Frauen auf der Flucht sind besonders verwundbar: Bilanz nach zwei Jahren Einsatz im Mittelmeer

Frauen auf der Flucht sind besonders verwundbar: Bilanz nach zwei Jahren Einsatz im Mittelmeer

Heute vor zwei Jahren hatte die europäische Seenotrettungsorganisation SOS MEDITERRANNE ihren ersten Rettungseinsatz im Mittelmeer. Seitdem ist sie durchgehend im Einsatz und ist bisher mehr als 27.000 Flüchtenden zur Hilfe gekommen – unter ihnen mehr als 4.000 Frauen. Zum Weltfrauentag am 08. März hat SOS MEDITERRANEE die Erlebnisse von weiblichen Geflüchteten dokumentiert und stellt zugleich einige Frauen hinter SOS MEDITERRANEE vor.

Mindestens die Hälfte aller Flüchtlinge sind Frauen und Mädchen. Schätzungen zufolge sind es weltweit mehr als 32 Millionen. In der Regel verlassen sie ihre Herkunftsländer allein oder mit ihren Kindern. Auf den verschiedenen Stationen ihrer Flucht sind sie der Willkür von Schleusern, Beamten und andere Flüchtlingen ausgesetzt, die nicht selten ihre Schutzlosigkeit ausnutzen. Das trifft auch auf die 4.268 Frauen zu, die von dem gemeinsam von SOS MEDITERRANEE und Ärzte ohne Grenzen betriebenen Rettungsschiff Aquarius aus Seenot gerettet wurden. Viele von ihnen sind in ihren Herkunftsländern und auf der Flucht Opfer sexueller Gewalt geworden – vor allem in Libyen. Von den dortigen Menschenrechtsverletzungen sind besonders Frauen betroffen, wie im November 2017 eine junge Frau aus Kamerun berichtete, die in Libyen entführt worden war:

„Im Gefängnis ist eine Frau nach der Geburt gestorben. Wir hatten die Nabelschnur mit einem Faden abgetrennt, weil wir nichts hatten, keine Ärzte, keine Pflege. Wir konnten uns nicht waschen. Sie haben uns Drogen ins Essen getan, damit wir schlafen. Das Wasser war nicht trinkbar. Mein Kind ist in Niger in der Wüste geboren. In Libyen waren das Baby und ich in Sabratha fünf Monate in Gefangenschaft. Ich stille ihn noch immer, um ihn zu schützen. Er ist eineinhalb, aber er wirkt älter, weil er so viel Schlimmes gesehen hat. Er weint sehr viel“.

Auch die Flucht über das Mittelmeer birgt für Frauen spezielle Risiken. Sie befinden sich in der Regel im Inneren der Schlauchboote, weil sie denken, dort sicher zu sein. Genau das wird ihnen im Zweifelsfall zum Verhängnis: Wenn Wasser in die Boote eindringt, bricht schnell Panik aus, da die meisten Schiffbrüchigen nicht schwimmen können. Dann sind es die Personen in der Mitte des Bootes, die in dem Gedrängel ersticken, zu Tode getrampelt werden oder sogar noch im Boot im kniehohen Wasser ertrinken.

Allein im Jahr 2017 wurden insgesamt auf der Aquarius 130 Fälle von sexuellem Missbrauch dokumentiert.  Darunter waren 17 minderjährige Opfer. 57 % der Opfer sexueller Übergriffe kamen aus Nigeria. 12 % davon hatten schon sexuellen Missbrauch in ihrem Heimatland erlitten, 22 % auf dem Weg und 42% in Libyen. Viele der geretteten Frauen weisen schwere psychologische Traumata und körperliche Verletzungen auf.

2017 berichtete eine Hebamme an Bord der Aquarius: „Eine der Frauen erklärte mir, dass man sie mehrmals mit dem Lauf einer Kalaschnikow vergewaltigt habe. (…) Ich habe diese oder ähnliche Aussagen viele Male gehört, aber ich kann mich einfach nicht daran gewöhnen. Manche Frauen sind so schlimm misshandelt worden, dass sie den Unterschied zwischen freiwilligem Geschlechtsverkehr und einer Vergewaltigung nicht mehr kennen.“

Um der besonderen Schutzbedürftigkeit von Frauen auf der Flucht gerecht zu werden, wurde auf der Aquarius ein spezieller Schutzraum für Frauen und Kinder eingerichtet. Dort übernimmt eine Hebamme die medizinische Versorgung der Frauen und Mädchen.

 

Mit der Bitte um Veröffentlichung. Mehr Informationen stehen auf der Website im Pressedossier „Frauen auf der Flucht“ zur Verfügung.

Für Fotomaterial, Interviews und Rückfragen kontaktieren Sie bitte:

Jana Ciernioch, SOS MEDITERRANEE Deutschland e.V., j.ciernioch@sosmediterranee.org.

 


 

SOS MEDITERRANEE ist eine europäische Nichtregierungsorganisation zur Rettung Schiffbrüchiger im Mittelmeer. Sie hat sich 2015 gegründet und ist seit Februar 2016 gemeinsam mit Ärzte ohne Grenzen mit dem Rettungsschiff Aquarius im Mittelmeer im Einsatz. Seitdem konnte SOS MEDITERRANEE  27.173 Flüchtenden zur Hilfe kommen und hat 2017 den UNESCO-Friedenspreis erhalten. Die gemeinnützige Organisation mit Vereinen in Frankreich, Deutschland, Italien und der Schweiz finanziert sich ausschließlich durch Spenden.