In der Nacht des 28. November 2019 können unsere Teams 60 Menschen von einem instabilen Holzboot retten

60 Überlebende an Bord der Ocean Viking auf See gestrandet, während Winter einsetzt

Berlin, 03. Dezember 2019. Während im zentralen Mittelmeer der Winter einsetzt, warten 60 Überlebende auf dem Rettungsschiff Ocean Viking darauf, umgehend an einem sicheren Ort an Land gehen zu können. Vor fünf Tagen waren sie in internationalen Gewässern vor Libyen von der Crew der Organisation SOS MEDITERRANEE aus Seenot gerettet worden. Die europäische Organisation zur Rettung Schiffbrüchiger im Mittelmeer fordert die europäischen Staaten und die Seefahrtbehörden auf, der Ocean Viking sofort einen Ausschiffungsort zuzuweisen. „Seerecht schreibt vor, dass aus Seenot Gerettete unmittelbar an einem sicheren Ort an Land gehen dürfen. Derart Schutzbedürftige auf See stranden zu lassen, ist nicht nur Völkerrechtsbruch, sondern zutiefst unmenschlich“, sagt David Starke, Geschäftsführer von SOS MEDITERRANEE in Deutschland.

Die Rettung der 60 Menschen am Donnerstag vergangene Woche, dem 28. November 2019, sei herausfordernd gewesen, berichtet das Rettungsteam der gemeinnützigen Organisation. Während der Nacht waren die Menschen aus einem instabilen und überfüllten Holzboot 60 Seemeilen vor der libyschen Küste gerettet worden. Unter den Überlebenden befinden sich 19 Minderjährige, darunter ein drei Monate altes Baby und sein drei Jahre alter Bruder. Die große Mehrheit der Kinder ist ohne Begleitung eines erwachsenen Angehörigen an Bord der Ocean Viking.

Von den 60 Überlebenden wurden mehrere vom medizinischen Ärzte ohne Grenzen-Team an Bord der Ocean Viking wegen schwerwiegender traumatischer Verletzungen behandelt. Diese hätten sie in Libyen erlitten. Ein Patient ist unter medizinischer Beobachtung und muss beim Ausschiffen sofort in ein Krankenhaus gebracht werden. Bei den gegenwärtigen Wetterbedingungen schlägt die grundlegende Behandlung der Seekrankheit bei vielen Betroffenen nicht mehr an und die meisten benötigen nun Injektionen, um anhaltendes Erbrechen zu kontrollieren.

„Einmal mehr sitzen Männer, Frauen und Kinder auf dem Deck unseres Schiffes fest, nachdem sie aus Seenot gerettet wurden. Das Wetter wird in den nächsten Tagen schlechter werden, was das Leiden der Menschen, die bereits so viel erlitten haben, unnötig verlängert“, sagt Nicholas Romaniuk, Such- und Rettungskoordinator von SOS MEDITERRANEE an Bord der Ocean Viking. „Für die Überlebenden muss dringend eine Lösung gefunden werden. Außerdem brauchen wir endlich die planbare Ausschiffungsregelung, die in den letzten Monaten von den europäischen Staats- und Regierungschefs diskutiert und bis heute noch nicht umgesetzt wurde“.

33 Gerettete werden nach Druck auf einen Handelsschiffkapitän nach Libyen zurückgebracht

In der Zwischenzeit erhielt die Ocean Viking die Information, dass die 33 Personen, die am 30. November 2019 von einem Handelsschiff vor der Küste Libyens gerettet worden waren, von der libyschen Küstenwache nach Tripolis zurückgebracht wurden. Das Schiff hatte die Crew der Ocean Viking zuvor um Hilfe gebeten. Da ihr aber keine Genehmigung zur Übernahme der geretteten Personen erteilt wurde, konnte sie diese nicht an Bord nehmen.

„Die Teams der Ocean Viking haben ihr Bestes getan, um den Überlebenden und dem Kapitän des Schiffes in diesem sehr komplexen Kontext, mit dem wir im Mittelmeer konfrontiert sind, zu helfen. Die derzeitige Situation verhindert, dass gerettete Menschen auf schnellstem Wege an einem sicheren Ort an Land gebracht werden. Die Schiffsführer werden völlig in Ungewissheit gelassen und die Überlebenden haben Angst davor, nach Libyen zurückgezwungen zu werden. Kapitäne, die Menschen aus Seenot retten, brauchen Unterstützung dabei, Überlebende so schnell wie möglich an einen sicheren Ort zu verbringen. Libyen ist aber kein sicherer Ort. Darin sind sich selbst die europäischen Staats- und Regierungschefs einig. Die Menschenrechtsverletzungen in Libyen sind gut dokumentiert. Und dennoch weigern sich die europäischen Mitgliedstaaten, die Verantwortung für die Koordinierung und Zuweisung eines sicheren Ausschiffungsortes zu übernehmen. Stattdessen verweisen sie uns immer wieder an die libysche Küstenwache. Die Politik der Europäischen Union ist hier absolut inkohärent. Einerseits erkennt sie ganz klar an, dass die Situation in Libyen unhaltbar ist und libysche Häfen als Ort für aus Seenot gerettete Menschen nicht in Frage kommen. Auf der anderen Seite aber werden die Menschen weiterhin nach Libyen zurückgeschickt“, sagt Frédéric Penard, Einsatzleiter von SOS MEDITERRANEE in Marseille.

„Die Ocean Viking wurde einmal mehr Zeuge der anhaltenden mangelnden Koordination bei Seenotfällen im zentralen Mittelmeer, der Behinderung ziviler Seenotrettung und davon, wie Handelsschiffe nach der Rettung von schutzsuchenden Menschen im Stich gelassen werden. Die Menschen fliehen weiterhin aus Libyen. Die einzigen beiden Möglichkeiten, die sie derzeit haben, ist entweder gegen ihren Willen nach Libyen zurück gebracht zu werden oder auf See zu sterben. Für einige Entscheidungsträger in Europa scheint es akzeptabel zu sein, Seenotrettung zu behindern und Menschen daran zu hindern, Schutz zu suchen. Mindestens 743 Menschen sind dieser Politik allein dieses Jahr zum Opfer gefallen und im zentralen Mittelmeer gestorben“, fügte Nicholas Romaniuk hinzu.

HINTERGRUND:
Einen Tag nach der Rettung, am 29. November 2019, hatte die Ocean Viking bei der libyschen Koordinierungsstelle Libyan Joint Rescue Coordination Center (LYJRCC) die Zuweisung eines sicheren Ausschiffungsortes für die 60 Überlebenden beantragt. Laut internationalem Seerecht muss die zuständige Seefahrtbehörde einen sicheren Hafen benennen. Weil die libysche Koordinierungsstelle nicht reagierte, wandte sich die Ocean Viking schließlich mit der Bitte um Unterstützung bei der Suche nach einem sicheren Ort an die umliegenden Rettungsleitstellen in der Region, die italienischen und maltesischen Behörden. Aktuell wartet die Ocean Viking in Bereitschaftsposition zwischen Malta und Italien auf weitere Anweisungen. Auf die Anfrage haben beide Rettungsleitstellen bisher negativ reagiert.

Pressekontakt:
Barbara Hohl, SOS MEDITERRANEE Deutschland e.V., presse@sosmediterranee.org,
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Photo credits: Hannah Wallace Bowman / MSF