Survivor and crew member on the Ocean Viking

180 gerettete Menschen an Bord der Ocean Viking und kein sicherer Hafen in Sicht

Pressestatement
Berlin, 02. Juli 2020


Nach vier Rettungen hat SOS MEDITERRANEE bereits fünf Mal einen sicheren Hafen für die am Donnerstag letzter und am Dienstag dieser Woche Geretteten bei den italienischen und maltesischen Behörden angefordert, bislang ohne Erfolg,“ erklärt Verena Papke, Geschäftsführerin von SOS MEDITERRANEE Deutschland. „Für die 180 Überlebenden an Bord der Ocean Viking wächst die Anspannung und der Stress durch die Ungewissheit. Die Situation wird unerträglich.“

Mehr als hundert der 180 Überlebenden harren unter den schwierigen Bedingungen bereits seit fast einer Woche auf dem Schiff aus. Nachdem die Besatzung kaum Unterstützung bei der Koordinierung der Rettungen durch die offiziellen Leitstellen erhielt, gibt es bis heute keine Zuweisung für einen sicheren Ort zur Ausschiffung der Menschen.

Das Rettungsschiff von SOS MEDITERRANEE, der zivilen europäischen Organisation für Seenotrettung auf dem Mittelmeer, war am Montag letzter Woche nach längerem, Corona-bedingtem Hafenaufenthalt von Marseille, Frankreich, ausgelaufen. Kurz nach dem Eintreffen im zentralen Mittelmeer am Donnerstag wurden mittags die ersten 51 Menschen aus einem Boot in Seenot gerettet, darunter eine schwangere Frau. Stunden später die zweite Rettung: 67 Menschen wurden von der Crew aus einem weiteren Boot in Seenot gerettet. Ein Mann musste Montagnacht durch die italienischen Seebehörden evakuiert werden, weil sein Gesundheitszustand sich verschlechterte.

Während die Ocean Viking auf die Zuweisung eines sicheren Hafens für die verbleibenden 117 Menschen an Bord wartete, konnte sie am Dienstag dieser Woche bei einem erneuten Einsatz 47 stark dehydrierte Menschen aus einem Holzboot retten. Nach Angaben der Überlebenden hatten sie bereits vier bis fünf Tage auf See verbracht. In der Nacht zu Dienstag wurden weitere 16 Personen aus einem kleinen Boot gerettet.

„Mit jetzt 180 Geretteten aus 13 Nationen an Bord der Ocean Viking ist die Ausschiffung an einem sicheren Ort dringend notwendig. Mehrere Verzweifelte haben bereits geäußert, über Bord springen zu wollen, weil sie die Anspannung des Wartens nicht mehr aushalten,“ sagt Verena Papke. „Diese Erfahrung zeigt wieder einmal, dass wir dringend eine staatlich organisierte europäische Seenotrettung brauchen. Das Malta-Abkommen von 2019, das wegen der Corona-Pandemie ausgesetzt wurde, muss wieder aktiviert werden. Mit der Vereinbarung könnten die auf See geretteten Menschen gerecht auf europäische Länder verteilt werden. Doch stattdessen verweigern die Staaten uns jetzt ihre Häfen.”

Anlässlich der gestern begonnenen deutschen EU-Ratspräsidentschaft fordert SOS MEDITERRANEE Bundesaußenminister Heiko Maas mit einer Petition auf, sich für die Einführung eines EU-Seenotrettungsprogramms einzusetzen. Zur Petition 

Warum eine solche europäisch organisierte Seenotrettung die aktuellen rechtswidrigen und menschenunwürdigen Praktiken ersetzen muss, erklärt faktenreich unser Ende Juni veröffentlichter Report „Völkerrecht über Bord – Wie die EU die Verantwortung für Seenotrettung im zentralen Mittelmeer auslagert“. Zum Report

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Pressekontakt:
Petra Krischok, SOS MEDITERRANEE Deutschland e.V., presse@sosmediterranee.org 

Bildnachweis: Flavio Gasperini / SOS MEDITERRANEE – Nutzung ausschließlich für redaktionelle Zwecke