Blogbuch #11

„Ich habe Libyenschmerzen“

von Jean-Paul Mari // 11.03.2016

 

Ein kleines Mädchen blättert in einer Zeitschrift, stößt auf ein Foto und gerät ins Träumen. Auf dem Foto ist ein Arzt auf der Ladefläche eines Pick-ups irgendwo in Afrika zu sehen. Er kniet neben einem Verletzten und hält eine Infusionsflasche in die Höhe. Das Mädchen denkt: „Eines Tages werde ich auch Ärztin.“ Ein Kindertraum.

Heute ist Anne 51 Jahre alt. Sie hat Medizin studiert und eine vierjährige Facharztausbildung absolviert. Doch sie interessiert sich nicht für die viel zu weißen Arztpraxen und Krankenhäuser. Sie will Allgemeinmedizin praktizieren, nah am Menschen. Also geht sie nach Kamerun, mitten hinein in einen blutigen Konflikt. Acht kriegerische Gruppen, die animistischen Religionen angehören, legen an Weihnachten eine Kampfpause ein, um der christlichen Toubab (der Weißen) eine Freude zu bereiten. Dann will Anne einen Zwischenstopp in Ägypten einlegen und bleibt schließlich fünfzehn Jahre. Sie verliebt sich in einen Kopten, ihren zukünftigen Mann. Als sie nach Frankreich zurückgeht, lässt sie sich in der Normandie nieder, wegen der zwei Kinder und dem Meer, und arbeitet als Landärztin. Calais ist ganz in der Nähe. Sie behandelt Migrant*innen, die an Erschöpfung leiden, an Tuberkulose, an schlecht verheilten Verletzungen und an schlimmen Traumata. In dem Zelt, das ihr Wartezimmer ist, greifen Erwachsene zu den Buntstiften der Kinder und zeichnen sinkende Schiffe und Menschen, die ertrinken. Als sie hört, dass die Aquarius, das von SOS Méditerranée gecharterte Schiff, bald in See sticht, steht ihr Entschluss fest.

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Anne, Ärztin an Bord der Aquarius

Das Mittelmeer, das so wunderschön sein kann, zeigt sich von seiner grausamen Seite. Es ist zu stürmisch, um sich aufs Wasser zu wagen, die Migrant*innen sitzen an der Küste fest. An Bord der Aquarius verteilt Anne, die Ärztin, Mittel gegen die Seekrankheit und weist ihr Team von „Ärzte der Welt“ ein: Stephany, die mexikanische Rettungsärztin, die Krankenschwestern Céline und Maryse sowie Richard, den Hardcore-Logistiker.

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Geflüchtete berichten von Erlebtem

Am Morgen des elften Tages werden wir abrupt aus dem Schlaf gerissen. Ein Schlauchboot voller Flüchtlinge ist in Seenot. Eine Viertelstunde später ist die Bordklinik arbeitsfähig, und die ersten Geretteten werden an Bord genommen. Sie taumeln aufs Schiff, mit leerem Blick, steif vor Kälte, nass bis auf die Knochen, und sinken wortlos zu Boden. Eine Schwangere hat einen Kreislaufzusammenbruch und wird behandelt, ein Nagel im Holzboden des Schlauchboots hat einem Mann den Fuß durchbohrt, er wird genäht, das Elend der gesamten Welt wird hier verarztet.

Anne kann zuhören. Nach und nach sprechen die Männer vom Grauen, vom Hunger und Durst, von der Folter und der Gewalt in den libyschen Gefängnissen. Die Frauen schweigen. Die jüngste von ihnen kauert sich unter dem Untersuchungstisch zusammen.

„Wo hast du Schmerzen?“

„Ich kann nicht mehr.“

„Hat dir ein Mann etwas angetan?“

„Ich kann nicht mehr.“

Das Mädchen ist schwanger. Anne begreift, dass sie vergewaltigt wurde. Sie und alle anderen Frauen, die wir gerettet haben. Die Ärztin erinnert sich an die grauenvoll detailreichen Zeichnungen der Flüchtlinge im „Dschungel von Calais“. Daran, wie lebendig ihre Erinnerungen waren.

Am nächsten Tag im Hafen von Lampedusa sprechen sich Ärzte und Geflüchtete bereits beim Vornamen an. Sie umarmen sich zum Abschied. Anne reicht ihre Notizen mit medizinischen Informationen an die italienischen Ärzte weiter: „Dieser Mann ist verletzt.“ „Diese Frau ist sehr schwach.“

Wenig später ist das Schiff leer und wir nehmen wieder Kurs auf Tripolis. Die See ist stürmisch. In den fünfundzwanzig Jahren ihres Arbeitslebens, sagt Anne, habe sie noch nie so ein Elend, so eine Verzweiflung erlebt. Das hier ist eine bisher unbekannte Krankheit. Einen jungen Mann, den sie an Bord untersuchte, fragte die Ärztin immer wieder: „Was hast du?“

Der junge Migrant antwortete: „Ich habe Libyenschmerzen.“

JPM