Mittelmeer/Libyen: Während die EU sich darauf einigt, Boote in Seenot zu ignorieren, rettet die Ocean Viking 274 Menschen vor dem Ertrinken

Pressemitteilung
Berlin, 20.02.2020


Nach der Rettung von 274 Kindern, Frauen und Männern aus Seenot, wartet SOS MEDITERRANEE dringlich auf die Zuweisung eines sicheren Hafens, um die Überlebenden schnellstmöglich an Land und in Sicherheit bringen zu können. Die Organisation zur Rettung Schiffbrüchiger im Mittelmeer hatte in drei Rettungseinsätzen am 18. und 19. Februar 2020 die Menschen gerettet, darunter 22 Frauen und 64 Minderjährige. Sie betreibt das Rettungsschiff Ocean Viking, zusammen mit der Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen.

Der Such- und Rettungskoordinator von SOS MEDITERRANEE vor Ort, Nicholas Romaniuk, von Bord der Ocean Viking und der derzeitigen Situation im zentralen Mittelmeer:

„Wir mussten unsere drei Such- und Rettungseinsätze komplett ohne Koordination der Seefahrtsbehörden durchführen. Die vor Ort zuständige Libysche Rettungsleitstelle (JRCC) hat entweder unsere Anrufe nicht beantwortet oder die Person im Dienst sprach kein Englisch. Die Europäischen Leitstellen verwiesen uns immer wieder auf das JRCC und boten keinerlei Hilfe an, obwohl wir ihnen wiederholt mitteilten, dass Tripolis nicht antwortet. Es ist absolut inakzeptabel, dass Menschen in Seenot allein gelassen werden, mitten in der Hochsee, auf völlig überfüllten und untauglichen Booten, wo der Tod ihre einzige Option ist.

Ich bin wütend und traurig. Seit vier Jahren muss ich mit ansehen, wie sich die Situation im Mittelmeer immer mehr verschlechtert. Europas Regierungsverantwortliche sind immer weniger empathisch und offenbaren eine erschreckende Missachtung menschlichen Lebens. Leidtragende sind die Menschen, die aus Libyen fliehen.

Während wir 274 Menschen vor dem Ertrinken retten, kündigt die EU in Brüssel an, die Operation Sophia endgültig einzustellen. Es soll zwar eine neue Mission geschaffen werden, aber vorsätzlich ohne Menschenleben zu retten. Denn die EU-Flotte soll weit weg von der Region im Einsatz sein, in der Boote in Seenot geraten.

Was übrig bleiben soll, ist die von der EU finanzierte und ausgebildete Libysche Küstenwache. Eine Küstenwache, die laut der Internationalen Organisation für Migration (IOM), erst gestern wieder mehr als 200 Kinder, Frauen und Männer auf See abgefangen und nach Libyen zurückgezwungen hat. In ein Land, in dem sie zahllosen Menschenrechtsverletzungen ausgeliefert sind, und in einen Hafen, der nur Stunden zuvor unter Artilleriebeschuss stand.

Rettungsleitstellen und Europäische Flugzeuge alarmieren kaum Schiffe in der Region über Boote und Menschen, die in Gefahr sind und sich in einer lebensbedrohlichen Situation befinden – Situationen, in denen Zeit essentiell ist. Es ist überlebenswichtig, diese sehr fragilen und überfüllten Boote so schnell wie möglich zu lokalisieren. Diese Schlauch- und Holzboote können jederzeit auseinanderbrechen oder kentern, und die Menschen an Bord versinken sekundenschnell in den Wellen und man verliert sie sofort aus den Augen.

Menschen in Seenot zu retten ist eine im Seerecht – und damit im Völkerrecht – verankerte Pflicht. Ich bin sehr besorgt, dass die aktuelle Anti-Rettungs-Rhetorik die EU-Politik prägen wird. Ungerechtfertigte Kritik an unserer lebensrettenden Arbeit wurde kürzlich von bestimmten Europäischen Ländern und Politikern lauter geäußert. Ein kaputtes System zu reparieren ist nicht Aufgabe von Nichtregierungsorganisationen (NGOs), aber wir werden weiter auf die Missstände aufmerksam machen und versuchen, eine Lücke zu schließen, die EU-Politiker wissentlich geschaffen haben. Zivile Rettungsmissionen sind wichtiger als je zuvor.“

 

Hintergrund:

Am Morgen des 18. Februar 2020 wurde die Crew der Ocean Viking von der NGO Alarm Phone über ein Holzboot in Seenot alarmiert. Ein spanisches EUNAVFOR MED-Flugzeug nahm ebenfalls Funkkontakt mit unserem Schiff auf und bestätigte die Position und den Status des in Not geratenen Bootes. Teams der Ocean Viking retteten 84 Personen, 71 Seemeilen von der libyschen Küste entfernt.

Später am Nachmittag führten sie eine zweite Rettung durch, nachdem die Crew der Ocean Viking von Alarm Phone auf ein Gummiboot in Seenot 37 Seemeilen vor der libyschen Küste aufmerksam gemacht worden war. Während das zerbrechliche Gummiboot unter den sich verschlechternden Wetterbedingungen drohte zusammenzufallen, konnten 98 Personen gerettet werden.

Am Mittwoch, dem 19. Februar, rettete die Crew der Ocean Viking 92 Personen in der Nähe der Ölplattform von Sabratha. Bei 2,5 Meter hohen Wellen war es ein schwieriger Einsatz. Viele der Überlebenden – darunter zahlreiche Frauen und Kinder – waren extrem schwach und in einem Notfall-Zustand.

Die Crew der Ocean Viking informierte die libysche Rettungsleitstelle (JRCC) in allen Phasen jeder Rettung. Nur zwei Anrufe wurden beantwortet, aber es standen keine englischsprachigen Mitarbeiter zur Verfügung.

Am Mittwochnachmittag beantragte die Crew der Ocean Viking in Übereinstimmung mit dem Seerecht einen sicheren Ort für die rasche Ausschiffung der 274 Überlebenden beim libyschen JRCC, mit den maltesischen und italienischen Rettungsleitstellen (RCC) in Kopie. In Abwesenheit jeglicher Antwort auf alle E-Mails an die libyschen Seefahrtsbehörden – auch auf die Bitte um Zuweisung eines sicheren Ort – bat die Crew der Ocean Viking die maltesischen und italienischen Rettungsleitstellen am Mittwochabend um Unterstützung bei der Koordination einer raschen Ausschiffung. Seitdem wartet das Schiff auf Anweisungen durch die Seefahrtsbehörden.

 

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Pressekontakt:
Barbara Hohl, SOS MEDITERRANEE Deutschland e.V., presse@sosmediterranee.org,
T +49 (0)30 2205 6811, M +49 (0)173 3927306

Fotonachweis: Anthony Jean/SOS MEDITERRANEE