Blogbuch #77

„Die Solidarität auf See hat für mich den höchsten Stellenwert. Egal, woher jemand stammt, wenn er in Seenot gerät, muss man ihn retten.“

Antony, genannt »Papa Panda«, ist Maschinist an Bord der Aquarius und Steuermann des RHIB-Rettungsboots. Als Veteran der Kriegsmarine und Kapitän auf Handelsschiffen ist er mit gerade einmal 36 Jahren bereits ein »alter Seebär«. Seit 2016 ist er einer der zuverlässigsten und treuesten Helfer des SAR-Teams von SOS MEDITERARANEE.

»Mein erster Einsatz an Bord der Aquarius war im Dezember 2016. Ich habe eher durch Zufall von diesem Schiff gehört, weil ich mich vorher nie wirklich für Migrationsfragen interessiert habe. Ich war im Auto auf dem Weg nach Toulon, zu dem Schiff, auf dem ich damals gearbeitet habe, als ich im Radio eine Reportage über die Aquarius gehört habe, ein ehemaliges Handelsschiff, das Rettungseinsätze auf hoher See durchführt. Ich habe dann auf Facebook nachgeschaut, um mehr Informationen zu bekommen. Was ich las, fand ich sehr interessant, und ich habe dann eine Bewerbung losgeschickt, die ungefähr so lautete: »Ich fahre seit Jahren zur See und würde Sie gern unterstützen. Was kann ich tun?» Damals fuhr ich wochenweise als Kapitän auf einem Handelsschiff zur See. Meinem Chef gefiel das Projekt auch, und er bot mir an, meine Arbeitszeit so anzupassen, dass ich 9 Wochen am Stück auf der Aquarius arbeiten kann. Er »lieh mich für ein paar Wochen aus«, so nannte er das, das war seine Art, das Projekt zu unterstützen. Mittlerweile arbeite ich Vollzeit auf der Aquarius.

Mein einziger Glaube: die Solidarität auf See

Ich bin erst 36 Jahre alt, fahre aber schon seit 20 Jahren zur See, zuerst mit der Kriegsmarine, später dann auf Handelsschiffen. Man kann sagen, dass ich bereits ein »alter Seebär« bin. Ich habe an unzähligen Rettungseinsätzen teilgenommen. Die Solidarität auf See hat für mich den höchsten Stellenwert. Egal, woher jemand stammt, wenn er in Seenot gerät, muss man ihn retten. Mit diesem festen Glauben bin ich an Bord der Aquarius gegangen. Ich bin kein klassischer »Retter« im Sinne von Helfern, die die ganze Zeit über Entwicklungszusammenarbeit und »Projekte« im Sudan oder in Nigeria sprechen. Wir Seefahrer reden lieber über Fischernetze oder Bootsmotoren. Hier an Bord kommen sehr unterschiedliche Menschen zusammen, mit verschiedenen Werdegängen und Einstellungen zu den Rettungseinsätzen. Ich habe mir angewöhnt, nach einem Rettungseinsatz nicht mehr lang darüber nachzudenken. Meinen ersten werde ich allerdings niemals vergessen. Es war im Winter, es hat geregnet. Wir kamen zwei Holzbooten zur Hilfe, mit insgesamt ca. 500 Menschen. So ein Rettungseinsatz ist eine große Herausforderung: Wenn ich das Schnellrettungsboot steuere, muss ich zum Beispiel komplizierte Manöver fahren. Man muss schnell sein und so nah wie möglich an das Boot, das in Seenot geraten ist, heranfahren, darf es aber auf keinen Fall berühren, um es nicht zum Kentern zu bringen. Allgemein benötigt man an Bord der Aquarius genauso viel Disziplin wie auf jedem anderen Schiff. Oft passiert lange Zeit gar nichts, aber wenn es dann losgeht, muss man sofort bereit sein.

»Papa Panda«

An Bord habe ich den Spitznamen »Papa Bär« bekommen, weil ich ganz schön brummig sein kann, vor allem morgens. Zum Glück passt das gut zu meiner Arbeit als Maschinist. Der Maschinenraum ist meine Höhle. Irgendwann wurde der Name dann zu „Papa Panda“, weil ich einmal nach einem Rettungseinsatz zwei weiße Kreise um die Augen hatte, von der Sonnenbrille. Und es gibt noch einen anderen Grund, warum ich diesen Spitznamen trage, den ich sehr mag: Ich bemühe mich, immer ein offenes Ohr für die anderen zu haben. An Bord eines Rettungsschiffes ist Solidarität das Wichtigste. Selbst wenn man versucht, sich immer professionell zu verhalten, ist die Arbeit an Bord hart, sowohl körperlich als auch psychisch. Man muss die richtigen Worte finden, andere aufbauen, wenn sie mal einen Durchhänger haben. Einfach füreinander da sein. Die Aquarius ist auch ein menschliches Abenteuer. Man begegnet Menschen aus allen möglichen Ländern, die man normalerweise nie getroffen hätte. Und gemeinsam tun wir etwas sehr Nützliches.«

Interview und Text: Alexandre Duibuisson
Übersetzung aus dem Französischen: Diana Driza & Sonja Finck
Photo Credits: Laurin Schmid /SOS MEDITERRANEE