Dinge an den Kopf, die uns verletzen.

Wir tun unser Bestes, nehmen einen Teil der Misere dieser Welt auf unsere Schultern, werden dafür angefeindet.

Wir resignieren, sie verstehen uns nicht.

Und dann, an irgendeinem Scheißtag, findet man sich plötzlich in der Hölle wieder.

In dem Moment ist es so krass, dass man sofort kapiert, dass selbst die Menschen, die einen unterstützen, nicht begreifen werden, wie schlimm es war. Falls man es ihnen erzählt …

Doch wir schweigen.

Was sollte man auch sagen? Wie?

Und warum?

Es bringt die Vermissten nicht zurück.

Es tröstet die Angehörigen nicht.

Wir wollen die Lobreden derer, die uns für Helden halten, nicht hören.

Weil es nicht passieren sollte, weil die Welt keine solche Helden brauchen sollte.

Wir waren da, und obwohl wir aus den besten Gründen Retter geworden waren, fühlten wir uns elend, weil wir stolz darauf gewesen waren, in der ersten Reihe dabei zu sein, sagen zu können: „Ich habe mich engagiert. Ich habe etwas getan.“

Dafür muss man niemand Besonderes sein, kein Champion. Jeder mit ein bisschen gutem Willen hätte im Angesicht der Katastrophe dasselbe getan.

Wir waren da, privilegierte europäische Idioten, die Leben retten wollten, wo Menschen zu Dutzenden starben.

Wir waren da und dachten: „Scheiße.“

Unser Herz blieb stehen, mehrere Sekunden lang.

Die Schreie von Menschen in Todesangst hallten in unseren Ohren.

Ein Wald von Händen ragt aus dem Wasser.

Köpfe tauchen an der Oberfläche auf, einmal, zweimal, bevor sie für immer verschwinden.

Wir schmeißen alles raus, was wir haben, Rettungswesten, aufblasbare Bananenboote, Rettungsinseln …

Wir rennen durcheinander, brüllen uns irgendwas zu, auf Französisch, ein Zeichen, dass uns die Situation entglitten ist.

Wir fahren im Zickzack zwischen den schemenhaften Körpern hindurch, die unter der Oberfläche treiben.

Ich kann mich nicht an Einzelheiten erinnern. Ich weiß nicht mehr, wie viele es waren.

Ich kann mich nicht mehr an die Gesichter erinnern, außer an eines oder zwei, die ich etwas länger im Blick behalten habe, in der Hoffnung sie zu erreichen, bevor sie untergehen.

Ich sehe, wie das Meer eine Jugendliche verschluckt, wie ihr Körper sich in den Wellen auflöst, die Sonne glitzert auf dem Wasser, hier treiben Kleider, dort eine Plastiktüte, dahinten ein leerer Benzinkanister.

Ein Kopf versinkt in der Tiefe, ein Wirrwarr aus Armen und Beinen, die Umrisse und Farben verschwimmen, übrig bleibt nur ein tiefblauer Fleck im helleren Wasser.

Dreißig Menschen tot. Dreißig Leben vorbei.

Eine Schätzung, beruhend auf unseren lächerlich unzureichenden Erfahrungen.

Das alles innerhalb wenigen Minuten. Wenige Minuten, die alle Illusionen zerstört haben, die ich bis dahin noch hatte.

Ich kann nicht kotzen, kann nicht weinen, das Erlebte steckt irgendwo in mir fest.

Sie sind überall um uns herum, hinter jeder Welle ein Körper, der langsam in die Tiefe sinkt.

Es fühlt sich an, als schösse alles Blut in meinen Kopf, damit ich die Augen offen halten kann.

Ich bin hellwach, angespannt, ich fühle mich schrecklich machtlos.

Unwillkürlich greife ich nach meiner aufblasbaren Schwimmweste. Ich will ins Wasser springen, um einen Mann zu retten, der ganz in der Nähe ertrinkt, ich bin ein guter Schwimmer.

Aber wenn ich springe, ist das Risiko groß, dass ich mit ihm sterbe, und ich bringe mein Team in Gefahr.

„Ok. Bleib, wo du bist.“ Ich warte auf meinen Moment.

Baz ruft Panda zu: „Da vorne, ein Baby.“ Er zeigt mit dem Finger hin.

Ich habe es lägst gesehen, seit fünf Minuten schon, seit wir hin und her rasen, um Schwimmwesten zu verteilen.

Das ist mein Alptraum.

Ich habe es gesehen und sofort gedacht: „Es ist zu spät für das Baby, schau nicht hin.“

Aber jetzt sind wir direkt davor.

