Blogbuch #51

Zwölfstündiger Einsatz

Rettung von 900 Menschen von drei Booten in 12-stündigem-, teils nächtlichen Einsatz

Wir hatten recht mit der Vorhersage, dass es einigen Menschen in einem kleinen Zeitfenster in den Tagen nach Weihnachten möglich sein würde aus Libyen zu fliehen.

Nach einigen rauen Seetagen mit hohen Wellen wurden die Wetterverhältnisse am Dienstag und Mittwoch milder. Aber das gute Wetter sollte nicht lange anhalten, wie wir in den folgenden 24 Stunden lernen sollten… .

Um 0.20 Uhr am Mittwoch rief die Rettungsleitstelle in Rom die Aquarius an. „Wir haben Informationen über zwei Holzboote in Not, im Westen von Tripolis. Bitte helft dort.“ Die Distanz beträgt weniger als 10 nautische Meilen und wir waren nach 30 Minuten vor Ort. Aber wir konnten kein Holzboot entdecken.

„Es war ziemlich schwierig die Boote zu orten, denn es war mitten in der Nacht und ohne Mond ist es wirklich dunkel“, sagt SAR Koordinator Yohann. „Wir suchten fast 2 Stunden lang und dann fanden wir endlich ein blaues Holzboot und nicht weit davon entfernt noch ein Weißes.“

Der Rettungseinsatz begann um etwa 2.15 Uhr in der Nacht zu Mittwoch. Zu dem Zeitpunkt wussten wir noch nicht, dass dies ein komplizierter und langer Einsatz für uns werden würde.

„Unser erstes Rettungsboot erreichte das blaue Holzboot und holte erste Informationen ein. Wir sprachen mit den Menschen, beruhigten sie und begangen Rettungswesten zu verteilen. Dafür brauchten wir 30 Minuten, denn es waren mehr als 500 Menschen auf verschiedenen Decks auf diesem Holzboot“, erzählt Nicola, der stellvertretende SAR Koordinator. Auf dem ersten Rettungsboot ist auch ein arabisch sprechender Dolmetscher von MSF. „Sie erzählten mir, dass Frauen und Kinder unter Deck seien. Es war nicht leicht sie zu beruhigen“ sagt Aali, der Dolmetscher.

In dem ersten Rettungstransfer von diesem blauen Holzboot kann SOS Mediterranee 18 Frauen und zwei sehr kleine Kinder retten. Aber plötzlich ändert sich die Situation. „Wir bekamen die Information, dass auf dem zweiten kleineren Boot Wasser ins Innere dringt. Wir überprüften die Situation und es sah nicht besonders stabil und sicher aus“ berichtet Anthony, ein Mitglied des Rettungsteams.

„Wir mussten reagieren und wir entschieden uns auch die Menschen von diesem weißen Boot zu evakuieren“, erklärt Koordinator Yohann. Es war immer noch dunkel, aber glücklicherweise gab es kaum Wind und die Wellen waren sehr klein. Ein britisches Marineschiff war 20 Meilen entfernt und würde unsere Stelle hoffentlich in weniger als einer Stunde erreichen. Ein anderes Schiff in der Nähe, ein Benzintanker, versuchte uns zu unterstützen, aber ihr Rettungsboot war zu klein.

„Und dann änderte sich die Situation wieder. Wir bekamen die Information von einer bewusstlosen Person. Zuerst von dem blauen Holzboot und dann auch von dem weißen Boot“, sagt Yohann. „Also mussten wir zuerst die medizinischen Notfälle behandeln. Der Mann atmete noch, aber war bewusstlos. Und in das weiße Boot drang weiter Wasser ein.“

Die medizinischen Notfälle wurden an Bord von MSF behandelt und nach einer Weile ging es ihnen wieder gut. Das britische Marineschiff erreichte uns und das Koordinationszentrum in Rom entschied ihnen die Führung bei dem Rettungseinsatz zu übertragen. Zu diesem Zeitpunkt war SOS schon mehrere Stunden im Einsatz, fast 200 Menschen befanden sich an Bord der Aquarius.

„Es wurde entschieden die Evakuierung der zwei Holzboote aufzuteilen. Wir nahmen die Menschen von dem weißen Boot auf die Aquarius und das Marineschiff übernahm die Personen von dem blauen Holzboot. Aber wir hatten ja bereits einige Kinder, Frauen und Männer von diesem Schiff an Bord der Aquarius.“ Das Team der SOS setzte seinen Einsatz stundenlag fort, Shuttle um Shuttle brachten sie Geflüchtete auf die Aquarius und auch das Marineschiff wurde mit Shuttles unterstützt.

„Und dann wurde plötzlich ein weiteres Holzboot gesichtet, ein Drittes. Es war klein. Aber wir mussten uns jetzt auch um dieses dritte Boot kümmern. Und es war wieder eine ernste Situation, denn das kleine Holzboot war überladen und mit Wasser gefüllt. Wir mussten sehr schnell reagieren, denn es sah so aus, als könnte es jedem Moment kentern“, sagte Yohann. Alle 40 Personen von diesem Boot wurden in Sicherheit gebracht. Der ganze Rettungseinsatz, der drei Boote umfasste dauerte mehr als 12 Stunden. Erst am späten Nachmittag waren alle Personen sicher an Bord der Aquarius und des Marineschiffs.

Wir sind jetzt auf dem Weg nach Sizilien und wir haben sehr schlechtes Wetter. Die Vorhersage sagt, dass es in ein paar Stunden sogar noch schlechter als jetzt werden soll und wir haben schon vier Meter hohe Wellen und starken Wind. Viele unserer Gäste sind seekrank und man kann die typischen Geräusche auf der ganzen Aquarius hören. Die Teams an Bord von MSF und SOS Mediterranee haben alle Hände voll zu tun sich um die Kranken zu kümmern und die anderen mit Wasser, Nahrung, Decken und Medizin zu versorgen.

Die Aquarius konnte Freitagmorgen alle Geretteten an einem Hafen in Sizilien übergeben.

 

Text: René Schulthoff

Übersetzung: Ilona Rüsch