Rettungsteammitglied Guillaume auf Deck an der Bordleiter der Ocean Viking
Blogbuch #86

„An der Leiter der Ocean Viking strecke ich meine Hände aus, die zu Flügeln werden.“

Guillaume ist Teil des Such- und Rettungsteams von SOS MEDITERRANEE auf der Ocean Viking. In seinem Tagebuch zum Einsatz über die Weihnachtszeit und Neujahr berichtet er über den Alltag und die Arbeit an Bord.

14.12.2019

„Marseille war da und Marseille ist wieder weg. Die Ocean Viking fährt in einem Meer, das zwischen Horizontalität und Vertikalität schwankt. Wir sind wie Marionetten, die an Bord zwischen unseren Betten und den Medikamenten gegen Seekrankheit hin- und her wanken. Das Dezemberlicht erhellt am Morgen die Felsenküste von Marseille: Es ist der erste Tag unserer neuen Mission. Weitere Tage werden folgen. Wir beginnen von Neuem: Schulungen, Meetings, Wartungsarbeiten, Kontrollen… Stretchertraining, Herz-Lungen-Wiederbelebung (CPR). Wir überprüfen noch einmal, was schon überprüft wurde und bereiten uns auf das Schlimmste vor; wenn der Seegang es uns erlaubt. 31 Besatzungsmitglieder gewöhnen sich an das Leben auf See und den von Sonne und Mond bestimmten Rhytmus. Vergiss Samstage, Sonntage…. alle Tage sind gleich. Das Wetter erlaubt uns einige Stunden Training auf den Rettungsbooten: in Overalls, Rettungsweste, Stiefeln, mit Helm, Stirnleuchte und Handschuhen, richtet sich unsere Aufmerksamkeit auf das UHF-Radio an unserer Brust. Wir schauen geradeaus, sprechen laut und deutlich.

Ich bin Teil des Deckteams. Damit ist mein Platz zwischen der Brücke, wo die Einsätze koordiniert werden, und unseren Teams auf den Rettungsbooten. Wenn das Team eine „Rettungsbanane“ benötigt, starten wir eine „Banane“; wenn es ein Rettungsfloß braucht, werfen wir ein Floß; wenn Teammitglieder in de Rettungsboote ein- oder aus ihnen aussteigen müssen, sind wir für sie da. Jeder von uns kennt und vertraut sich gegenseitig.

Korsika und Sardinien sind nicht weit entfernt, bis wir im libyschen Such- und Rettungsgebiet sind, dauert es noch. Aber wir sind auf dem Weg dorthin.“

17.12.2019

„Heute ist ein sonniger Tag. Wir haben das blaue Meer mit unseren Rettungsbooten und Schwimmhilfen orange getupft. Dutzende von Schwimmwesten, Rettungsbananen und -Flößen bilden Pixel, die sich mit dem reflektierenden Sonnenlicht auf dem Wasser vermischen.

Vom Deck der Ocean Viking aus, wo ich für die Vorbereitung der notwendigen Ausrüstung für das Rettungsteam auf See zuständig bin, freue ich mich auf das Training auf dem Wasser. Ich beobachte das Ablegen und Andocken der Rettungsboote und achte genauestens auf mein Funkgerät, falls es bei dieser simulierten Rettung Komplikationen gibt. Zusammen mit meinen Teamkollegen Massimo und Jean halte ich an Deck Ausschau. Auf dem Wasser wird intensiv geübt: Ein Training am Morgen, ein Training am Nachmittag. Einige von uns werden heute Nacht wie ein Baby schlafen!

In den nächsten Tagen sind die Vorbereitungen abgeschlossen und ich bin es leid zu warten. Der Weg von Marseille ist lang – so viel Zeit, in der wir nicht in der libyschen Such- und Rettungszone sind und nur das Minimum tun können. Letzte Nacht haben wir Lampedusa passiert.“


Photo credits: Laurence Bondard


20.12.2019

„Es ist fünf Uhr morgens. Während Menschen in Paris und Berlin aufwachen, haben andere nicht geschlafen. Eine Menschenmenge hat sich am Heck eines Schlauchbootes zusammengekauert, welches schon an Luft verloren hat und hofft, der Dunkelheit zu entfliehen. Der heutige Notausgang ist rot und in weißer Schrift mit „Ocean Viking“ beschriftet.

Die Sonne scheint hell auf 112 Menschen, während ihnen von Basile, der den Rettungseinsatz auf dem Wasser koordiniert, Schwimmwesten überreicht werden. Obwohl der Bug des Gummibootes aufgerissen wurde und an Luft verliert, werden die Überlebenden sicher auf die Rettungsflöße und Rettungsboote gebracht. An der Leiter der Ocean Viking strecke ich meine Hände aus, die zu Flügeln werden. Kleinkinder, begraben in winzigen Schwimmwesten, finden sich in meinen Armen wieder. Ihre Augen zeigen keine Anzeichen von Verurteilung, sie sind so rund wie die Welt und strahlen Unschuld aus. Massimo und ich heben die Babys abwechselnd an Bord. Wir wollen beide in diese Augen schauen.