„Ich nehme es! “

Jetzt habe ich es gesagt, ich lege mich bäuchlings auf den Boden des Schlauchboots, strecke den Arm aus, tauche die Hand ins Wasser. Dann den ganzen Vorderarm, bis ich den weichen Strampelanzug mit den Fingern berühre.

Ich ziehe vorsichtig, um das Baby an die Oberfläche zu holen, gebe ihm einen kleinen Stups, drehe es auf den Rücken, damit ich den Strampler mit der ganzen Hand greifen kann.

Ich hieve es aus dem Meer, es ist schwer, mit Wasser vollgesogen.

Ich müsste mich auf den Rücken drehen, um das Baby an Bord zu ziehen, und es dabei über mein Gesicht halten, aber die Vorstellung macht mir Angst, deshalb reiche ich es schnell an Baz weiter.

In diesem Moment übergebe ich ihm die Verantwortung für den kleinen Körper, aus Feigheit, ganz so, als könnte ich es nicht allein ins Boot ziehen.

Die Atempause ist kurz.

Baz muss wieder die Einsatzleitung übernehmen. Sobald ich mich aufrichte, gibt er mir das Kind zurück.

„Panda, so schnell wie möglich zurück zur Aquarius!“ „Doudou! CPR*!“

Nachricht erhalten, mein Gehirn funktioniert, ich muss eine Herzmassage machen.

Easy2 bäumt sich auf, als Panda Vollgas gibt.

Der Motor brüllt auf, Baz versucht noch lauter zu brüllen, schreit ins Funkgerät, um das medizinische Team zu benachrichtigen.

Alles bewegt sich, das Meer ist kein glatter See an einem sonnigen Augusttag. Es ist Januar im Mittelmeer, und das Wetter ist schlecht.

Ich versuche mit dem winzigen Wesen auf dem Arm eine stabile Position inmitten der leeren Rettungstaschen zu finden.

Es ist tot, ich bin mir sicher. Das Gesicht ist fast weiß, trotz der schwarzen Haut.

Die Augen sind schrecklich starr, jedes Mal, wenn ich die Brust komprimiere, quillt Schaum aus dem Mund.

Jetzt ist alles egal, ich drücke mit aller Kraft zu.

Ich will alles rausdrücken, was seine Lungen am Atmen hindert, mit etwas Glück ist noch etwas Sauerstoff im Blut, um das Gehirn zu versorgen.

Los, atme!
Baz muss das Anlegemanöver allein machen, ich darf nicht aufhören.

Ich massiere ein bisschen zu schnell und versuche, mich an eines der Lieder zu erinnern, die man uns in der Ausbildung beigebracht hat, damit wir im Rhythmus bleiben.

Und so singe ich „Staying alive“, während mir Tränen über das Gesicht laufen, ich sehe das Baby an und singe für es. Hör mir zu, Kleines!

Es ist Wahnsinn, was passiert hier gerade?

Einen Moment lang sehe ich mich von außen, das macht die Situation noch dramatischer.

Merkwürdigerweise erinnere ich mich an Filme über den Vietnamkrieg, in denen Soldaten mitten auf dem Schlachtfeld durchdrehen.

Nur ist das hier kein Film, ich muss die Augen offen halten, ich darf nicht weinen, ich darf an nichts anderes denken.

Ich darf auf keinen Fall durchdrehen.

Wir erreichen die Aquarius, ich sehe aus den Augenwinkeln den Rumpf, das Rettungsboot wird langsamer … Gleich kommt der Stoß …

Aber Panda ist in Höchstform, und das Boot schmiegt sich sanft an die Aquarius an.

Baz sagt: „Wann immer du willst, Doudou!“

„Ok, ich gehe in Position, wir machen das richtig!“

Ich knie mich breitbeinig hin und suche einen festen Stand, bevor ich mich aufrichte.

Ich beginne den Countdown, während ich mit der Herzmassage fortfahre, wie in der Ausbildung.

10-9-8-7-6-5-4-3-2-1!

Die Hände von Baz sind genau da, wo sie sein sollen.

Ich überreiche ihm das Baby, und er gibt es an andere, genauso perfekt platzierte Hände weiter.

Nach wenigen Sekunden ist das Baby auf der Brücke der Aquarius und in den Händen eines Helfers von Ärzte ohne Grenzen, der es zur Behandlung ins Shelter** bringt.

Was dann passiert, erfahren wir erst später.

Wir erfahren es erst, nachdem wir zwei andere Babys im selben Zustand aus dem Wasser gezogen und an Bord der Easy2 genommen haben und insgesamt 90 Menschen in der Easy1 und Easy3*** sitzen. Mehr als die Hälfte von ihnen wurde unter enormen Anstrengungen direkt aus dem Wasser geborgen. Drei von ihnen sterben nach der Rettung und können nicht mehr wiederbelebt werden.

