Blogbuch #11

Die Flotte der Verzweifelten

von Jean-Paul Mari // 15.03.2016

Heute war ein schlimmer Tag. All unsere Befürchtungen sind wahr geworden. Als wir gestern das spiegelglatte Mittelmeer sahen, die Flaute und den wolkenlosen blauen Himmel, schwante uns nichts Gutes. Nach einer Woche schlechten Wetters würden sich die Migrant*innen wieder zu Hunderten aufs Meer hinauswagen. An der libyschen Küste warteten die Schleuser ungeduldig darauf, ihr Geschäft mit den Menschen wieder aufzunehmen. Den Sklavenhandel. Die Flüchtlinge warten in Bruchbuden in der Nähe des Strands auf dem Aufbruch. Sie haben Angst. Angst vor der Brutalität der Schleuser, Angst, der Hölle in Libyen nicht zu entkommen. Nur ein klarer Tag reichte aus, ein einziger Tag, und eine ganze Flotte stach in See.

aquarius 40b

Auf der Brücke erreichen uns Funksprüche vom MRCC, dem Maritime Rescue Coordination Centre in Rom, wie der Ticker einer Nachrichtenagentur. 5 Uhr 50: „Boot in Seenot – Position unbekannt – Ausschau halten.“ 6 Uhr 10: „Zwei Boote in Seenot – Position …“ Zu weit entfernt für uns. 8 Uhr: „Ein Schlauchboot wurde von der italienischen Marine gerettet.“ Erleichtertes Aufatmen. 8 Uhr 38: „Wieder ein Boot in Seenot. Lat 32° 55’ N / Lon 12° 30’ O.“ Noch eins? Ja, noch eins. Im selben Gebiet. Sie müssen westlich von Tripolis losgefahren sein. Wahrscheinlich am Strand bei Zuwara, von dort ist die Überfahrt nach Sizilien am kürzesten. Rom bittet uns, ihnen entgegenzufahren. Wir nehmen Kurs nach Westen. 9 Uhr 13: „Zwei Boote in Seenot …“ Wir fahren mit zehn Knoten und voller Kraft. Das Meer summt vor Funknachrichten. Die Schiffe der Operation Sophia sind auch zur Stelle. Es sind zu viele Schlauchboote unterwegs, die kentern könnten. Rom verteilt, koordiniert. Zum Glück erreichen wir unseren Einsatzort rechtzeitig. Ein grauer Umriss ist erkennbar, ein Strandspielzeug, es verliert sich in den Wellen. Wir unternehmen eine erste Erkundungsfahrt mit dem Rettungsboot. Es sind viele, Männer, Frauen, Kinder, Säuglinge. Wir laden 120 Schwimmwesten in das Rettungsboot. Wenig später sind wir wieder bei ihnen. Zuerst heben wir die beiden Säuglinge aus dem Schlauchboot. Dann die beiden Kinder, zwei und sechs Jahre alt, Erwan und Willy aus Zentralafrika. Ihre Mutter klettert an Bord, sie gestikuliert, deutet an, dass auf sie geschossen wurde, verliert das Bewusstsein. Dora, eine Nigerianerin, bricht weinend zusammen, unfähig auch nur ein Wort hervorzubringen. Souleimane dankt dem Himmel mit einem Gebet für seine Rettung. Ein 18-Jähriger muss getragen werden, er ist an Polio erkrankt und hat in Libyen seine Krücken verloren. Andere sind stärker, sie lächeln, bedanken sich, zum Beispiel eine Gruppe Geflüchteter aus Yaoundé in Kamerun. Alle sind bis auf die Knochen durchnässt, zittern in der Sonne, bitten um eine Decke, eine Flasche Wasser, einen Zwieback. Wir entfernen uns von dem Schlauchboot, es ist gefährlich, ein Benzinkanister hat Leck geschlagen. Der Boden des Boots besteht wie so oft aus Brettern, aus denen spitze Nägel ragen. Die Flüchtlinge reißen sich an ihnen die Füße und Beine auf. Nachdem alle gerettet sind, durchsticht einer von uns die Plastikwand, in der kaum noch Luft ist. Das Schlauchboot wäre nicht mehr weit gekommen. An Bord der Aquarius zählen wir: 119 Flüchtlinge, darunter 13 Frauen, zwei Kinder und zwei Säuglinge. Die Funksprüche sirren weiter übers Wasser. Eine ganze Flotte in Seenot. Ein ganzes Meer, das stöhnt.

JPM