Die Hände der Überlebenden und unsere Hände verbinden sich immer wieder zu lebensrettenden Griffen, um sie an Bord zu hieven. Ich sage ihnen „Welcome on board“ und „bienvenue à bord“, nur für den Fall. Ich muss es auch auf Arabisch lernen. Die Morgendämmerung ist vorbei, das Team von SOS MEDITERRANEE packt die Ausrüstung ein, jetzt übernimmt Ärzte ohne Grenzen. Auch wenn viele der Menschen unter Seekrankheit leiden, strahlt das Schiffsdeck noch immer von ihrem Lächeln. Die Ocean Viking ist ein friedliches Dazwischen. Die Menschen versuchen zu vergessen, was vorher passiert ist. Und was danach passieren wird, weiß niemand.

Am selben Tag, in der Nacht, eine weitere Rettung. In einer vom Sturm aufgewühlten See taucht ein bis zum Bersten gefülltes Holzboot mit Menschen in den Scheinwerfern der Ocean Viking auf. Das Boot fuhr in Panik im Zickzack und sein Bug schlug gegen den Stahlrumpf unseres Rettungsschiffes, das nun nur noch wenige Meter von ihrem entfernt war. Einige versuchten, sich an unserem Schiff festzuhalten, was das Gleichgewicht ihres zerbrechlichen Bootes gefährdete. Unsere beiden schnellen Rettungsboote versuchten eine Annäherung Seite an Seite mit dem Holzboot und bald rollten die drei kleinen Boote nebeneinander her und auf die Ocean Viking zu. Schwimmwesten wurden noch nicht verteilt. Bei jeder Welle kreischen die Holzbretter.
Wir schaffen es, das Boot einige Meter von der Ocean Viking entfernt zu stabilisieren, um Schwimmwesten zu verteilen. Durch die Geräusche von Panik und Zerstörung hindurch höre ich Basiles Stimme im Knistern des UHF-Radios. Er erklärt, wie die Menschen von dem Holzboot von einem Rettungsboot zum nächsten in Sicherheit gebracht werden sollen. Die Nacht, der Wind, der Seegang…aber damit nicht genug, es herrscht Sturm. Und doch, nachdem sie durch die Hölle gegangen sind, haben sie vielleicht endlich ihren Glücksstern auf See gefunden, als sie es lebendig an Bord der Ocean Viking geschafft haben? Ihre Beine halten sie kaum noch, ihre Hände, ihre Arme, ihre Augen zittern, alle ihre erschöpften Körper schreien schweigend. Geflohen aus Libyen, über das Meer, durch die Nacht, unaufhörlich auf der Flucht. Aber wer ist es, der sie jagt?“

An overcrowded wooden boat in the dark next to the hull of the Ocean Viking.
Photo credits: Johann Persson

22/12/2019

„Der Winter und seine Westwinde trieben uns in die geschützten Gewässer östlich von Sizilien. Wir waren eine Stunde von Catania (Sizilien) entfernt, als wir um die medizinische Evakuierung einer der 162 Überlebenden an Bord der Ocean Viking baten. Bei 40 Knoten Wind, in einer Nacht, die rau zu werden drohte, half nur noch ein Hubschrauber. Die Frau wurde zusammen mit ihrem Baby und ihrer Schwester evakuiert.

Die maritime Welt verändert sich, sie fällt auseinander. Die Häfen sind für diese Männer, Frauen und Kinder geschlossen. Noch am selben Abend, nach 2 Tagen des Wartens, erfahren wir endlich, dass die Geretteten in Tarent (Apulien) von Bord gehen können. Während der 18 Stunden auf dem Weg dorthin, die wir von Süden her an Kalabrien vorbeifahren, werden wir nicht mehr von Sizilien vor dem Wetter geschützt. Und der Wind nimmt weiter zu.
Jede Nacht wechseln wir uns zusammen mit dem Team von Ärzte ohne Grenzen ab, um zu zweit zwei Stunden lang an Deck Wache zu halten. Die Überlebenden, die sich im Shelter für Männer aufhalten, nehmen jeden Quadratmeter ein. Es gibt nur zwei Türen. Eine ist geschlossen, weil sie den Wellen zu sehr ausgesetzt ist. An der anderen Tür, wenn der Gang zur Toilette unbedingt notwendig ist, umklammern wir fest die Arme der Menschen, während wir die wenigen Meter zur Toilette laufen. Das Shelter der Männer ist nicht ganz sicher vor dem Meer; seine Arme finden winzige Lücken, in die sie sich von oben und unten einschleichen können.

