nächtlicher Rettungseinsatz
Blogbuch #96

„Nur Stimmen in der Dunkelheit.“

Justine ist seit April 2021 Mitglied des SOS MEDITERRANEE-Such- und Rettungsteams. Schon einmal berichtetet sie für unser Bord-Tagebuch über die Notwendigkeit des täglichen Trainings. In ihrem zweiten Tagebucheintrag berichtet sie von einem nächtlichen Rettungseinsatz im September 2021.

An Bord der Ocean Viking haben wir uns am Morgen des 18. September dreimal für den Rettungseinsatz bereit gemacht. Durchgeführt wurde dann nur eine Rettung: Wir mussten mit ansehen, wie die libysche Küstenwache die beiden anderen Boote abfing, die sich an diesem Tag im zentralen Mittelmeer vor Libyen in Seenot befanden.

Am Morgen des folgenden Tages konnten wir 33 Menschen aus Seenot retten, und bei Einbruch der Dunkelheit führten wir unseren dritten Einsatz durch. Dieses Mal konnten wir 58 Menschen retten. Somit befanden sich 116 Männer, Frauen und Kinder an Bord der Ocean Viking. Als ich gegen 23 Uhr vor lauter Müdigkeit das Licht ausmachte, ahnte ich nicht, dass uns wenige Stunden später ein weiterer Seenotfall aus dem Schlaf reißen würde.

Einsatzbereit für die vierte Rettung in weniger als 36 Stunden

In der Nacht vom 19. auf den 20. September stehen wir kurz davor, unseren vierten Einsatz in weniger als 36 Stunden durchzuführen. Es beginnt mit einer Stimme an der Tür, die uns leise aus dem Schlaf weckt und uns vorwarnt: „In vierzig Minuten erreichen wir ein Boot in Seenot“.

Erster Schritt: Wir vergewissern uns, dass die Kolleg*innen in unserer Kabine wach sind. Zweiter Schritt: Wir trinken und essen etwas. Letzter Schritt: Wir legen unsere Rettungsausrüstung an – ganz in Ruhe, es gibt keinen Grund zur Eile.

In der Ausbildung haben wir gelernt, wie wir es in zehn Minuten schaffen, uns von Kopf bis Fuß anzuziehen und unser schnelles Beiboot (RHIB) für den Einsatz vorzubereiten. Wir ziehen unsere Regenjacken, die Stiefel, die Handschuhe und die Schwimmwesten an. „Wir sind einsatzbereit!“

Ein Blick auf die Uhr: 2:19 Uhr, tiefe Nacht, fast Vollmond. Auf dem Deck der Ocean Viking sind die roten Scheinwerfer in Betrieb. Jeder ist an seinem Platz und konzentriert sich auf die bevorstehende Rettung. Gleich werden wir die beiden Schnellboote „Easy 1“ und „Easy 2“ zu Wasser lassen, zwei der drei RHIBs der Ocean Viking.

Zwischen unseren FFP2-Masken und unseren Schutzhelmen sind nur unsere Augen zu sehen. Das reicht aus, um zu kommunizieren. Blicke, Augenzwinkern und Stirnrunzeln, die bestätigen, fragen oder anweisen: „Spanngurte ab“, „Ausrüstung für Wiederbelebung an der Station“, „Bootsanleger bereit“, oder einfach: „Hey, alles in Ordnung?“.

Das Deck ist jetzt ein ohrenbetäubender Ort. Wir müssen schreien, um den Lärm der Maschinen zu übertönen. „Easy 2, bereit zum Stapellauf!“. Der Hydraulikkran setzt unser RHIB aus. „Easy 2, grünes Licht, um zum Bootsanleger zu fahren!“. Die letzten beiden Besatzungsmitglieder gehen auf das Schnellboot. Und los geht’s.

Retterin Justine bereit für den Einsatz

Ruckeliges Licht und Männerstimmen

Wir machen uns auf den Weg zu einer kleinen, unruhigen Lichtquelle auf dem Wasser. Unterwegs erfrischen uns ein paar Wellen, die sich an der Seite des Beibootes brechen. Sie sind willkommen, die Luft ist schwer und schwül. Ich komme ins Schwitzen.

Wir scannen den Horizont mit den Augen und fahren auf Sicht in Richtung des wackeligen Lichts. In der Ferne sind die verschwommenen Umrisse einer Form zu erkennen. Dann können wir ein Holzboot ausmachen. Männerstimmen. Dreizehn, um genau zu sein, aber wir wissen es noch nicht. Der Geruch von Treibstoff. Das ruckelige Licht ist ein Handy-Display, das auf Armeslänge gehalten wird. Zumindest glaube ich das in der Dunkelheit zu sehen.

