Blogbuch #94

„Die Menschen flehten uns an, ihre Babys und Kinder mitzunehmen.“

In der Nacht vom 4. auf den 5. Juli rettete die Crew der Ocean Viking 369 Menschen von einem großen Holzboot. Der Einsatz dauerte insgesamt fünfeinhalb Stunden. Hier beschreibt Fulvia, Retterin an Bord, die Herausforderungen vor und während der Rettung.

„Wir wussten, dass es sich um ein Holzboot handelte – ähnlich jener, aus welchen wir in den letzten Tagen Menschen gerettet hatten. Dieses Mal war es jedoch vollkommen anders. Als wir die Schnellboote zu Wasser ließen, war es stockdunkel. Meer und Himmel hatten dieselbe Farbe. Auf der Brücke der Ocean Viking und in den Schnellbooten war uns klar: Unsere einzige Chance das Boot zu finden, war ein Licht zu erspähen und ihm zu folgen.

Manchmal sind nachts Schiffe oder Förderplattformen im zentralen Mittelmeer sichtbar. Um hunderten Menschen das Leben zu retten, mussten wir jetzt die richtige Lichtquelle ausmachen. Mit unseren Taschenlampen näherten wir uns einem Licht, das auf dem Wasser zu sehen war. Aus dem zunächst wahrgenommenen kleinen Licht wurde auf einmal ein Alptraum. Ein sehr großes, deutlich überbesetztes Holzboot zeichnete sich in der Dunkelheit ab. Niemand darauf trug eine Schwimmweste und die Menschen hingen mit ihren Beinen über Bord. Wir hätten mehr Licht gebraucht, doch die Scheinwerfer hätten das Rettungsteam geblendet. So blieben wir im Dunkeln, um eine möglichst reibungslose Rettung von Hunderten Menschen durchführen zu können. Die kritischsten Momente waren die Einordnung der Lage und die Kommunikation mit den Menschen an Bord.

Für die Rettung näherten wir uns den in Seenot geratenen Menschen über den hinteren Teil des Holzbootes. Ein seitliches Annähern hätte aufgrund der hierdurch verursachten Wellen einen Schiffbruch auslösen können, denn das riesige Holzboot war bereits instabil und drohte zu kentern. Dann versagte auch noch die Bilgepumpe , die das eindringende Wasser aus dem Boot pumpte.

Die durch unser Heranfahren entstandene Aufregung erhöhte die Gefahr, dass Menschen auf dem Boot erdrückt werden könnten. Daher konnten wir nicht sofort Schwimmwesten an alle verteilen. Es dauerte Stunden, die Menschen aus dem Boot in Sicherheit an Bord der Ocean Viking zu bringen. 20 bis 30 Personen konnten wir pro Überfahrt auf jedes unserer schnellen Rettungsboote nehmen. Es schien, als leere sich das Holzboot gar nicht. Immer wieder kamen neue Menschen aus dem Inneren des Bootes unter Deck hervor – auch noch nach zwei Stunden.

Bei jeder Rückkehr zum Boot in Seenot flehten uns Menschen an, ihre Babys und Kinder mitzunehmen. Anfangs konnten wir diese jedoch aufgrund der Überfüllung nicht erreichen.

Einen Tag später erzählte uns ein Überlebender, der sich während der Überfahrt unter dem Deck aufgehalten hatte, dass er zu keinem Zeitpunkt wusste, was geschah. Er sah nur Gesichter und Menschen, die nach oben gingen. Den Grund dafür kannte er nicht. Auch wir sahen nur die Gesichter der Menschen in der vordersten Reihe – und dann neue, immer neue, ohne dass ein Abschluss der Rettung absehbar war.

Es sollte eigentlich nicht unsere Aufgabe sein, fast 600 Menschen in Seenot Hilfe zu leisten, aber wir müssen es tun. Nun hoffe ich, dass die Menschen so schnell wie möglich an einem sicheren Ort von Bord gehen können. Die Situation an Deck der Ocean Viking ist ein untragbarer Zustand.

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Text: Fulvia, Retterin an Bord der Ocean Viking
Fotonachweis: Flavio Gasperini / SOS MEDITERRANEE