Blogbuch

Interview mit Christina Schmidt, SAR Team

„Es ist so ermutigend und bestärkend zu spüren, dass du etwas tun kannst.“

Du bist nun seit ein paar Wochen wieder zurück an Land. Wie denkst Du an Deine Zeit auf der AQUARIUS zurück?

Ich war von Mitte Juni bis Ende Juli als Freiwillige im SAR-Team an Bord der MS AQUARIUS. Das war eine intensive Lebens- und Arbeitserfahrung. Es war sehr anstrengend, sowohl physisch als auch psychisch, aber ich fühle mich hundertmal belohnt dafür.

Am Anfang fiel es mir schwer, in die Arbeit und das Team hinein zu finden, die ersten Tage war ich außerdem seekrank. Nach dem ersten Rettungseinsatz war das vorbei. Ab da hatte ich das Gefühl, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein und das Richtige zu tun. Das hat mich verändert, und ich bin dankbar für diese Erfahrung. Da ist eine tiefe Verbindung zur Organisation gewachsen. Insgesamt haben wir in sechs Wochen 2.043 Menschen betreut und sicher an Land gebracht. Beim letzten Rettungseinsatz am 20. Juli mussten wir auch 22 Tote bergen. Das war ein schwerer Tag für alle. Ich denke oft an die Menschen, die bei uns an Bord waren. Ich frage mich, wo sie jetzt wohl sind.

Die Rückkehr an Land nach dem Einsatz war schwierig, der Kontrast mit dem Erlebten war zu stark, um einfach wieder in den Alltag zu gehen. Seitdem verfolge ich, was auf dem Schiff passiert und bin im Kontakt mit Leuten aus dem Team. Das heißt, ich bin mental und emotional eigentlich noch an Bord. Jetzt bereite ich mich auf den nächsten Einsatz Ende September vor.

Weshalb bist Du als Mitglied des SAR Teams an Bord der AQUARIUS gegangen?

Das ist eine lange Geschichte. Ich arbeite seit drei Jahren mit der Stiftung Flucht Vertreibung Versöhnung zusammen und hatte Anfang 2016 einen Recherche-Auftrag. Das Thema: Flüchtlinge heute auf der zentralen Mittelmeerroute zwischen Libyen und Italien. Dafür war ich auf Sizilien unterwegs. Ich habe Interviews gemacht mit Leuten, die sich für die Aufnahme von Flüchtlingen engagieren, und habe viel Material gesammelt. Als ich im Februar auf Lampedusa war, erlebte ich eines Nachts die Ankunft von Flüchtlingen, die von der italienischen Küstenwache an Land gebracht wurden.

Dieses Erlebnis, die Begegnung mit Menschen, die tagelang ohne Essen und Trinken auf dem Meer umher geirrt waren und jetzt die ersten Schritte auf sicherem Land machten, war ein Schock für mich. Ein paar Tage danach erlebte ich die Verabschiedung der AQUARIUS, die von Lampedusa aus zu ihrer ersten Mission in die SAR-Zone aufbrach. Ich konnte das Schiff besichtigen und mit Leuten von SOS MEDITERRANEE sprechen. Als das Schiff ablegte, ist bei mir, erst einmal unbewusst, so eine Sehnsucht aufgekommen. Ich hatte als Jugendliche sehr davon geträumt, auf einem Schiff zu arbeiten. Jetzt traf sich das mit der Begeisterung für das Projekt, etwas konkret für die Menschen zu tun, die sich auf die gefährliche Reise über das Mittelmeer begeben müssen und dort in Lebensgefahr geraten. Daher habe ich mich, als meine Recherchen beendet waren, bei SOS MEDITERRANEE beworben.

Warum ist zivile Seenotrettung für Dich wichtig?

Wenn die Stadt brennt, wartest du nicht auf die professionelle Feuerwehr, sondern löschst mit. Der Einsatz von Schiffen zur zivilen Seenotrettung ist so wichtig, weil alle dringend gebraucht werden – und weil diese die einzigen sind, für die Search and Rescue, also die Rettung von Menschen, das oberste Anliegen ist und die spezifisch dafür ausgerüstet sind. Die zentrale Mittelmeer-Route ist heute die gefährlichste Fluchtroute der Welt.

