Blogbuch #49

112 Menschen gerettet in Dunkelheit und Regen

22. Dezember 2016


Während wir bei vollem Speed in Richtung Süd-Osten fuhren, wurde das Wetter vor der libyschen Küste wieder stürmisch. Die Wellenhöhe und der Seegang stiegen an. In diesem Moment erfuhren wir von 3 Schlauchbooten in Not vor der libyschen Küste. Es würde 8 Stunden dauern mit der AQUARIUS diese Boote zu erreichen. Hoffentlich noch rechtzeitig dachten wir uns.

“Wir haben neue Informationen“ sagte Yohann unser Koordinator an Bord am frühen Nachmittag. “Zwei Schlauchboote wurden schon von Militärschiffen gerettet. Aber wir müssen das Dritte finden. Wir werden in drei Stunden dort sein“.

Doch schon zwei Stunden später entdecken wir das weiße Schlauchboot. In weniger als 10 Minuten ist das ganze Search in Rescue Team fertig und das Rettungsboot Nummer 1 wird zu Wasser gelassen. Für unser kleines Rettungsboot Nummer 2 ist die See zu rau. Wir werden die Rettungsoperationen mit einem einzigen Boot machen.

Wir müssen unsere großen Suchlichter benutzen um das weiße, völlig überfüllte, Schlauchboot gut sehen zu können, da es schon seit halb sechs komplett dunkel ist. Plötzlich ist das Schlauchboot ganz nah an der AQUARIUS. Wir können sehen, dass mehr als hundert Menschen auf dem Boot sind, Frauen, Kinder und Männer.

Wie üblich verteilt unser Team die Rettungswesten an die Menschen an Bord. Das dauert etwas, ist aber ein sehr wichtiger Teil unserer Rettungen. Nach 20 Minuten haben alle an Bord ihre Rettungswesten an und 18 Frauen und 2 Kinder werden zuerst an Bord der Aquarius gebracht.

Die Frauen sind vollkommen erschöpft. Einige fallen auf ihre Knie und heben ihre Hände zum Himmel und beten. Andere können sich einfach nicht mehr auf den Beinen halten und fallen in die Arme des Rettungsteams an Bord. Alle zittern und leider riechen alle nach Benzin.

Sehr oft haben die Benzinkanister ein Leck oder sie fallen um und das Benzin mischt sich mit dem Salzwasser im Schlauchboot. Das ist sehr gefährlich für die Haut. Jeder wird eine nach dieser Rettung erst einmal warm und mit viel Seife duschen müssen. Während die Frauen und Kinder Schutz im inneren Teil der AQUARIUS bekommen, duschen die geretteten Männer draußen. Hier werden sie auch übernachten.

Nach weniger als 2 Stunden sind alle 112 Personen von dem Schlauchboot sicher an Bord der AQUARIUS. Unser Partner MSF unterstützt uns mit der medizinischen Behandlung, aber zum Glück sind dieses Mal keine ernsthafte Fälle dabei. Jeder ist erschöpft und erkältet. Einige Frauen erzählen uns, dass sie schon mehr als einen Tag auf dem kleinen Schlauchboot verbracht haben.

Die meisten Geretteten kommen aus Senegal und der Elfenbeinküste. Einige aus Mali, Nigeria, Gambia und Kamerun. Insgesamt haben wir 25 Frauen und 87 Männer aus 8 verschiedenen Ländern gerettet. 32 Jungen und Mädchen sind unter 18, der Jüngste ist zwischen 1-4 Jahre alt. Wieder einmal sind viele Minderjährige alleine auf der Flucht, wir zählen 24 unbegleitete Minderjährige.

Nur 45 Minuten nach der erfolgreichen Fertigstellung der Rettung bekommt die AQUARIUS die Anfrage, 215 Gerettete von dem Spanischen Militärschiff Navarra auf die AQUARIUS zu verlagern. Das Team hat ein paar Minuten um einen Bissen zu essen, und da das spanische Rettungsboot eine Panne hat, müssen wir wieder unser eigenes Rettungsboot benutzen um die Menschen zwischen den Schiffen zu transportieren.

Letztendlich müssen wir unsere Versuche Personen von dem Militärschiff auszubooten aufgeben, da der Seegang zu hoch ist. Die Verlegung ist zu gefährlich und unser SAR Team muss nach 30 Minuten auf die AQUARIUS zurückkehren.

Es ist jetzt 22.00 Uhr und alle sind müde. Wir setzen unsere Suche nach mehr Schlauchbooten während der Nacht fort, da einige der Geretteten uns erzählt haben, dass insgesamt 6 Schlauchboote vor einem Tag losgefahren sind. Da die zwei Militärschiffe 3 Schlauchboote und ein Holzboot mit insgesamt 400 Menschen gerettet haben, müssten noch 2 Schlauchboote fehlen. Bis heute Morgen haben wir es nicht geschafft die fehlenden Boote zu finden, aber wir suchen weiter in der östlichen Rettungszone vor Libyen.

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Text: René Schulthoff
Übersetzung: Anja Palm
Photo: Kevin McElvaney