104 Menschen werden von einem Schlauchboot 50 Seemeilen vor der libyschen Küste gerettet

„Es ist leichter auf See zu ertrinken, als in Libyen zu sterben“ – 104 Gerettete an Bord der Ocean Viking brauchen einen sicheren Hafen

Pressemitteilung
Berlin, den 21. Oktober 2019


Am 18. Oktober, nur zwei Tage nachdem das Rettungsschiff Ocean Viking in Italien 176 gerettete Menschen an Land gebracht hat, haben die Hilfsorganisationen SOS MEDITERRANEE und Ärzte ohne Grenzen (MSF) erneut 104 Personen aus einem Schlauchboot gerettet. Es war 50 Seemeilen vor der libyschen Küste in Seenot geraten. Unter den geretteten Menschen befinden sich zwei schwangere Frauen und 41 Minderjährige, 76% von ihnen sind unbegleitet. Das Rettungsteam von SOS MEDITERRANEE hatte das Boot mit einem Fernglas gesichtet und umgehend die Evakuierung der Menschen von dem seeuntüchtigen Schlauchboot eingeleitet.

In den letzten zwei Tagen haben die Teams der Ocean Viking den Augenzeugenberichten der Überlebenden zugehört. Diese sind erschreckende Zeugnisse der Gewalt und der Misshandlungen denen Migrant*innen und Flüchtende in Libyen ausgesetzt sind. Ein 20-jähriger Mann von der Elfenbeinküste erzählte dem SOS MEDITERRANEE-Team an Bord, dass er in dem libyschen Privatgefängnis Bani Walid mitansehen musste, wie Wächter einen seiner Freunde mit Benzin übergossen und ihn anschließend anzündeten. Sein Freund sei zwei Tage später, nachdem er keine medizinische Versorgung erhalten hatte, an den Folgen seiner Verletzungen gestorben.

Ein 15-jähriges Mädchen von der Elfenbeinküste versuchte laut eigenen Angaben erstmals im August dieses Jahres gemeinsam mit ihrer Mutter und den zwei jüngeren Geschwistern, über das Mittelmeer zu flüchten. Vier Tage lang seien sie auf See gewesen und hätten dort zwei Kleinkinder und zwei Frauen sterben sehen, bevor sie von der libyschen Küstenwache abgefangen und nach Libyen in ein Internierungslager zurückgebracht worden seien. „Da drin tun sie mit den Frauen, was sie wollen“, erzählte das Mädchen den Teams der Ocean Viking.

Ein 23-jähriger Überlebender, ebenfalls von der Elfenbeinküste, sagte: „Es ist leichter, auf See zu sterben, als in Libyen zu leben.“

So unterschiedlich die Geschichten der 104 geretteten Menschen an Bord der Ocean Viking sein mögen, jede einzelne zeugt von der katastrophalen Lage für Migrant*innen und Flüchtende in Libyen. Angesichts dessen ist die Aufforderung, Gerettete nach Libyen zurückzubringen, völlig inakzeptabel. Nach allem, was diesen Menschen widerfahren ist, brauchen sie schnellstmöglich einen sicheren Ort“, erklärte der Geschäftsführer von SOS MEDITERRANEE Deutschland, David Starke.

Die Ocean Viking hat unterdessen bei den zuständigen Seefahrtbehörden die Zuweisung eines sicheren Hafens für die Überlebenden angefragt. Bereits am Freitag, den 18. Oktober, hatte die libysche Rettungsleitstelle (LY-JRCC) der Ocean Viking Tripolis als Hafen zugewiesen, was SOS MEDITERRANEE und Ärzte ohne Grenzen mit Verweis auf internationales Recht abgelehnt haben. Nach dem Völkerrecht kann Libyen nicht als sicherer Ort für schutzsuchende Menschen angesehen werden.

Gestern Abend hat die Ocean Viking auf der Suche nach einem sicheren Hafen deshalb die libysche Such- und Rettungszone verlassen und die italienische und maltesische Rettungsleitstelle um Unterstützung bei der schnellstmöglichen Zuweisung eines sicheren Ortes gebeten, an dem die 104 Menschen an Land gehen können.

Pressekontakt:
Jana Ciernioch, SOS MEDITERRANEE Deutschland e.V., presse@sosmediterranee.org,
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Photo credits: Julia Schaefermeyer / SOS MEDITERRANEE