Blogbuch #26

Lied der Dankbarkeit und Freude

Lied der Dankbarkeit und Freude

Es ist der dritte Tag auf See und alles deutet darauf hin, dass die nächste Rettung kurz bevor steht.

Wenn das Meer ruhig ist, wissen wir, dass wir früh aufstehen müssen, denn die Boote der Geflüchteten legen in der Regel spät in der Nacht von der libyschen Küste ab. Nachdem wir diesmal vom Maritime Rescue Coordination Center (MRCC) alarmiert werden, brauchen wir nicht einmal eine halbe Stunde bis wird das Schlauchboot erreichen – von weitem sehen wir schon die Umrisse eines übervollen Bootes. Aber anstatt anzuhalten, beginnt das Boot zu beschleunigen und versucht ganz offensichtlich, Abstand von uns zu gewinnen. Bertrand, Teil des SAR Teams und Amani, der cultural mediator von Ärzte ohne Grenzen, stehen am Vorderdeck und müssen mehrmals, auf Englisch und Französisch, über den Lautsprecher rufen. “Bitte machen Sie den Motor aus! Wir sind hier um Ihnen zu helfen, wir bringen Sie in Sicherheit!” und “Bitte bleiben Sie ruhig und geduldig, bleiben Sie, wo Sie sind!” Die “Verfolgungsjagd” dauert ein paar Minuten, bis die Nachricht ankommt und wir das Boot erreichen. Sobald die Geretteten an Board der AQUARIUS sind, erzählen sie uns, dass sie befürchtet hatten, wir seien ein libysches Schiff, das sie wieder zurück nach Libyen bringen würde – eines der schlimmsten Szenarien, die sie sich vorstellen konnten.

Die Rettung geht ruhig vonstatten. Das Team ist gut vorbereitet und das Meer milde gestimmt, obwohl das Schlauchboot wegen der Strömung ständig wegdriftet und die AQUARIUS mehrmals ihre Position korrigieren muss. Aber die Geretteten, die bereits seit fünf, sechs Stunden auf See sind, halten durch. Ein paar Stunden später hätte ihr Boot den Wellen wahrscheinlich nicht mehr standhalten können. “Es war von denkbar schlechter Qualität und die Holzlatten, die mit langen Schrauben am Boden des Boots befestigt waren, bewegten sich die ganze Zeit. Es sickerte bereits Wasser ins Boot”, sagt Bertrand.

Nach acht Touren des Rettungsschiffs sind alle 138 Personen sicher an Bord. Die Frauen werden zuerst in Sicherheit gebracht. Es sind 40 Frauen an Bord, alle aus Nigeria. Drei sind schwanger, doch nur eine von ihnen wird von ihrem Mann begleitet. Drinnen im “Shelter”, dem Raum, in dem die Frauen sich versammelt haben, schaut Juliette durch das kleine Bullauge in Richtung Horizont. Dabei singt sie leise einen Gospel, um “Gott zu danken”, dass sie gerettet wurden. “Es ist Gott, der singt”, sagt sie. Sie legt sich auf den Boden, breitet die Arme aus und weint voller Emotionen. Unsere Fotografin Isabelle tröstet sie: “Na komm, Juliette, dein Romeo wird kommen!”. Es dauert nicht lang und die Gefühle und Feierstimmung steckt alle an. Ein lautes Lied erklingt, alle Frauen stimmen ein. Ein Gospel folgt dem nächsten, dazu kommen Tänze, die mit jedem Mal ein bisschen ausgelassener werden. Einige Frauen beginnen, sich auf dem Boden zu drehen und ihre Arme zu schwingen, andere reißen sie in die Luft. Alle sind von ihren Emotionen überwältigt und halten die Tränen nicht zurück.

Nach einer Weile verklingen die Stimmen. Freude und Ausgelassenheit machen der Erschöpfung Platz und alle fallen in einen tiefen Schlaf.

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Interview: Nagham Awada
Übersetzung: Anna Kallage
Photo: Isabelle Serro