Blogbuch #36

„720 Menschen auf diesem kleinen Holzboot – das ist unfassbar“

Mon. 03.10.2016

“Es ist Wahnsinn. 167 Menschen auf einem Gummiboot gestern, war etwas, das uns vorher noch nie passiert ist. Aber 720 Menschen auf diesem kleinen Holzboot – das ist unfassbar”

Es ist Montagmorgen, 5 Uhr. Das Mittelmeer ist in Dunkelheit gehüllt, 25 Meilen nördlich von Sabratah in Libyen. Mein Schlaf war zu Ende als ich den Alarmton hörte. Zwei Minuten später wurde klar: die nächste Rettung.

20 Minuten zuvor hatte die Crew einen kleinen Punkt auf dem Radar entdeckt. Ein gewöhnliches Auge würde dies gar nicht wahrnehmen und in dieser Dunkelheit nichts auf See entdecken – es ist ein Tiefschwarz und man hört nur die Wellen schwappen. Der kleine Punkt ist sehr wahrscheinlich ein Boot; kein Gummi- sondern ein Holzboot. Es dauert keine zehn Minuten und das Search- and-Rescue Team is hellwach und komplett ausgestattet, unsere Rettungsboote sind bereit zum Einsatz.

Die hellen Scheinwerfer der AQUARIUS bahnen sich ihren Weg durch die morgendliche Dunkelheit. Der Sonnenaufgang ist noch Stunden entfernt. Einige Meilen von uns entfernt entdecken die Scheinwerfer ein weißes Etwas. Je näher wir kommen, desto besser können wir erkennen, dass es sich definitiv um ein Holzboot handelt. Nicht weiß, sondern blau angestrichen. Vielleicht 20 Meter lang, auf jeden Fall klein.

Dies ist unglaublich selten und gefährlich. Gummiboot sind instabil und eigentlich immer komplett überfüllt. Doch Holzboote sind schlimmer. Sie sind komplett überladen und die größte Gefahr besteht darin, dass sich zu viele Menschen an Bord bewegen auf eine Seite bewegen oder in Panik ausbrechen und es so umkippt.

Unsere Rettungsboote erreichen das Holzboot gegen 05.30 Uhr. An Bord finden wir hunderte Menschen, niemand trägt eine Rettungsweste. Es ist schwierig festzustellen, wie viele Kinder, Frauen und Männer genau an Bord sind, da sich die meisten unter Deck befinden.

Zur gleichen Zeit wird ein weiteres Boot, diesmal ein Gummiboot, gesichtet. Glücklicherweise sind unsere KollegInnen von Seawatch2 und Proactiva Open Arms nicht weit von uns entfernt und können sich um das Schlauchboot kümmern, während die AQUARIUS sich um dem Holzboot annimmt.

Nachdem einige hundert Rettungswesten ausgeteilt werden, beginnen wir mit dem ersten Transfer von 20 Frauen und Kinder. Niemand weiß, wieviele Menschen sich auf dem Holzboot befinden. Die, die noch auf dem Holzboot sind, wissen nicht, wie man den Motor abschaltet, niemand hat es ihnen jemals erklärt. Es ist eine komplizierte und anspruchsvolle Rettung, dieses überladene Holzboot am frühen Montag.

Ein Rettungsschiff von Astral wird uns unterstützen. Unendlich fahren die beiden Rettungsboote hin und her und bringen Frauen, Kinder und Männer in Sicherheit. Es dauert stundenlang. Um 9 Uhr haben wir bereits 500 Menschen in Sicherheit an Bord der AQUARIUS gebracht – aber die Rettung geht weiter.

“Wir haben die Leute auf dem Holzboot gebeten, nachzuzählen wie viele Menschen sich noch an Bord befanden. Es scheint, als gäbe es noch einige Unterdecks,” sagt Antoine, unser Crewmitglied, der gestern eines der Rettungsboote steuerte. “Es sind noch 200 an Bord.” Wir können es zuerst gar nicht glauben, da dies bedeutet, dass sich mehr als 700 Leute an Bord dieses simplen Holzboote befinden.

Das Wetter ist an diesem Morgen auf unserer Seite. Es ist nur ein leichter Wellengang und Wind. Es dauert weitere 2.5 Stunden bis schlussendlich alle in Sicherheit auf der AQUARIUS sind. Wiedereinmal war es ein erfolgreicher Einsatz gemeinsam mit unseren Kollegen im Mittelmeer. Erst am Tag zuvor hatten wir, in Zusammenarbeit mit MOAS, bereits 167 Menschen von einem überfüllten Gummiboot gerettet.

Heute Morgen arbeiten das Team von SOS MEDITERRANEE und Proactiva Open Arms Hand in Hand. Zum Schluss steht es fest: Wir haben 720 Menschen während eines 6-Stunden langen Einsatzes gerettet. Niemand ist verletzt, aber viele sind erschöpft und müde. 191 Frauen und 529 Männer. 198 sind unter achtzehn, neun unter fünf. Zehn Frauen sind schwanger.

“Es ist Wahnsinn. 167 Menschen auf einem Gummiboot gestern, war etwas, das uns vorher noch nie passiert ist. Aber 720 Menschen auf diesem kleinen Holzboot – das ist unfassbar,” sagt unser Koordinator Yohann. “Dies ist der 30. Einsatz von SOS MEDITERRANEE und noch nie zuvor haben wir soviele Menschen auf einmal gerettet. Wir sind etwas unter Schock aber auch erleichtert, dass alles so gut verlaufen ist. Dies war kein einfaches Unterfangen und wir sind froh, dass sich alle auf der AQUARIUS befinden. Unsere Partner  Ärzte ohne Grenzen kümmern sich um die weitere Versorgung.”

Das Holzboot hat Libyen in der Nacht verlassen. “Es war gegen Mitternacht,” erzählt mir ein Mann aus Eritrea “Wir haben die Küste irgendwo in der Nähe von Sabratah verlassen. Alle waren dicht gedrängt; Du konntest eigentlich da  nicht sitzen.”

Die meisten Geflüchteten stammen aus Eritrea (683), Somalia (22), Äthiopien, Chad, Ägypten, Palästina und Sudan. Und wiedereinmal hören wir uns schreckliche Geschichten aus Libyen an.

Die AQUARIUS segelt wieder in Richtung Norden. In Italien werden wir die 720 Kinder, Frauen und Männer sicher an Land ringen. Zwei Tage und Nächte werden sie an Bord der AQUARIUS bleiben, und wir werden unser Bestes geben, sie so weit es geht zu unterstützen.

Text: René Schulthoff

Übersetzung: Lea Main- Klingst

Photo Credits: Fabian Mondl/ SOS MEDITERRANEE