In der feuchten Atmosphäre hört man Husten, ich steige über Körper, um diejenigen zu erreichen, die seekrank werden und verteile Hygienebeutel und/oder Tabletten an sie. Wellen, die auf den Container treffen, klingen wie zerbröckelnde Berge. Die Augen derer, die nicht schlafen können, treffen auf meine, um zu sehen, ob ich noch ruhig bin. Draußen ist das Deck überflutet. Um 4 Uhr morgens übernehmen Alessandro und Massimo für Pablo und mich; um den Rest der Nacht bei 50 Knoten Wind und 5 Meter hohen Wellen zu überstehen.

Der Tag kommt. Und endlich der Golf von Tarent. Die Ocean Viking legt am Kai an. Zoll, Küstenwache, Polizei, sie sind alle da. Das Rote Kreuz und ein medizinisches Team vom italienischen Gesundheitsministerium auch. Sie haben Papiermasken im Gesicht, nur für den Fall. Sie haben auch Schuhe zu spenden. Bis alle Geretteten verabschiedet und von Bord gegangen sind, dauert es ein paar Stunden; dann ist das Schiff still.
Später verlassen wir das Schiff auf einen Drink. Ich laufe über den Kai, auf dem immer noch Gerettete darauf warten, per Bus in eine Unterkunft gebracht zu werden. Die letzten stehen in kleinen Gruppen hinter Zäunen, umhüllt von Überlebensdecken. Ich gehe auf diesem Kai mit der Kleidung, die mir gefällt, meiner warmen Jacke, meinem Pass in der Tasche. Niemand hält mich auf. Niemand kontrolliert mich. Ich gehe an ihnen vorbei und grüße sie ein letztes Mal. Ich kann nicht anders, als mich zu schämen.“

A young woman is being led off the Ocean Viking during disembarkation in Taranto
Photo credit: Laurence Bondard

03.01.2020

„Am 23. Dezember gingen die geretteten Menschen von Bord und wir vertraten uns die Beine.. Es war Weihnachten und Neujahr. José und Juan Paolo, die beiden Köche der Besatzung, bereiteten das Bankett vor und wir machten es wie Asterix und Obelix mit den Wildschweinen. Egal, in welchem Hafen, egal, auf welchem Meer wir waren, wir waren eine Familie. Die Tage entfalteten sich in der Unordnung der Wellen, so dass ich nicht mehr wusste, welche vergangen waren und welche noch kommen würden. Da war ein Holzboot, menschenleer. Und dann war ein Boot der libyschen Küstenwache auf dem Weg nach Libyen; voll mit Menschen. Es gab Trawler; was haben sie gefischt? Das Wetter dieser Tage; schlecht, eine zusätzliche Grenze für diejenigen, die versuchen zu fliehen. Der Winter erhöht das Risiko zu sterben. Deshalb sind wir hier.

Die Sea-Watch 3 (der deutschen NGO Sea Watch) konnte am 30. Dezember wieder in See stechen und patrouilliert derzeit ebenfalls in dieser riesigen Pfütze, die das zentrale Mittelmeer darstellt. Vom ersten bis zum letzten Tageslicht wechseln wir uns auf der Brücke bei der Suche nach Booten in Seenot ab. Meine Schicht geht jeden Morgen von 8:25 bis 9:25 Uhr. Dann verbinde ich meinen gesamten Körper mit dem Fernglas. Die Wellen tragen einstimmig weiße Kronen. Zwischen den Wolken kommen Sonnenfransen herab, um ihre Füße zu kühlen. Der Schiffsradar zeigt je nach Stärke der Regenschauer rot, gelb oder blau. In der Ferne, am Horizont, nehme ich den Rauch von Schiffswracks wahr.“

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Guillaume ist 33 Jahre alt, aus Frankreich und Mitglied des SOS MEDITERRANEE-Teams. Es ist sein erster Einsatz auf der Ocean Viking. Bevor er zur See fuhr, arbeitete Guillaume in paramedizinischen Zentren, wo durch Sport zur Rehabilitation von Menschen mit physischen oder psychischen Einschränkungen beigetragen wird. Er glaubt, diese Erfahrung habe ihm die Möglichkeit gegeben, Menschen in schwierigen Situationen nahe zu kommen, ihre Empfindlichkeiten zu spüren, sie zu verstehen und ihnen zu helfen. In den letzten zwei Jahren war er als Seefahrer und Skipper auf Charterbooten tätig und brachte Segelboote über den Atlantik. Daneben hatte er auch verschiedene berufliche Erfahrungen in der Fischerei sowie im Segeln von traditionellen Beringsegelbooten in der Bretagne und der Normandie.

Photo credits (Headerbild): Faras Ghani / Al Jazeera