Blogbuch #42

Portraits von der AQUARIUS – David und die „Lächel-Methode“

 8.11.16


David Hoehne, 31 Jahre alt, hat das ansteckendste und unwiderstehlichste Lächeln.

Der junge Deutsche ist einer der vielen fantastischen Leute, die ich an Bord der AQUARIUS in den letzten drei Wochen getroffen habe. Wie viele von uns hat David seine Arbeit und Verpflichtungen unterbrochen und sich freiwillig für einen 3-wöchigen Einsatz mit dem SOS MEDITERRANEE SAR Team entschieden. Dies war nicht seine erste Erfahrung auf einem Rettungsschiff – erst kürzlich hat er als Freiwilliger die Arbeit von Sea Watch  unterstützt. Tatsächlich ist es David , obwohl der Einsatz beendet war und er jetzt endlich etwas Ruhe bekommen konnte, schwer gefallen in Catania von Bord zu gehen und so kam er zurück, um jede letzte Minute mit der Crew zu genießen.

David ist einer der jungen Europäer*innen, die sich an einem bestimmten Punkt in ihrem Leben entschlossen haben „etwas zu tun“, direkt dahin zu gehen wo Hilfe benötigt wird, zeitweise sein „normales“ Leben zu verlassen und etwas „Richtiges“ zu erleben. „Ich glaube es wird viel Hilfe auf dem Mittelmeer benötigt, denn die Menschen, die in den Schlauchbooten die Überfahrt wagen, haben nichts. Denk’ mal drüber nach: Niemand in Europa würde freiwillig alles zurücklassen und in ein Schlauchboot steigen, um das Mittelmeer zu überqueren. Wenn Menschen so etwas tun, heißt das, dass sie wirklich Hilfe brauchen“, erklärt er.

In Berlin gehören David zwei Clubs. „Es ist total schräg, in meinem normalen Leben versorge ich Menschen mit Party und Musik, sie kommen Freitagabend, machen das ganze Wochenende Party und gehen am Montag wieder zu ihrer normalen Arbeit. Die können gar keine Revolution starten, weil sie in ihrer Freizeit betrunken sind und Party machen und dann wieder zurück ins Büro gehen“, sagt er. David liebt seinen Job und sein Leben in Berlin, aber an einem bestimmten Punkt hatte er das Gefühl gehabt, etwas Anderes tun zu müssen. „Nach einer schlechten Nacht auf der Arbeit habe ich einen Artikel über Sea Watch gelesen und weiteren NGOs, die Menschen auf dem Mittelmeer rettet. Ich habe denen eine E-Mail geschickt und zwei Wochen später war ich auf einem Schiff bei Lampedusa“.

Der junge Freiwillige berichtet, dass er nach seinem ersten Einsatz ganz schön mitgenommen war und wegen dem, was er gesehen und erlebt hatte, weinen musste. „Als ich zurück nach Berlin kam wurde mir klar, dass ich mehr tun musste. Klar ist das, was wir tun nicht die Lösung des Problems, aber ich denke trotzdem, dass wenn ich die Chance habe, etwas tun zu können, ich auch etwas tun sollte. Also bin ich mit Sea Watch nach Lesvos gegangen und habe dort viele Leute getroffen. Und so habe ich dann auch von SOS MEDITERRANEE gehört“.

Während seiner Rotation an Bord der AQUARIUS war David auf dem RHIB1, dem Rettungsboot, dass die Transporte zwischen den Schlauchbooten und der AQUARIUS gewährleistet.
„Wenn die Rettung beginnt sind da ein Haufen Emotionen, Aufregung, das Adrenalin steigt, du musst dich konzentrieren, denn die Menschen an Bord zu bekommen ist sehr schwierig, es ist rutschig und du musst dich vor allem darauf konzentrieren, dass keiner ins Wasser fällt, denn es ist sehr schwer jemanden da raus zu ziehen.“ Davids Tipp für die Neuen an Bord: „Befolgt die Anweisung, vertraut Max dem Deputy SAR und Ralph, dem RHIB Fahrer, beruhigt die Leute und dann wird schon alles gut.“

