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Onboard Aquarius: ein neues Tool für mehr Transparenz

Interview mit Julie Melichar, Research and Evidence Officer an Bord der Aquarius. 

Die Aquarius ist nun nach einem Monat Aufenthalt im Hafen von Marseille zurück in den internationalen Gewässern vor der libyschen Küste. Für diese Mission beschlossen SOS MEDITERRANEE und ihr medizinischer Partner an Bord, Ärzte ohne Grenzen (MSF), die Ereignisse im Mittelmeer mit Blick auf den neuen politischen Kontext für Seenotrettung stärker zu bezeugen. So wurde ein neues operatives Tool in Gestalt eines online-Logbuch ins Leben gerufen, es findet sich unter onboard-aquarius.org. Es wurde von 10 Freiwilligen der Firma Infostrates in Marseille entwickelt. Julie Melichard ist an Bord, um dieses neue Transparenz-Tool laufend zu aktualisieren.

 

Julie, könntest du in ein paar Worten beschreiben, was genau das Logbuch onboard-aquarius.org ist?

Das Logbuch ist ein gemeinsames Tool von SOS MEDITERRANEE und MSF, das quasi in Echtzeit berichtet, was die Aquarius auf See tut, sieht und hört.

Das Tool hat mehrere Ziele: Sachlich und objektiv erklären, was die Aquarius tut und beobachtet, und was für Interaktionen es mit anderen Akteuren auf See gibt. Der Gedanke dahinter ist, den Nutzer*innen zu veranschaulichen, worum es bei den Einsätzen geht und in welchem rechtlichen Rahmen sie sich entfalten, wie beispielsweise den Seerechtskonventionen und dem Völkerrecht. Die meisten Einträge werden anhand von Karten, Bildern, Videos, Audioaufnahmen oder Berichten von Geretteten illustriert.

Auf der Website des Logbuchs befindet sich ebenfalls eine Datenbank mit rechtlichen Hinweisen, ein Wörterverzeichnis, das die nautischen und technischen Begriffe erläutert, sowie eine Karte, auf der man die Position des Schiffes live verfolgen kann.

 

Warum war ein Logbuch überhaupt notwendig?

Wir haben bemerkt, dass es vermehrt zu Verwirrungen und Unklarheiten bezüglich der Such- und Rettungseinsätze im Mittelmeer kam. Manchmal kommt es zu Missverständnissen über das rechtliche und operative Rahmenwerk, in dem wir arbeiten. Also dachten wir, dass ein solches Tool mehr Klarheit schaffen könnte, und dass es uns ermöglicht, unsere Einsätze transparent darzulegen, indem wir diese Informationen veröffentlichen. Wir hoffen, dass die gegenwärtige, sehr komplexe Situation im zentralen Mittelmeer mit diesem Tool für die Öffentlichkeit leichter verständlich wird.

 

Wer kann das Logbuch nutzen?

Es kann von Journalist*innen, Wissenschaftler*innn, anderen NGOs, Jurist*innen und allen Bürger*innen genutzt werden, die sich dafür interessieren, was die Aquarius tut und bezeugt. Dieses Tool hat auch einen langfristigen Zweck, nämlich als ein mögliches Archiv für spätere Recherchen zum Thema Seenotrettung zu dienen.

Eine der Missionen der Aquarius ist es, zu bezeugen: Wir sind ein ziviler Wächter, der aufzeichnet, was sich im zentralen Mittelmeer ereignet.

 

Du speist die Informationen direkt von Bord der Aquarius in das Logbuch ein. Wie sieht das im Alltag aus?

Ich verbringe den Großteil meines Tages auf der Brücke, dem Kontrollraum des Schiffs. Dort arbeite ich in eng mit den wachhabenden Offizieren, dem Rettungskoordinator (SARCO) von SOS MEDITERRANEE und dem Projektkoordinator von MSF zusammen, um die Situation zu verstehen und die gewonnenen Informationen zügig zu veröffentlichen.

Auf dem Logbuch veröffentliche ich nur Fakten und objektive Informationen über die Geschehnisse hier auf See. Ich fülle eine Chronik aus, wann immer ein neues Ereignis gemeldet werden muss, archiviere begleitende Dokumente, und beobachte den Kontext.

Alles, was wir auf dem Logbuch veröffentlichen, ist mit Informationen belegt. Dabei kann es sich um eine VHF-Aufnahme handeln, oder aber um eine Karte, einen Anruf, ein Bild, oder einen Zeugenbericht eines*r Überlebenden an Bord – eben alles, was uns an Bord zur Verfügung steht.

 

Wie sieht das praktisch aus? Was für Bildschirme oder Tools benutzt du?

Wir nutzen alle Kommunikations- und Navigationsmittel, die sich auf der Brücke befinden: VHF, Telefone, Seenotmeldungen über NAVTEX und Inmarsat. Auch nutzen wir Informationen, die wir über Radar, ECDIS, oder AIS erhalten. All diese Begriffe werden im Wörterverzeichnis erläutert.