Blogbuch #13

Brief ans Meer

von Jean-Paul Mari // 18.03.2016

Ach, da bist Du ja! Wo warst Du bloß? Seit wir Kurs auf Sizilien nehmen, machst Du uns wieder schöne Augen und gibst Dich zahm. Die 1.817 Tonnen der Aquarius gleiten auf einem spiegelglatten Meer dahin, einem blau glitzernden Wasser, ohne einen Windhauch. Nach einer Nacht ohne Albträume blickte ich heute Morgen aus dem Fenster meiner Kabine auf einen leichten, klaren Himmel. Draußen tat sich ein Paradies auf: Levanzo, Marettimo und Favignana, die Ägadischen Inseln westlich von Sizilien mit ihren goldenen Stränden, ihrem schwarzen Wein und ihren gebratenen Meerbarben. Überrascht lauschte ich. Nicht ein Krachen, nicht das geringste Zeichen jenes Wütens mehr, das dem großen stählernen Rumpf unserer Aquarius zugesetzt hatte. Noch vor wenigen Stunden, vor der libyschen Küste, erkannte ich Dich in dem grauen Licht nicht wieder, Dein Mund Gischt speiend und Deine Wellentäler zu einer hässlichen Totenfratze verzerrt. Ich war verblüfft. So grausam und unerbittlich kannte ich mein Mittelmeer nicht. Und dieser Wind, dieser Wind! Pfeifend wie das Meerungeheuer Skylla, wenn sie die Schiffbrüchigen aufgreift und erbarmungslos ertränkt. Doch an jenem Morgen trieben keine Seefahrer, sondern Flüchtlinge aus Afrika auf dem mitleidlosen Meer. Sie konnten nicht einmal schwimmen! Ihr Motor setzte immer wieder aus, aus dem undichten Schlauchboot entwich die Luft, das Boot hielt sich verzweifelt über Wasser, wie ein Tier im Todeskampf. Sie hatten keine Chance! Und Du, Du hast nicht lockergelassen.

Die Aquarius kam gerade noch rechtzeitig. Wir entrissen die Menschen Deinen Klauen. Nachts auf der Kommandobrücke lauschte ich ihren Geschichten. Da war Priscilla mit ihrer drei Monate alten Tochter, die sie Bénédiction – „Segen“ – getauft hatte. Sie war kurz nach der Geburt des Kindes aus Kamerun geflohen, um einer Zwangsheirat zu entgehen und ihrem Kind ein selbstbestimmtes Leben zu bieten. Da war Willy, fünf Jahre alt, der sich ängstlich an die Reling klammerte und mich fragte, ob es im Meer Fische gibt, die Menschen fressen.

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Willy, 5 Jahre

Da war ein junger Mann, zwanzig Jahre alt, Sohn eines hohen Beamten. Sein Vater war gestorben und ein Onkel hatte seine Mutter betrogen und ihr allen Besitz geraubt. Der junge Mann war fest entschlossen, Geld zu verdienen, um das Unrecht wiedergutzumachen. Da war Siku, ein Nigerianer, der vor Boko Haram geflohen war. Da war Cyril aus Kamerun, ein Christ, dem Islamisten mit dem Tod gedroht hatten. Cyril war ein Opfer der libyschen Krankheit: Rassismus, Entführungen, Vergewaltigungen, „Folterhäuser“. Cyril, der wie ein Doktor der Philosophie sprach. Mit leiser Stimme erzählte er von den Milizen und den Mördern des „Islamischen Staats“. Von Migranten, die gezwungen sind, zu den Waffen zu greifen und zu kämpfen. Von armen Teufeln, denen Drogen verabreicht werden, um sie zu Folterknechten zu machen, die ihre eigenen Brüder quälen. Dann gab es unter den in Decken gewickelten schlafenden Gestalten also Folteropfer und Folterknechte? Sie lagen Seite an Seite an Deck der Aquarius? Cyril nickte.

Draußen grollte und grinste höhnisch das Meer, ich erkannte es nicht wieder. Um es nicht zu hassen, zwang ich mich, an die Delfine zu denken, die kurz vor der Rettung des Schlauchboots aufgetaucht waren. Erst einer, dann zwei, drei, vier, fünf Delfine. Sie tummelten sich ganz in der Nähe, bis wir das Boot gefunden hatten. Sie zeigten uns den Weg.

Aquarius dauphin 1_SOS MEDITERRANEE

 

JPM