Nur einmal, während einer seiner ersten Einsätze fühlte sich David von seinen Gefühlen überwältigt. „Wir waren auf dem Rettungsboot und es war nachts und daher dunkel. Ich hatte schon zwei Kinder auf meinem Arm und ich wusste nicht, wie ich das dritte auch noch annehmen sollte. Die Mutter war schwanger und stand neben mir. Ich habe fast angefangen zu weinen, aber ich dachte ich muss mich zusammenreißen, denn das würde auch keinem was bringen. Am Ende ging alles gut, denn der Journalist neben mir hat ohne zu fragen seine Kamera weggelegt und das Baby angenommen.“

Nach einer Weile wurde David klar, dass er sein Bestes gegeben hat. All das, was eben möglich war. „Ich habe ein paar Tage gebraucht, bis ich gemerkt habe: Das ist alles, was wir tun können“. Danach begann er seine „Lächel-Technik“ einzusetzen. „Ich hab‘ einfach die Flüchtenden angelächelt, direkt wenn wir das Boot erreichten. Manche lächeln sogar zurück, das ist wirklich krass inmitten so einer Situation auf einem überfüllten Schlauchboot mitten auf dem Meer, nachdem die stundenlang seekrank waren und Angst hatten zu ertrinken.“  Sogar auf dem Boot, während der 30-stündigen Fahrt nach Italien, lächelte David weiter. Sogar wenn er an der Reihe war die Toiletten zu putzen, die Wasserfilter einzusetzen, Gemüse zu kochen oder Müll zu sammeln. Und selbst dann, als es an der Zeit war, den Gästen auf Wiedersehen zu sagen. „Wenn die Leute von Bord gehen ist das immer traurig, aber als wir in Taranto ankamen bin ich auf das Vordeck gegangen, da haben sich ein paar Leute ausgeruht und gewartet, dass sie von Bord gehen können. Die wirkten entspannt und ich habe sie gefragt „Genießt ihr die Aussicht?“ und sie sagten „Ja, schau auf‘s Meer“ und „Wir werden das Schiff vermissen“. Ich konnte es nicht glauben. Diese Leute haben vielleicht gerade die schlimmste Erfahrung in ihrem Leben hinter sich, haben riskiert auf dem Meer zu sterben und jetzt vermissen sie die AQUARIUS!“ Und David bricht in ein lautes unwiderstehliches Lachen aus. Die Lächel-Technik.

Ein paar Stunden bevor es für ihn an der Zeit ist das Boot in Catania zu verlassen, gibt David zu: „Jedes Mal, wenn ich auf einen Einsatz gehe, bekomme ich keine Antworten auf meine Fragen, ich habe nur noch mehr Fragen.“ Er glaubt das zivile Organisationen auf dem Mittelmeer unverzichtbar sind. „Wir müssen die Leute dazu bringen, darüber nachzudenken, was hier passiert. Alle die hier auf der AQUARIUS waren, gehen zurück nach Hause und erzählen da ihre Geschichten und das wird die Menschen um sie herum verändern. Es ist wichtig, dass sich so viele Leute wie möglich hier freiwillig engagieren können, um das hier zu sehen und darüber zu berichten.“

Da es bisher keine Anzeichen dafür gibt, dass die Mittelmeerüberquerungen bald enden werden, will David auf jeden Fall versuchen, wieder zurück auf die AQUARIUS zum SOS MEDITERRANEE-Team zu kommen. „SOS MEDITERRANEE ist eine europäische Organisation und das ist wichtig, weil die Unterstützung europaweit erfolgen muss. Und eine europäische Vorstellung ist immer gut um alles zusammen zu halten… oder es zumindest zu versuchen.“

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Text : Mathilde Auvillain
Übersetzung: Ilona Rüsch
Photo : Andrea Kunkl