Ein Mann, der im hinteren Teil des Bootes sitzt, hebt den Arm, um auf sich aufmerksam zu machen. Er verharrt so ein paar Minuten lang und zeigt uns ein verheddertes Seil. Vielleicht glaubt er, dass er damit ins Boot gezogen werden kann. Ich werde es nicht erfahren, und es wird auch nicht passieren. Das Abschleppen dieser Boote, die oft in schlechtem Zustand und stark überbesetzt sind, würde eine echte Gefahr für die Menschen an Bord darstellen.

Rettung

Die Stimme, die uns vor einer Stunde sanft geweckt hat, hat jetzt die Notlage fest im Griff. Die Stimmen der Männer verstummen. Unsere beiden RHIBs liegen längsseits des Holzbootes und nehmen es wie in einem „Sandwich“ zwischen sich. Die Blicke der Männer sind trüb, ihre Gesichter gezeichnet von der Erschöpfung und Ungewissheit des endlosen Treibens auf See: Achtundvierzig Stunden waren es, so berichten sie.

Mit einem Bootshaken und der Kraft unserer Arme halten wir die Reling des Bootes fest, um den Kontakt nicht zu verlieren. Das Festhalten kostet Kraft, denn die Bewegungen des Meeres treiben uns abwechselnd vom Boot weg und zum Boot hin. Es ist schweißtreibend. Die Nacht ist noch dunkel, der Mond spendet kaum Licht. An der Reling festhalten, Schwimmwesten verteilen.

Sobald jeder eine Schwimmweste hat, kann der Transfer der Männer beginnen. Einer nach dem anderen, in Ruhe, kommt zu uns auf das RHIB. Nach zwei Tagen im Sitzen, ohne sich die Beine vertreten zu können, ist es eine erhebliche Anstrengung aufzustehen, das Gleichgewicht zu halten, über den Bootsrand zu steigen, ein paar Schritte zu gehen, um sich an Bord des RHIB wieder zu setzen.

Einer ist so erschöpft, dass er auf einer Trage zu uns gebracht werden muss. Sie nimmt fast zwei Drittel des Schnellbootes ein. Das restliche Drittel wird von einem riesigen Sack mit hufeisenförmigen Rettungsringen eingenommen. Drei weitere, ebenso große Säcke sind an den Seiten unseres Beibootes befestigt. Der Platz ist optimal genutzt, denn er ist kostbar. Es bleiben nur wenige Zentimeter, um sich zu bewegen. Es fällt nicht leicht, auf diesem schwankenden Boden das Gleichgewicht halten können.

Während die Geretteten transferiert werden, tasten ihre Füße um die Trage herum, um einen Platz auf unserem RHIB zu finden. Vier von ihnen auf unserem Schnellboot, die anderen gehen auf das zweite. Die Gesichter werden entspannter. Ein Überlebender blickt in den Himmel und murmelt etwas. Ein anderer hat ein Lächeln in den Augen. Dieser Mann hat nur noch einen Schuh an den Füßen. Ein anderer hält sich an einer Tasche fest, in der sich ein paar Dinge befinden. Ihre Daumen gehen nach oben als Antwort auf unsere Fragen: „Es geht mir gut“. Ein paar Blicke verlieren sich noch in der Dunkelheit.

Ich starre auf das Deck ihres Bootes. Es ist übersät mit diesen schwarzen Gummischläuchen, die als Rettungsringe für diese lebensgefährliche Überfahrt verkauft werden. Mein Kiefer krampft sich bei dem Anblick zusammen: Ich weiß, dass sie kein Leben retten können.

In Sicherheit

Die beiden Schnellboote machen sich auf zur Ocean Viking, um die Männer an Bord zu bringen. Ich hocke neben der Trage und halte Kontakt zu dem erschöpften jungen Mann. Es ist fast vorbei. Einer nach dem anderen klettern die Geretteten die orangefarbene Leiter der Ocean Viking hinauf. Diese wenigen Sprossen der Leiter sind die letzte Anstrengung, bevor sie vom Team an Bord versorgt werden. Die Trage wird mit Hilfe eines Flaschenzugsystems auf das Boot gehievt. 1,2 ziehen! 1,2 ziehen! Geschafft.

Es muss vier Uhr sein, oder wahrscheinlich noch später. Händedrücken und Schulterklopfen gehen durch die Crew der Ocean Viking. Die Operation ist beendet. Heute Nacht werden diese dreizehn Männer an einem sicheren Ort schlafen.“

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Fotonachweis: Laurence Bondard / SOS MEDITERRANEE