Blogbuch #78

„Ich bin der Meinung, dass wir die Menschenrechte dort verteidigen müssen, wo sie mit Füßen getreten werden.“

Charlie ist Schwede. Er ist Seemann, von Natur aus neugierig, aus Berufung engagiert. Der unermüdliche Menschenrechtsaktivist befindet sich derzeit auf seinem fünften Einsatz an Bord der Aquarius.

„Ich komme von einer schwedischen Insel namens Styrsö, in der Nähe von Göteborg. Von Beruf bin ich Seemann. Seit dem Alter von 19 Jahren bin ich viel herumgekommen, auf den verschiedensten Schiffstypen: Frachter, Öltanker, Fischtrawler… Ich war schon immer sehr neugierig, ich will den Dingen auf den Grund gehen und die Welt verstehen. Ich habe mir viel selbst beigebracht, viel gelesen, als Autodidakt. Vor einigen Jahren sind mir die Grenzen dieser Methode bewusst geworden und ich habe noch einmal studiert. Ich habe einen Master in Internationalen Beziehungen gemacht, da ging es  viel um Themen wie Friedenspolitik und Entwicklungszusammenarbeit. Es kam auch viel politische Philosophie vor, was sehr spannend war. Dadurch habe ich Orientierung gefunden, ich konnte Ordnung in mein etwas chaotisches Wissen bringen. Während des Studiums hörte ich von einer neuen schwedischen NGO, die Ship to Gaza heißt.

Einsatz für die Menschenrechte

Wir wollten die Seeblockade von Gaza durchbrechen und haben dafür ein Schiff gechartert, das Lebensmittel nach Gaza bringt und in Gaza produzierte Waren nach Europa. Wir wollten auf die Ungerechtigkeit dieser Blockade und das Leiden der Bevölkerung im Gazastreifen aufmerksam machen. Zwischen 2012 und 2015 haben wir zwei Schiffe gechartert. Beide Male wurden wir gewaltsam abgefangen. Die Schiffe wurden zerstört, die Aktivisten kamen für ein paar Tage ins Gefängnis. Seltsamerweise hatten auch die Soldaten, die uns festgenommen haben, Angst, weil sie ernsthaft dachten, wir wären gefährliche Terroristen! Aus demselben Bedürfnis, auf Unrecht aufmerksam zu machen, bin ich 2014 während der israelischen Militäroperation Protective Edge in Gaza geblieben und habe als Freiwilliger in zivilen Krankenhäusern geholfen. Das Ungleichgewicht zwischen den Kräften ist offensichtlich. Ich wollte Beweise sammeln. Ich habe viel gefilmt. Meine Bilder wurden von Human Rights Watch und der UNO verwendet. Es geht mir nicht darum, im politischen Sinne für die eine oder andere Seite Partei zu ergreifen. Es geht mir um ein moralisches Bewusstsein. Ich bin der Meinung, dass wir die Menschenrechte dort verteidigen müssen, wo sie mit Füßen getreten werden. Wenn man nicht für diejenigen kämpft, die uns brauchen, wer wird dann für uns kämpfen, wenn wir selbst einmal auf Hilfe angewiesen sind? Manchmal stelle ich mir vor, wie mich meine zukünftigen Kinder in einigen Jahren fragen: „Wo warst du, als man diesen Menschen Unrecht angetan hat? Warum hast du nichts dagegen unternommen?“ Ich möchte mich für meine Antwort nicht schämen müssen.

An der Seite der Migrant*innen

Aus demselben Grund habe ich 2016 begonnen, mich auf Lesbos für Flüchtlinge einzusetzen. Ich war Pilot eines RHIB [Rettungsschnellboots] für eine irische NGO. Wir begleiteten die Flüchtlingsboote, die aus der Türkei ankamen, sicher an Land. Während dieser Zeit habe ich Max kennengelernt, ein Mitglied des SAR-Teams von SOS MEDITERRANEE. Ein paar Monate später bekam ich eine E-Mail von ihm, in der er mich auf die Aquarius einlud. Ich bin jetzt bei meiner fünften Mission*. Ich habe bereits viele verschiedene Aufgaben an Bord übernommen. In der derzeitigen Schicht bin ich deck leader [Deckoffizier]. Ich bin während der Rettungseinsätze für die Sicherheit an Deck verantwortlich. Ich leite das Zuwasserlassen der Rettungsboote und achte darauf, dass sie ausreichend mit Schwimmwesten und Rettungsbojen ausgestattet sind. Ich koordiniere ebenfalls das Team, das die Flüchtlinge bei ihrer Ankunft auf der Aquarius in Empfang nimmt. Ehrlich gesagt, ist das nicht meine Lieblingsaufgabe: Ich fühle mich ein bisschen wie ein Fischer auf dem Festland.

Der große Unterschied zwischen SOS MEDITERRANEE und anderen Hilfsorganisationen ist die professionelle Organisation. So können sich Seeleute und Retter voll und ganz auf das konzentrieren, was sie gut können, und müssen sich nicht mit administrativen Aufgaben herumschlagen. Alle Mitglieder des SAR-Teams und die Leute von Ärzte ohne Grenzen, mit denen wir auf der Aquarius zusammenarbeiten, haben einen soliden professionellen Hintergrund als Seeleute, Rettungssanitäter, Krankenpfleger … Das ist wichtig, weil die Einsätze auf dem Meer immer große Risiken bergen. Man muss unter großem Druck arbeiten können. Und auf menschlicher Ebene ist es eine Bereicherung, mit Menschen ganz unterschiedlicher Horizonte zusammenzuarbeiten. Wir lernen ständig etwas voneinander, tauschen Knowhow aus, Tricks und Kniffe … Vor allem aber sind wir alle aus demselben Grund an Bord: Wir wollen auf Unrecht aufmerksam machen und unseren Teil dazu beizutragen, eine Lösung für diejenigen zu finden, denen man die Menschenrechte verweigert. Es geht nicht nur darum, die Menschen vor dem Tod zu retten. Die Situation ist Teil eines globalen Problems, das man nicht dadurch löst, dass man Mauern baut.“

* Jede Mission dauert 6 bis 9 Wochen, d.h. sie besteht aus 2 bis 3 Schichten von jeweils 3 Wochen.

Interview und Text: Alexandre Duibuisson
Übersetzung aus dem Französischen von Jochen Matthies
Foto: Laurin Schmid @SOS MEDITERRANEE