Ein Geretteter blickt während des Wartens auf die Zuweisung eines sicheren Ortes auf das Meer.

Mehr als 400 schutzsuchende Menschen sitzen vor Malta fest – doch die EU reagiert nicht. Im Mittelmeer droht eine Tragödie

Pressemitteilung
Berlin | Genf | Mailand | Marseille 3. Juni 2020


SOS MEDITERRANEE warnt vor den tödlichen Folgen der ausbleibenden Seenotrettung im zentralen Mittelmeerraum und ruft zu sofortigem und koordiniertem europäischen Handeln auf.

Über 400 gerettete Menschen sitzen derzeit auf vier privaten Kreuzfahrtschiffen auf See fest, manche seit mehr als einem Monat. Die Touristenschiffe wurden von der maltesischen Regierung gechartert. Die Überlebenden sind vor extremer Gewalt und Misshandlungen in Libyen über das zentrale Mittelmeer geflohen. Gleichzeitig waren wegen der Corona-Pandemie fast keine Rettungsschiffe vor Ort. Anstatt die Geretteten an einem sicheren Ort an Land zu bringen, wie es das Völkerrecht verlangt, werden sie für politische Verhandlungen unter den EU-Mitgliedstaaten benutzt. Doch trotz der Dringlichkeit wurde bisher keine koordinierte Lösung für ihre Verteilung vorgeschlagen. Die Menschen werden weiter in Ungewissheit gelassen.

Die europäische Seenotrettungsorganisation SOS MEDITERRANEE ist in den letzten vier Jahren Zeugin der sich weiter verschärfenden humanitären Krise im zentralen Mittelmeer geworden. SOS MEDITERRANEE richtet einen dringenden Appell an die europäischen Staaten:

Die geretteten Menschen, die vor Malta gestrandet sind, müssen sofort an einem sicheren Ort an Land gehen dürfen. Die europäischen Staaten müssen umgehend die Aufnahme und Verteilung der im zentralen Mittelmeer geretteten Menschen umsetzen. Außerdem müssen die EU-Staaten ein koordiniertes und tragfähiges Seenotrettungsprogramm einführen, das sich an geltendes Recht hält.

„Deutschland hat letzten Herbst gemeinsam mit Frankreich, Italien, und Malta gezeigt, dass angesichts der humanitären Katastrophe im Mittelmeer sofort gehandelt werden muss und das „Malta-Abkommen“ zur Aufnahme und Verteilung aus Seenot geretteter Menschen unterzeichnet. Diese Bemühungen Deutschlands bei der Aufnahme und Verteilung von aus Seenot geretteten Menschen dürfen nicht aufhören“, sagt David Starke, Geschäftsführer von SOS MEDITERRANEE Deutschland e.V. „Mit Blick auf die anstehende EU-Ratspräsidentschaft Deutschlands fordern wir von der deutschen Bundesregierung, sich für die Seenotrettung im Mittelmeer stark zu machen und sich für einen europaweit gerechten Verteilmechanismus für schutzsuchende Menschen einzusetzen.“

Weil sich die humanitäre Krise im zentralen Mittelmeer absehbar weiter verschärft, wird SOS MEDITERRANEE die lebensrettenden Einsätze mit der Ocean Viking wieder aufnehmen. Ein erfahrenes Team, bestehend aus Such- und Rettungsexperten und medizinischem Personal, bereitet sich zurzeit auf die Rückkehr in den Einsatz vor. Im Zusammenhang mit der Covid-19-Pandemie werden alle notwendigen Vorkehrungen getroffen, um die größtmögliche Sicherheit der Menschen an Bord zu gewährleisten.

Blackbox Mittelmeer: unsichtbare Schiffswracks

Trotz der Covid-19-Pandemie und obwohl seit Anfang Mai keine zivilen Rettungsschiffe mehr auf dem Mittelmeer patrouillieren, haben die Abfahrten von der libyschen Küste nicht aufgehört. Vielmehr haben diese in den letzten Wochen sogar zugenommen. In jüngster Zeit wurden zahlreiche Boote in Seenot und mehrere autonome Landungen an italienischen Küsten gemeldet. Mehr als hundert weitere Überlebende warten darauf, von einer Fähre, die von den italienischen Behörden für ihre Quarantäne organisiert wurde, an Land gehen zu können.
Die Abwesenheit von Zeugen und unabhängiger Berichterstattung auf See sowie die unzureichende öffentliche Kommunikation über Rettungen und Abfangaktionen haben zu einem beunruhigenden Vakuum und der Sorge über unbemerkt gekenterte Boote mit Flüchtenden geführt.

„Die Ausweitung der tödlichen Blackbox im Mittelmeer, in dem Menschen spurlos verschwinden, ist nicht hinnehmbar. Es besteht ein kollektiver Notstand, in dem die EU-Länder Solidarität praktizieren müssen. Auch in diesem Sommer dürfen Tod und Unmenschlichkeit im Mittelmeer nicht vorherrschen“, erklärt Sophie Beau, Mitgründerin und Generaldirektorin von SOS MEDITERRANEE.

Hintergrund zur Situation im zentralen Mittelmeer

Vom 7. bis 8. April erklärten sowohl Italien als auch Malta ihre Häfen aufgrund der Corona-Krise formell für „unsicher“. In der Zwischenzeit wurden Solidaritätsmaßnahmen anderer EU-Mitgliedsstaaten mit den Mittelmeeranrainern und frühere Vereinbarungen über die Verteilung von auf See geretteten Personen ausgesetzt. Die einzigen beiden im Mittelmeer verbliebenen zivilen Rettungsschiffe sind von den italienischen Behörden seit mehr als vier Wochen stillgelegt.

Eine Kombination aus Verzögerungen und dem Versäumnis, Hilfe zu leisten und auf Notrufe zu reagieren sowie dem Abfangen durch private Schiffe hat zu einer chaotischen und tödlichen Spirale im zentralen Mittelmeer geführt. Dieses Zusammenspiel gipfelte in einer Tragödie über die Ostertage, als ein Boot mit 63 Personen tagelang ohne Rettung in Seenot verbrachte, bevor es nach Libyen zurückgezwungen wurde. Während dieser sechs Tage auf See starben fünf Menschen und sieben weitere werden vermisst. Es wird vermutet, dass sie ertrunken sind.

Hunderte von Menschen wurden in den vergangenen zwei Monaten von der libyschen Küstenwache und einigen Handelsschiffen unter Missachtung des Völkerrechts abgefangen und gewaltsam nach Libyen zurückgebracht, einem eindeutig nicht sicheren Ort.

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Pressekontakt:
Petra Krischok, SOS MEDITERRANEE Deutschland e.V., presse@sosmediterranee.org

Bildnachweis: Hannah Wallace Bowman / Ärzte ohne Grenzen