Blogbuch #38

Willkommen in Tarent, Italien.

25.10.2016


“Zeit zu strahlen! Dies ist unsere Zeit zu strahlen!!”. Bei Anbruch der Morgendämmerung beten einige auf dem Achterdeck der AQUARIUS, sie segnen die AQUARIUS und beten Europa um Gnade, während die AQUARIUS in den Hafen von Tarent im Süden Italiens einläuft. “Dies ist unsere Zeit zu strahlen”, sagen sie, schütteln Hände – meine auch – und haben ein Lächeln auf den Lippen, voller Hoffnung.

An Board haben einige noch geglaubt, dass wir Toronto in Kanada ansteuern. Das war eine Verwechslung, erinnerte mich und uns aber auch an eine interessante Parallele: Zu Beginn des 20. Jahrhunderts flohen viele Italiener von Süditalien aus per Schiff von genau den Häfen, an denen wir jetzt die Flüchtenden absetzen. Bis 1920 waren mehr als 4 Mio. Italiener*innen in die USA, nach Kanada und nach Südamerika emigriert. Die meisten von ihnen zu der Zeit waren sogennante Wirtschaftsflüchtende.

In der Nacht bevor die AQUARIUS am Hafen ankommt, kommen Frauen aus dem “shelter” und stimmen ein “Halleluja” an, als das Schiff sich endlich der italienischen Küste nähert. Die Feststimmung an Deck und das ausgelassene Tanzen wirken nach all dem Schmerz, der Gewalt und Angst, die sie, wie wir wissen in Libyen haben aushalten müssen, wie ein Exorzismus. “Wir sind heute so glücklich”, sagt ein junges Mädchen. Sie steht an einer Box und klatscht mit den Händen. Ich freue mich, die 16-jährige A. endlich lächeln zu sehen. In der Nacht nach der Rettung hatte ich das einsame, traurige Mädchen bemerkt. A. war so verängstigt von der Überfahrt und der Rettung, dass sie nicht schlafen konnte. Also setzte ich mich in jener Nacht neben sie, ganz still. Von dem Moment an kam ich in den vier Tagen, in den wir von der SAR Zone nach Süditalien brauchten, regelmäßig zum Frühstück und Mittagessen bei ihr vorbei. Ich neckte sie leicht und fragte, ob sie lieber so tun wolle als habe sie keinen Hunger und den Notfall-Gemüsetopf, den wir – mit viel Liebe – für unsere Gäste “kochen”, nicht essen wolle. Ihr Lächeln und ihre Freundschaft wurden schnell sehr wertvoll für mich. A. war lange allein gereist, wollte aber nicht wirklich darüber sprechen. Ehrlich gesagt wollte sie überhaupt nicht gerne sprechen, sondern murmelte eher. “Die meisten der Mädchen sind in Libyen und auf ihrer Reise allgemein von schwerer und wiederholter sexualisierter Gewalt betroffen.”, erzählt mir später ein Freiwilliger. Es ist für mich immer noch schwer vorstellbar, dass dieses schüchterne junge Mädchen nur ein “normaler” Teenager zu sein scheint, aber in Wirklichkeit tiefe seelische Wunden haben mag.  Nachdem sie vom Schiff gegangen ist, verliert mein Blick sie, aber ich bin mir sicher, dass man sich um sie als Minderjährige in Italien gut kümmern wird. Sie kann vielleicht in einer Familie aufgenommen werden, neue Bezugspersonen haben, Pasta essen und zur Schule gehen. Nach einer Weile kann ich nicht anders und schaue nochmal nach ihr. Sie steigt gerade in einen Bus nach … irgendwo, sieht mich und winkt mir zu, als der Bus losfährt.

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Text: Mathilde Auvillain
Übersetzung: Anna Kallage