ein gerettetes Kind malt auf der Ocean Viking ein Haus auf eine Tafel
Blogbuch #97

„Nach einigen Tagen traute sich der Junge zu sprechen.“

Laurence arbeitet als Communications Officer an Bord der Ocean Viking, dem Rettungsschiff von SOS MEDITERRANEE. Sie war bei den Einsätzen im September 2021 mit an Bord. Die Besatzung hat 129 Menschen aus vier in Seenot geratenen Holzbooten im Mittelmeer gerettet.  

„Ich war tief bewegt, als ich den elfjährigen Sidiki schließlich malen sah. Als er an Bord der Ocean Viking ankam, wirkte Sidiki ganz in sich gekehrt. Er lächelte nicht. Er sprach kaum, und wenn, dann flüsterte er nur. Ich brauchte mehrere Versuche mit ihm zu spielen, bis ich merkte, dass wir Beide Französisch sprachen. Er beobachtete alles und jeden mit einem besorgten, tiefgründigen Blick.  

Kurz zuvor hatten wir den Jungen zusammen mit 24 anderen Menschen aus einem seeuntüchtigen Boot in den Weiten des Mittelmeeres vor dem drohenden Ertrinken gerettet. Eine unvorstellbare Situation – selbst für diejenigen, die sie miterlebt haben. Auch er war dabei, tauchte zwischen den Wellen auf, zusammen mit seinem älteren Bruder und den anderen Menschen. Sie wurden von der einzigen Hoffnung getrieben, die sie noch hatten, um die „Hölle“ zu überleben: die Flucht aus Libyen. Es ist zu befürchten, dass Sidiki erschütternde Gewalt und Missbrauch zumindest miterlebt hat, wenn er nicht sogar selbst Opfer hiervon geworden ist.  

Doch an Bord der Ocean Viking begann er langsam sich zu öffnen. Vorsichtig fing er an zu spielen. Zuerst allein. Dann mit anderen Erwachsenen aus seinem Umfeld. Und schließlich mit anderen Kindern an Bord, die ebenfalls aus Seenot gerettet worden waren. Nach einigen Tagen traute er sich zu sprechen und wollte nun auch gehört werden: Er begann Fragen zu stellen und Wünsche zu äußern. Er fing an zu lächeln. Zunächst einmal, dann zweimal und schließlich mehrmals am Tag.  

Es war wunderschön, ihn dabei zu beobachten, wie er sich auf dieser Tafel mit Kreide malend ausdrückte. Dann zeichnete er ein Haus, und das war anders. Er malte nicht einfach ein Haus wie jedes andere Kind in meiner Heimat und wie ich es in seinem Alter getan habe. Es schien mir, als würde er besonders solide Wände und ein starkes Dach zeichnen. Ein Haus, das richtig bequeme Betten hatte. Ich hatte den Eindruck, er stellte damit sein lebenswichtiges Bedürfnis nach Sicherheit dar, seine Suche nach Zuflucht.

Und dann stand da neben ihm, ganz passend, meine Kollegin vom Such- und Rettungsteam in dem T-Shirt mit der Aufschrift „Search“. Wir suchen, um zu retten. Sidiki sucht nach Schutz. Eine Suche, bei der er und 128 andere Menschen, die zwischen dem 18. und 19. September gerettet wurden, riskierten auf hoher See zu verschwinden. Niemand hätte hiervon berichten können. Mindestens 1.300 Frauen, Kinder und Männer sind seit Anfang des Jahres im Mittelmeer umgekommen. Seit 2014 sind mindestens 22.000 Menschen ertrunken oder gelten als vermisst. Sidiki ist keiner von ihnen. Er hat Glück gehabt und ist am Leben, weiter auf der Suche nach Sicherheit.“ 

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Fotonachweis: Laurence Bondard / SOS MEDITERRANEE