Es sterben fast jeden Tag Menschen auf dem Meer, das ist eine humanitäre Katastrophe, der wir mit einem humanitären Einsatz begegnen müssen. Wir allein können es nicht schaffen, doch wenn wir nicht wären, würden noch mehr Menschen sterben. Die Europäische Union hat bisher nicht entschieden, der Realität ins Auge zu blicken. Sie setzt weiterhin auf Abschottung, verlagert den Grenzschutz nach außen und macht Deals mit Diktatoren, anstatt sich politisch und konkret im Mittelmeer für die flüchtenden Menschen zu engagieren. Am Ende werden Menschen, die aus der libyschen Hölle fliehen, zu Objekten einer kurzsichtigen und zynischen Politik, die nationale Interessen verfolgt.

Die EU gibt sich nach wie vor der Illusion hin, man könne Migration stoppen. Die Schiffe von FRONTEX und der EUNavForMed kreuzen im Mittelmeer mit dem Ziel, die europäische Außengrenze zu schützen und Schlepper zu bekämpfen. Doch die Schlepper sitzen in Libyen und machen Riesengeschäfte und jeden Tag, wenn es das Wetter erlaubt, werden Menschen auf Boote gestopft und aufs Meer hinausgeschickt.

Es scheint, als gelte das Leben der geflüchteten Menschen weniger als unseres. Was wäre, wenn das Deutsche oder Franzosen wären, die da zu Tausenden im Mittelmeer sterben? Sind wir nicht alle gleich, unabhängig von Herkunft, Hautfarbe, Religion, Geschlecht?

Was waren besonders einprägsame Momente für Dich auf der AQUARIUS?

Es gibt so vieles, was immer wieder in meiner Erinnerung auftaucht. Es sind Momente während der Rettungsoperationen, wo ich meist auf der Landungsplattform stand, den Ankommenden die Hand reichte und ihnen half, die Leiter zu erklimmen und an Bord zu kommen. Es sind auch Momente aus den darauf folgenden Tagen mit den Überlebenden an Bord. Vor allem meine Feuertaufe, der erste Einsatz: Am 23. Juni hatte ich morgens auf der Brücke Wache und ein Notruf kam, es gab drei Boote in unserer Nähe. Das erste fanden wir ziemlich schnell und retteten alle Insassen, das zweite wurde bereits von einem italienischen Militärschiff gerettet, doch nach dem dritten Boot hielten wir den ganzen Nachmittag und den ganzen Abend lang Ausschau. Es wurde dunkel und wir standen alle mit den Ferngläsern auf der Brücke und suchten das Meer ab. Nichts. Wir fuhren in die Nacht und suchten weiter, der Kapitän fuhr eine Spirale um die Position herum, die gemeldet worden war, und ließ die Suchlichter über das Meer wandern. Dann war da plötzlich ein weißer Punkt im Dunkel, wir hatten das Boot gefunden. Die Menschen darauf saßen da und winkten, das Boot reflektierte unser Licht, es strahlte, als wäre alles weiß. Darüber stand der Vollmond. Wir haben dann eine Nachtrettung gemacht und alle sicher an Bord geholt, es waren sehr viele Frauen und Kinder auf dem Boot. Sie waren seit 20 Stunden unterwegs gewesen.
Gleich daran anschließend, es war 3 Uhr morgens, gab es einen Transfer von einem Militärschiff, wir brachten noch fast 400 Menschen zu uns an Bord, das dauerte ewig. Wir waren alle seit mehr als 24 Stunden auf den Beinen. Wir fuhren dann mit insgesamt 650 Menschen nach Messina, so viele waren noch nie auf der AQUARIUS gewesen. An diesem Tag gab es insgesamt 43 Rettungseinsätze im Mittelmeer, ungefähr 5.000 Menschen wurden gerettet. Es war ein Rekord-Tag, aber die Nachricht vom Brexit überschattete das ganz und gar. In dem Einsatz am 23. Juni gab es ein Happy End für Masse und Adams, ein junges Liebespaar. Sie waren auf zwei verschiedenen Booten geflohen und trafen sich bei uns an Bord wieder, sie war auf dem Boot aus der Nachtrettung, er kam mit dem Transfer Stunden später an Bord. Sie standen dann die ganze Zeit an Deck, umarmten sich und konnten ihr Glück nicht fassen.