Wie viele um ein Seil geklammerte Finger mussten wir einen nach dem anderen lösen, wie vielen verstörten Blicken sind wir begegnet, in Todesangst, wie oft haben wir gesagt „Vertrau mir, gib alles, was du noch hast, bei drei geht’s los“, wie viele Menschen konnten wir im letzten Moment an einem Kleidungsstück packen …

Mehrmals höre ich Baz murmeln: „Was für eine verdammte Scheiße.“

Wir waren seelisch zerstört. Nach dem Einsatz dauerte es ewig, bis wir unser Material, das überall auf dem Meer schwamm, wieder eingesammelt hatten.

Wir redeten nicht miteinander, wichen den Blicken der anderen aus.

Ab und zu schluchzte einer von uns leise auf, und eine Träne rann aus einem aufgerissenen Auge.

Als wir wieder an Bord waren, erkundigten wir uns nach den Babys.

Wir konnten erst nicht glauben, dass sie alle überlebt hatten.

Wir weinten, umarmten uns, redeten aber immer noch nicht miteinander.

Ich weiß nicht mehr, was wir als Nächstes gemacht haben, ob es eine Nachbesprechung gab, ob wir die Rettungsboote geputzt haben …

Ich weiß nur noch, dass ich unter Deck ging, mich wusch, eine Kleinigkeit aß und mich dann hinlegte und schlief.

Ich konnte nicht darüber sprechen, konnte es nicht aufschreiben.

Ich schickte meinem Vater und einem Freund eine Nachricht, schrieb irgendwas davon, dass es hart gewesen sei, dass aber alles in Ordnung sei.

Die Nachricht war wirr.

Seitdem habe ich nicht mehr über diesen Tag gesprochen.

Ein Teil von mir redete sich damit heraus, dass es nichts zu sagen gebe.

Als könnte man die Wahrheit nur verfälschen, wenn man sie erzählt.

Der Leidensweg der Geflüchteten lässt sich nicht in Worte fassen. Trotzdem müssen wir ihn in Worte fassen.

Wir müssen davon erzählen, damit die Menschen verstehen, was passiert.

Die Menschen müssen erfahren, dass wir es mit der vermutlich schlimmsten Seekatastrophe der Geschichte zu tun haben.

Die Menschen müssen wissen, dass die Geflüchteten bereit sind, ihr Leben aufs Spiel zu setzen, weil sie aus der Hölle kommen, und dass wir Hilfe leisten, um die Anzahl der Toten so gering wie möglich zu halten.

Beide Seiten kämpfen um das Leben, ohne materielle Interessen, ohne nach den Kosten zu fragen, ohne danach zu fragen, ob die Investition sich lohnt.

Das ist unser größter Wert: das Leben.

Das Leben bringt Leid, das Leben bringt Glück.

Dafür gibt es keinen Kurs an der Wall Street.

Dafür braucht man kein bestimmtes Aussehen, keine bestimmte Kultur, keine Ausweispapiere, keinen besonderen sozialen Status, keine bestimmte Eigenschaft.

Man findet das Leben in jedem Blick, ob von Glück oder Todesangst erfüllt.

Schon immer gehört zum Leben auch der Wille, sich gegen das Schicksal aufzulehnen und aus einer schlimmen Situation das Beste zu machen, auch wenn wir oft nicht viel ausrichten können, weil die Tragödie zu groß ist.

Was könnte sinnvoller sein als dieses Aufbegehren gegen den Tod, was schöner als der unermüdliche Kampf gegen das Leid?

Das alles ist schon oft gesagt und geschrieben worden.

Meine Worte geben die Gedanken der Menschen wieder, mit denen ich zusammenarbeite und mit denen ich gern zusammenlebe.

Am Rand des Abgrunds, inmitten der Dunkelheit, wenn alles an einem seidenen Faden hängt, bleibt nur eine Gewissheit:

Es geschah am 27. Januar 2018.

40 Seemeilen nordnordwestlich von Zouara.

Position: 33°20’N, 11°57’E.

***

Text: Edouard
Übersetzung aus dem Französischen: Verena von Derschau, Martina Clouzeau und Sonja Finck
Photo Credits: Laurin Schmid / SOS MEDITERRANEE

*CPR = Cardio-pulmonary resuscitation, Herz-Lungen-Wiederbelebung.
**Das Shelter ist ein Raum auf der Aquarius, in dem normalerweise Frauen und Kinder untergebracht werden, in dem aber bei kritischen Rettungseinsätzen medizinische Notfälle versorgt werden.
***Easy 1, Easy 2 und Easy 3 sind die Namen der Rettungsschlauchboote der Aquarius.