Momente, die sich mir eingeprägt haben, sind die Begegnungen mit den Überlebenden an Bord, die Arbeit im Team zur Vorbereitung und Verteilung des Essens, die Nachtwache. Kinder, deren Mütter erschöpft im Shelter Room schliefen, liefen bis in die Nacht herein auf dem Deck herum und spielten und tobten, waren nicht zum Schlafen zu bewegen, dankbar für jede Zuwendung. Ein kleines Mädchen hatte ein Paket NRG5 gegessen, ein Trockenpulver mit mehr als 2000 Kcal, das einen erwachsenen Mann für einen Tag ernährt. Nicht vergessen werde ich, wie wir morgens in einen sizilianischen Hafen einlaufen, wie die Überlebenden auf das sich nähernde Festland schauen und singen und wie sie dann von Bord der AQUARIUS gehen. Es gab jedes Mal unter den Überlebenden Personen, denen ich während der zweitägigen Reise näher gekommen war und es war schwer, sie zu verabschieden, wissend, dass sie eine schwere Reise vor sich haben.

Am schlimmsten war der Tag, es war der 20. Juli, als wir nach dem Notruf vom MRCC zwei Schlauchboote erreichten und erfuhren, dass da mehrere Tote waren, es hieß, es seien 15. Nachdem wir die 209 Überlebenden von beiden Booten sicher an Bord hatten, sind drei Männer vom SAR-Team, Mathias, James und Albert, in das eine Boot gestiegen und haben die Toten geborgen. Es dauerte Stunden, es nahm kein Ende, so fühlte sich das für mich an. Oben an Bord nahmen die Ärztin und die Jungs von MSF die Leichen auf und trugen sie aufs Vorderdeck. Ich sah das alles von der Landungsplattform aus, mit gewissem Abstand, ich konnte nichts tun. Abends, als wir mehr wussten, als klar war, dass von den 22 Toten 21 Frauen waren und dass sie in einem schlimmen Zustand waren, als das alles konkret wurde, da hat mich das überschwemmt. Wir waren dann zwei Tage unterwegs und brachten alle, die Überlebenden und die Toten, nach Trapani, zu unserem Heimathafen. Das war mein letzter Rettungseinsatz, ich flog drei Tage später nach Hause.

Was nimmst Du von dieser Zeit mit?

Vor allem die Gewissheit, dass wir alle im selben Boot sitzen und gemeinsam Verantwortung tragen, für das was passiert. Den Glauben in die Tugend gemeinsamer Arbeit, darin, dass wir zusammen etwas schaffen können.

Ich habe an Bord der AQUARIUS die Kraft in einem internationalen Team erlebt, das waren zu meiner Zeit Leute mit dreizehn Nationalitäten, die sich gemeinsam für die Rettung von Menschen einsetzten. Es ist so ermutigend und bestärkend, wenn jede/r mit den eigenen Fähigkeiten gebraucht wird und einen Platz finden kann. Einfach auch zu spüren, dass du etwas tun kannst. Nicht nur zu Hause in deinen privaten Dramen sitzen und die Nachrichten über dich hinweg spülen lassen, sondern dass du etwas wirklich Nützliches tun kannst, etwas bewirken kannst. Manchmal ist es nur ein kleiner Schritt aus der Routine heraus und vieles verändert sich. Es ist auch das Bewusstsein, wie gut es uns hier eigentlich geht, und eine große Dankbarkeit. Ich bin dankbar für diese Erfahrung auf der AQUARIUS, für die Begegnungen, für die neuen Freunde in meinem Leben. Für die Chance, den Menschen, die aus der libyschen Hölle kommen und sich nach Europa retten, wenigstens die Hand reichen zu können.